Sie kämpft seit Jahren um die Freiheit ihres Hundes

URI/NIDWALDEN ⋅ Seit zwei Monaten befindet sich Louis im Tierheim. Nicht, weil sein Frauchen ihn nicht mehr wollte. Im Gegenteil: Maud Berner kämpft seit drei Jahren um die Freiheit ihres Hundes – und gegen das Veterinäramt der Urkantone.
14. Juni 2017, 14:52

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

Als Maud Berner vor drei Wochen durch Facebook scrollt, trifft sie der Schlag: Das Tierheim Paradiesli in Ennetmoos sucht ein Zuhause für «Louis» – ihren eigenen Hund. «Ich bin in Tränen ausgebrochen», sagt Berner. Ein Blick in die Akten zeigt, was geschehen war.

Berner holt Louis, einen Mischling aus Deutsch Kurzhaar und Labrador, vor sieben Jahren zu sich, absolviert einen Welpen- und einen Junghundekurs und erbringt den damals noch obligato­rischen Sachkundenachweis. Sie lastet den mit einer Schulterhöhe von 71 Zentimetern grossen Hund mit Such- und Nasenspielen aus, absolviert bis Dezember 2015 eine Spürhundeausbildung zum «Biodetektor» und geht täglich bis zu 15 Kilometer mit ihm spazieren.

Verhängnisvolles Treffen mit Hühnern und Schafen

Auf zwei dieser Spaziergänge gerät Louis ins Visier des Veterinäramts der Urkantone: wegen zweier toter Hühner und zweier verletzter Schafe. Der erste Vorfall ereignet sich am 12. Juli 2014 in Flüelen. Aufgrund der Aussagen der Person, die den Vorfall bei der Polizei zur Anzeige bringt, kommt das Veterinäramt zum Schluss, dass Louis zwei Hühner totgebissen hat. Berner schildert das Geschehene anders. Sie seien in Flüelen auf öffentlichem Grund ohne Leinenpflicht auf zwei Hühner gestossen, die ein Pfadi­lager in einem provisorischen Gehege gehalten habe. Ihr Pfiff, mit dem sie den Hund hatte zu sich rufen wollen, habe die Hühner, die sie bis dahin nicht gesehen habe, aufgeschreckt. Daraufhin entwichen die Hühner dem Gehege. «Louis hat der Gattung Hund entsprechend reagiert und ein typisches Jagdverhalten gezeigt.» Das eine Huhn habe er geschüttelt und apportiert, das andere habe vermutlich stressbedingt einen Herzschlag erlitten. Sie habe vorausschauend gehandelt – und nicht mit Hühnern rechnen können. Die fahrlässige Haltung der Hühner habe zu diesem Unfall beigetragen. Berner beglich den Schaden mit 100 Franken vor Ort.

Das Amt verzichtet auf einen Augenschein der Hühner und attestiert Louis nach einer telefonischen Befragung von Berner durch eine Mitarbeiterin des Veterinäramts eine Jagdaggression. Berner wehrt sich. Dass ihr Hund eine Jagdaggression aufweise, will die 56-Jährige nicht gelten lassen. Das Amt weist die Einsprache ab und verfügt, dass Louis nur an übersichtlichen Stellen mit mindestens 200 Metern Sicht frei laufen darf und vor Begegnungen mit anderen Tieren an die Leine muss.

Der Fall mit den zwei Schafen vom Oktober 2015 wird an einem Luzerner Gericht behandelt. Doch das Veterinäramt der Urkantone doppelt nach. «Der Hund war freilaufend, obwohl die Stelle offensichtlich nicht übersichtlich war», schreibt es. Auf einen Augenschein vor Ort verzichtet das Amt abermals. Und verfügt, dass Louis nur immer an der kurzen Leine gehalten und er einen Maulkorb tragen muss. Ausserdem wird eine Verhaltensabklärung in Luzern angeordnet, bei der Louis auf eingezäunte Hirsche trifft. Dabei stuft die Verhaltenstierärztin Louis als Vorstehhund ein, deutet dessen Verhalten – er fixiert die Hirsche – jedoch als Zeichen für die fehlende Bindung zur Halterin. Eine Jagd- und einer Beuteaggression sei «normal für diese Hunderasse», hält die Verhaltenstierärztin fest, beurteilt Louis trotzdem als «absolut gefährlich für Wild­tiere, Schafe beziehungsweise Flucht­tiere». Das Amt hält daraufhin die Leinen- und Maulkorbpflicht aufrecht und verpflichtet Berner zu mindestens zehn Lektionen Hundetraining.

Amt kontrolliert Leinen- und Maulkorbpflicht angemeldet

Am 1. April 2016 kommt es zu einer angemeldeten Kontrolle der Hundehaltung durch das Veterinäramt. Berner zeigt der Amtstierärztin, was Louis kann: Sie lässt ihn etwas erschnüffeln und apportieren, pfeift ihn zurück und führt seinen Grundgehorsam vor. Berner hat ein gutes Gefühl. Bis die Amtstierärztin nach zwei Stunden im Kurzprotokoll festhält: «Generelle Leinen- und Maulkorbpflicht nicht eingehalten.» Ebenfalls notiert werden ein mangelhafter Maulkorb und die Frage, ob der gewählte Hundetrainer anerkannt sei. Berner fühlt sich hintergangen. «Ich ging davon aus, dass man sehen wollte, ob das Hundetraining etwas gebracht hat. Das mit Leine und Maulkorb zu tun, schien mir unsinnig.» Dass man nur kontrollieren wollte, ob sie sich an die Leinen- und Maulkorbpflicht hält, versteht sie nicht. «Das macht man doch nicht angemeldet!» Erstaunt liest Berner vier Tage später die Zusatznotizen der Amtstierärztin. «Wir gingen an einer Kuhweide entlang, wobei Louis vollkommen ruhig blieb und die Tiere nicht einmal zu bemerken schien», ist zu lesen. Louis sei «schnell und gut durch Frau Berner mittels Pfiff abrufbar».

Zur selben Zeit, als die Amtstierärztin diese Zeilen verfasst, fällt Louis positiv auf: Der Rüde mit Spürhundeausbildung erschnüffelt Blut, nimmt eine Schweissspur auf und zeigt ein verletztes Reh an. Berner ruft den Jagdaufseher an und bittet um eine schriftliche Beurteilung. «Durch das vorbildliche Verhalten von Hund und Mensch konnte ich mich vor Ort um das verletzte Reh kümmern und weitere geeignete Massnahmen einleiten», notiert der Jagdaufseher. Wäre Louis jagdaggressiv und nicht führbar, hätte er «problemlos das Tier gepackt und gestellt und dem Tier weitere schwere Verletzungen zufügen können». Das Amt kümmert dies nicht. Es verfügt am 22. April 2016, dass Louis nochmals zehn Lektionen Hundetraining absolvieren muss. Fünf Tage später reicht das Amt Strafanzeige gegen Berner ein – wegen Widerhandlungen gegen das Tierschutzgesetz. An der Verhandlung vor Land­gericht Mitte März 2017 akzeptiert Berner mangels Erfolgchancen die Busse (un­sere Zeitung berichtete).

Meldungen führen zur Beschlagnahmung

Inzwischen werden auch private Hundehalter aktiv. Eine Person meldet dem Amt im Oktober 2016, Louis habe eine Dame auf der Strasse angesprungen. Die Person «hat die Sache von einer Kollegin, welche das Ganze gesehen hatte und Frau Berner selber nicht kannte», heisst es in einer internen E-Mail des Amtes. Anfang Januar meldet eine Mitarbeiterin des Kantonstierarztes, Louis, ohne Leine und Maulkorb, habe auf dem Reussdamm versucht, nach ihren Handschuhen in der Tasche zu schnappen. Auf dem Video der Mitarbeiterin, das unserer Zeitung vorliegt, sieht man eine Person und einen Hund auf dem Reussdamm – mehr erkennt man durch die verwackelten Bilder nicht. Am 4. April schickt eine weitere Person ein Video, das zeigen soll, wie Louis ohne Leine und Maulkorb läuft. Auch hier sieht man nur eine Person mit einem Hund.

Am 7. April holen zwei Mitarbeiterinnen des Veterinäramts und zwei Polizisten Louis bei Berner ab. Das Amt hat die Beschlagnahmung des Hundes verfügt. Dies, weil Berner sich nicht an die Leinen- und Maulkorbpflicht gehalten haben soll. Als Beweise dafür bringt das Amt die Meldungen der Drittpersonen vor. Berner nimmt sich einen Anwalt und reicht Beschwerde ein, die am 10. Mai vom Veterinäramt abgewiesen wird.

Louis wird zur Vermittlung ausgeschrieben

Ein Tag später wird Louis im Tierheim Paradiesli in Ennetmoos NW zur Vermittlung freigegeben, obwohl der Fall noch hängig ist. Berners Anwalt wehrt sich schriftlich. Solange das Verfahren noch nicht rechtskräftig abgeschlossen ist – er hat inzwischen Verwaltungsbeschwerde eingereicht –, bestehe die Möglichkeit, dass der Einspracheentscheid aufgehoben wird und Louis zurückge­geben werden muss. Der Kantonstierarzt versichert dem Anwalt telefonisch, dass Louis nicht vermittelt werde, solange das Verfahren noch hängig sei. Mit den Fragen unserer Zeitung konfrontiert, wollte sich das Tierheim vergangene Woche nicht äussern und verwies an das Veterinäramt. Kurz darauf ist der Eintrag von Louis von der Website des Tierheims verschwunden, auf Facebook aber immer noch zu finden.


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