Mit der Axenstrasse kam der Wohlstand nach Schwyz

SCHWYZ ⋅ Lange Zeit war sie die einzige befahrbare Verbindung zwischen Schwyz und Uri. Auch über 150 Jahre nach der Eröffnung gilt sie als technische Meisterleistung. Warum, erklärt der Historiker Martin Pozsgai.
30. Oktober 2016, 05:00

«Sei gegrüsst, mein Bruder! Heut komm ich zu dir ohne Ruder!» Diese Worte standen auf dem Wagen, mit dem die Schwyzer bei der Eröffnung der Axenstrasse den Urner entgegen fuhren. Eine technische Meisterleistung lag hinter ihnen an diesem 3. Juli 1865. Zweieinhalb Jahre haben Bauarbeiter – mehrheitlich aus Italien und Österreich – mit dem steilen Gelände gerungen, um die erste befahrbare Strasse zwischen Brunnen und Flüelen zu erstellen. Mit Schwarzpulver sprengten sie Felsbrocken, errichteten Tunnels und Galerien. Ein neues Zeitalter wurde eingeläutet. Vorbei waren die Zeiten, als man ausschliesslich von den unwegsamen Säumerpfaden und vom Seeweg abhängig war.

«Der Bau der Axenstrasse war wegen des steilen Geländes eine technische Herausforderung und hat die Kantone Uri und Schwyz massgeblich verändert», sagt Martin Pozsgai, Architekturhistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin in Einsiedeln. Über zwei Jahre hat er sich mit der Geschichte der Axenstrasse im 19. Jahrhundert beschäftigt. Gestern stellte er seine Forschungsergebnisse in Einsiedeln in einem Vortrag vor.

Plötzlich florierte der Handel und der Tourismus

«Die Axenstrasse war der letzte Strassenabschnitt, der noch fehlte, um von Mailand nach Zürich zu kommen», sagt Pozsgai. Vor allem für den Kanton Schwyz war dies entscheidend, um den Anschluss an die florierenden Wirtschaftsräume zu finden. «Es wurde auf einen Schlag viel einfacher, seine Waren und Güter zu transportieren.» Letztlich profitierte aber nicht nur der Handel massgeblich, sondern auch der Tourismus. Nach der Eröffnung wurden grosse Hotels gebaut, und die Bauern fanden den Winter über Anstellungen in der Tourismusbranche. «Die Strasse hat wesentlich zum Wohlstand des Kantons Schwyz beigetragen», sagt Martin Pozsgai. Ein Indiz dafür sei die deutliche Abnahme der Abwanderung aus dem Kanton Schwyz, nach dem die Axenstrasse für den Verkehr freigegeben wurde. Bis der Bau letztlich aber realisiert werden konnte, vergingen Jahrzehnte. Bereits 1836 wurde der Bezirk Schwyz diesbezüglich zum ersten Mal bei den Urner Behörden vorstellig.

Doch in Uri machte sich Skepsis breit – man hegte Bedenken wegen den technischen Schwierigkeiten. Dennoch wurden Pläne angefertigt und im Laufe der Jahre verschiedene Projekte ausgearbeitet – unter anderem vom Urner Politiker und Ingenieur Karl Emanuel Müller, der Jahre zuvor bereits am Bau der Gotthardpassstrasse mitwirkte. Vor allem die Kostenfrage gab immer wieder zu diskutieren – ähnlich wie beim aktuellen Projekt am Axen. Kam hinzu: Seit 1837 verkürzte sich mit der Einführung des Dampfschiffs die Fahrzeit nach Luzern von neun auf zweieinhalb Stunden. Auch preschte die Eisenbahn vor – warum also auf die Strasse setzen, haben sich einige der Verantwortlichen gedacht. Letztlich konnten sich die Kantone und der Bund aber einigen – am 6. Oktober 1862 begannen die Arbeiter mit dem Bau der Axenstrasse, die als Meisterstück der Ingenieurskunst in die Geschichte einging.

Christian Hodel

Lange Zeit war sie die einzige befahrbare Verbindung zwischen Schwyz und Uri. Auch über 150 Jahre nach der Eröffnung gilt sie als technische Meisterleistung. In der Bildergalerie blicken wir zurück.


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