Gymnasium Immensee: Lehrer bestreitet Missbrauchs-Vorwürfe

SCHWYZ ⋅ In den 90er Jahren kam es laut Aussagen einer ehemaligen Schülerin des Gymnasiums Immensee zu sexuellen Übergriffen eines Lehrers. Der Beschuldigte räumt ein, mit ihr ein Verhältnis gehabt zu haben – sie sei aber nicht mehr minderjährig gewesen. Der Rektor der Schule sagt, warum der Mann nach dem bekannt werden der Vorwürfe nicht entlassen wurde.
Aktualisiert: 
20.05.2017, 18:00
20. Mai 2017, 16:00

Eine heute 40-jährige Frau hat nach Jahren des Schweigens eine Strafanzeige gegen ihren ehemaligen Gymi-Lehrer erstattet. Sie behauptet in einem Artikel des «Tages-Anzeigers», der Pädagoge habe sie als 12-Jährige geküsst und sie ein paar Jahre später auf einer Wanderung intim berührt. Später hätten sie über Mittag in seinem Büro Geschlechtsverkehr gehabt. Anfangs hätte ihr die Aufmerksamkeit des Lehrers geschmeichelt, sie habe sich als etwas Besonderes gefühlt. Erst Jahre später habe sie realisiert, dass das, was sie für Liebe gehalten habe, gar keine war. Sie habe nach den Vorfällen Jahre gebraucht, um wieder eine eigene Persönlichkeit und Sexualität aufzubauen. Gemäss dem Zeitungsbericht hat die Frau ihren ehemaligen Lehrer nun angezeigt. Obwohl sämtliche Übergriffe verjährt seien, sei die Anzeige für sie Teil der Therapie.

Unsere Zeitung hat den beschuldigten Lehrer mit den Vorwürfen konfrontiert. Er gab an, nichts von einer Strafanzeige gegen ihn zu wissen. Im Beisein seiner Ehefrau gab er in dem Gespräch zu, ein Verhältnis mit der Schülerin gehabt zu haben. Er bestreitet jedoch, damit eine Straftat begangen zu haben. Zum Geschlechtsverkehr sei es erst gekommen, als die Frau bereits volljährig gewesen sei.

Benno Planzer, seit März 2015 Rektor am Gymnasium Immensee, hat in einer am Freitagabend verschickten Medienmitteilung bestätigt, dass sich die Vorwürfe gegen einen Lehrer richten, der früher an seiner Schule unterrichtet hat.

Herr Planzer, in dem Zeitungsbericht war die Schule anonymisiert, an der sich die erwähnten Vorfälle abgespielt haben sollen. Weshalb haben Sie sich dazu entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Es ging mir um die Transparenz. Ich wollte deutlich machen, dass wir uns nicht verstecken und dass an unserer Schule Nulltoleranz herrscht, was sexuelle Übergriffe angeht. Ich betrachte das als unsere Pflicht.

Sie selber waren 2001, als sich die Betroffene erstmals schriftlich beim Gymnasium Immensee meldete, noch nicht an dieser Schule. Ihnen liegen aber die Akten zu diesem Fall vor. Diese würden zeigen, dass die Verantwortlichen zum damaligen Zeitpunkt davon ausgingen, dass keine strafbaren Tatbestände vorliegen. Die Frau behauptet, der Lehrer habe sie schon als 12-Jährige missbraucht. Wie kam man darauf, dass dies nicht strafbar sein soll?

Zum damaligen Zeitpunkt gingen die Schulverantwortlichen davon aus, dass keine strafbaren Tatbestände vorliegen.

Hat die damalige Schulleitung denn nicht genauer nachgefragt, um das Ausmass der Vorwürfe einschätzen zu können?

Ausgangspunkt ist ein Brief, den die Frau an die Schule geschrieben hat und in dem sie ihrer ehemaligen Lehrperson vorwirft, sie habe sie mental manipuliert und sexuell missbraucht. Mehr Informationen standen damals nicht zur Verfügung. Aus den Akten geht hervor, dass der damalige Rektor das Gespräch mit der ehemaligen Schülerin suchte – doch sie stand dafür nicht zur Verfügung.

Wurde der betroffene Lehrer von der Schulleitung befragt?

Ja, ein solches Gespräch fand statt. Aus den Akten geht hervor, dass die Lehrperson dementierte, strafbare Handlungen begangen zu haben. Ob sie eingestand, nach der Matura mit der ehemaligen Schülerin geschlafen zu haben, geht aus den Unterlagen nicht hervor.

In der Medienmitteilung schreiben sie, es habe keinen juristischen Grund für eine Kündigung gegeben. Eine Privatschule ist doch auf einen guten Ruf angewiesen und selbst wenn es erst nach dem Schulabschluss zu Geschlechtsverkehr gekommen wäre, dann hätte doch diese Lehrperson in einem hochsensiblen Bereich nicht die nötige Professionalität an den Tag gelegt. Wäre das nicht ein sachlicher Grund für eine Kündigung gewesen?

Für die damaligen Schulverantwortlichen bestand aus rechtlicher Sicht kein Grund, den Lehrer zu entlassen.

Dann hätte man vielleicht mehr Informationen sammeln müssen?

Die Unterlagen zeigen klar, dass alles unternommen wurde, um die Vorwürfe gründlich abzuklären. Aber wenn jemand – in diesem Fall die ehemalige Schülerin – nicht zur Verfügung steht, wird es schwierig.

Wurden nach dem bekannt werden der Vorwürfe unmittelbare Massnahmen getroffen?

Schon vorher war das Gymnasium Immensee dabei, Richtlinien gegen Mobbing und sexuelle Belästigung zu erarbeiten. Diese sind heute noch in Kraft und wurden mit weiteren wirkungsvollen Massnahmen zur Früherkennung ergänzt.

Stehen Sie in Kontakt mit dem ehemaligen Lehrer, dem der Missbrauch vorgeworfen wird?

Nein, ich kenne diese Lehrperson nicht persönlich und sie hat auch keinerlei Funktion mehr an unserer Schule.

Wie geht es nun weiter, welche Konsequenzen hat das Bekanntwerden der Vorwürfe für ihre Schule?

Wir haben der betroffenen ehemaligen Schülerin unser Mitgefühl ausgedrückt. Den damals unterbrochenen Aufarbeitungsprozess würden wir gerne gemeinsam mit ihr weiterführen.

 

Lena Berger / Thomas Heer

lena.berger@zentralschweizamsonntag.ch

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