Auch das «Googeln» will gelernt sein

SCHWYZ ⋅ Von jungen Erwachsenen wird verlangt, dass sie mit Tablets und Smartphones umzugehen wissen. Aber kann die Schule sie darauf überhaupt genügend vorbereiten? Eine neue Studie der Pädagogischen Hochschule Schwyz gibt Antworten.
14. Mai 2017, 00:30

Die Generation «Digital Native» kennt die digitale Welt angeblich wie ihre Westentasche. Der intuitive und professionelle Umgang mit Smartphones und Tablets ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Die Schulen haben das erkannt und wollen die Kinder mit dem Lehrplan 21 von der Primarstufe an auf die moderne Arbeitswelt vorbereiten.

Die Frage ist: Wie kann das gelingen? Einen interessanten Einblick bietet da eine neue Studie der PH Schwyz. Das Team um Studienleiterin Doreen Prasse hat im Auftrag von Samsung Schweiz Schulklassen untersucht, die mit Tablets ausgestattet wurden. «Alle sprechen davon, dass Tablets in Schulen wichtig sind. Es ist aber unklar, ob das stimmt», erklärt Martin Kathriner, Head Corporate Affairs bei Samsung. Deshalb suche man jetzt Antworten.

Werden Tablets früh eingesetzt, ist das besser

Die Befragung von Schülern und Lehrern kommt zum Ergebnis, dass digitale Medien in Tablet-Klassen nach einem Jahr insgesamt häufiger eingesetzt werden. Zwischen den Klassen bestehen aber grosse Unterschiede. Die Geräteverfügbarkeit ist kein Garant für eine intensive Nutzung. Die Tablets einfach zu verteilen, bringt nichts. Entscheidend ist, wie die Lehrperson die Geräte einsetzt. Intensive Nutzer haben eine positivere Einstellung gegenüber digitalen Medien, sie lernen auch im ausserschulischen Bereich damit und schätzen ihre Anwendungskompetenzen besser ein. Dieser Effekt zeigt sich gemäss Doreen Prasse vor allem auf der Primarstufe, es macht also Sinn, dort den Umgang mit den digitalen Geräten zu lehren.

Positiv überrascht hat die Studienleiterin, dass die Tablets den Schülern das selbstständige Lernen erleichtern. «Sie können zum Beispiel die Hausaufgaben besser planen und organisieren. Motivierend wirkt auch, dass die Lernfortschritte dokumentiert werden können.» Die Tablets ermöglichen es Lehrern zudem, die Aufgaben genauer auf die Fähigkeiten der einzelnen Schüler zuzuschneiden. Die Individualisierung des Unterrichts nimmt an Bedeutung zu, weil oft Schüler mit unterschiedlichen Leistungsniveaus in die gleichen Klassen integriert werden.

Doch wie sieht ein sinnvoller Einsatz von Tablets und Smartphones im Unterricht aus? Beat Döbeli Honegger, der am Institut für Medien und Schule der Pädagogischen Hochschule Schwyz arbeitet, antwortet bewusst provokativ: «Das ist, als würde man fragen, wie man Papier und Bleistift sinnvoll in den Unterricht einbaut.» Damit meint er, dass die Geräte einfach Werkzeuge sind. «Ob Papier, Bleistift, Tablet, Smartphone sinnvoll eingesetzt sind, hängt von der konkreten Unterrichtssituation und dem Unterrichtsziel ab.» Die digitalen Geräte können ein Notizblock, ein Diktiergerät, eine Videokamera, ein Atlas, ein Fremdwörterlexikon oder Kompass sein – je nachdem, was gebraucht wird.

Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten bergen auch Gefahren. In der Wahrnehmung mancher Erwachsener «hängen» Jugendliche nur noch am Smartphone. Statt im Kopf zu rechnen, wird der Taschenrechner benutzt. Bevor man nachdenkt, wird gegoogelt. Ist das wirklich etwas, das die Schule fördern sollte? Döbeli findet es entscheidend, dass Schüler lernen, wann der Geräteeinsatz Sinn macht. «Die Frage ist, was gelehrt werden soll: Meine Eltern mussten noch von Hand Wurzeln ziehen. Bereits ich habe das in der Schule nicht mehr gelernt.» Dafür kämen neue Kompetenzen dazu. Auch das «Googeln» wolle ja gelernt sein. «Es stellen sich Fragen wie: Wann wird welche Suchmaschine verwendet und was bedeuten die Ergebnisse? Lehrerinnen und Lehrer müssen andere Aufgaben stellen, wenn Smartphones und Tablets zur Verfügung stehen», so Döbeli.

Nachholbedarf bei den Lehrpersonen

Das macht klar: Die Lehrpersonen tragen eine grosse Verantwortung. Wie oft sie Smartphones und Tablets im Unterricht einsetzen, ist entscheidend, wenn es darum geht, den Schülern einen guten Umgang mit diesen Geräten zu vermitteln. Gleichzeitig müssen völlig neue Aufgaben gestellt werden, wenn diese Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Sind die Lehrpersonen in der Zentralschweiz auf diese Herkulesaufgabe vorbereitet? Beat Döbeli ist optimistisch. «Die Digitalisierung stellt die gesamte Gesellschaft vor eine Herausforderung – ich würde auch von mir nicht behaupten, dass ich bereits abschliessend vorbereitet bin.» Die Lehrer seien unterschiedlich unterwegs. Durch die Einführung von «Medien und Informatik» im Rahmen des Lehrplans 21 besuchen alle Lehrpersonen in den kommenden Jahren Weiterbildungen. Zudem würden entsprechende Lehrmittel erarbeitet. «Damit sind die Zentralschweizer Schulen auf einem guten Weg, aber am Ziel sind wir bei der Digitalisierung noch lange nicht.»

 

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch


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