Missionar schreibt «schonungslos» über Missbrauch

IMMENSEE ⋅ John Burkart wurde als Kind geschlagen, gequält und missbraucht. Nun hat er seine Lebensgeschichte als Heimkind, Verdingbub und Bethlehem-Missionar niedergeschrieben.
17. November 2017, 04:39

Begegnet man Bruder John im Missionshaus Bethlehem in Immensee, schwingt einem Glück und Fröhlichkeit entgegen. Druckfrisch hält der Autor sein Werk «Wir hatten doch genug Platz» in den Händen. Er sei der erste Bruder der Missionsgesellschaft Bethlehem, der eine Autobiografie geschrieben habe.

Der aufgestellte 90-Jährige lebt seit 64 Jahren in Simbabwe. Zurzeit verbringt er einen Heimaturlaub in Immensee. Über 100 Leute kamen an seine Buchvernissage. Die Lebensgeschichte von Burkart bewegt. «Ich erzähle schonungslos und ohne Groll die Wahrheit», sagt er. Schon vor seiner Geburt hiess es: «Dä Goof chund mer denn nid is Huus.» Sein Buch zeigt ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte auf. Als uneheliches Kind wurde er von seiner Mutter verlassen, in Kinderheimen und als Verdingbub bevormundet und misshandelt. Bruder John beschreibt, wie es ist, ohne Eltern, ohne Rechte und ohne Liebe aufzuwachsen. Seine Kindheit war von Angst geprägt: «Ich wurde als Haus- und Gartensklave gehalten, durfte mit niemandem Kontakt haben.» An Sonntagen wurde der Bub im Keller eingesperrt. Schläge, Bestrafungen und sexueller Missbrauch gehörten zur Tagesordnung.

Missionieren der Liebe vorgezogen

Als Erwachsener kam endlich die Zeit, in der John Burkart nicht mehr der Willkür seines Umfelds ausgeliefert war. Nach seiner Ausbildung zum Käser erlebte der junge Mann seine erste Liebe mit Alice. Im Buch schildert er, wie er von dieser jungen Frau ­einen Freundschaftsring erhalten hatte – gleichzeitig, als er den inneren Ruf zum Missionar hörte. Er thematisiert den Abschied von seiner damaligen Freundin und seine Zweifel, ob er ein Leben ohne Frau ertragen könnte. «Der Ring flog in hohem Bogen, noch glitzernd wie zum letzten Adieu, in die Tiefe des Wassers», heisst es in einer Buchpassage. Für ihn sei das ein ernster und ehrlicher Lebensabschnitt gewesen.

Mit 21 Jahren trat Hans Burkart der Missionsgesellschaft Bethlehem bei, besuchte das Seminar Schöneck und wurde zu Bruder John. «Meine erste Mission führte mich nach Simbabwe», erzählt er. Von 60 Priestern und Laienbrüdern der Missionsgesellschaft Bethlehem leben dort heute nur noch 14. Sein Buch befasst sich auch mit der Arbeit in der Missionsstation Driefontein. «Wir bauten hier Käsereien, Wurste­reien, Bauernhöfe, Spitäler, Schulen und Werkstätten aller Art auf und bildeten Lehrlinge aus.» Der 90-Jährige erzählt unter anderem auch von einer besonderen Botschaft, die er von seiner leiblichen Mutter nach ihrem Tod erhielt, und schildert in packender Weise seinen gefährlichsten Flug als Pilot einer Cessna 182 in Afrika.

Nächste Woche sitzt Bruder John wieder im Flieger. «Simbabwe ist mein Zuhause», sagt er. Die Schweiz empfinde er als hektisch, man müsse sich überall anmelden. «Früher konnte man die Leute einfach besuchen», sinniert er. In Afrika geniesse er die Gemächlichkeit. «Missionar zu sein, ist meine Berufung. Man weiss, wofür man lebt.»

 

Edith Meyer

kanton@luzernerzeitung.ch

Hinweis

John Burkart, «Wir hatten doch genug Platz», ISBN 978-3-03808-027-5, Landtwing Verlag.


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