34 Fotofallen jagen den Luchs

KANTON URI ⋅ Vor einigen Monaten wurde eine Luchszählung durchgeführt. Ein Wildtierbiologe informierte in einem Vortrag über das Luchs-Monitoring und zeigte, wo sich die Raubkatzen am wohlsten fühlen.
20. Mai 2017, 05:00

Remo Infanger

redaktion@urnerzeitung.ch

Jeder, der im Tierpark Goldau am Luchsgehege schon die scheue Raubkatze beobachten wollte, weiss, dass es dafür viel Geduld und eine Prise Glück braucht. Viel schwieriger wird es, wenn man vom Bund den Auftrag bekommt, die gesamte Population von wild lebenden Luchsen in Uri zu erfassen.

Begleitet von WWF-Mitgliedern und Jägern führte der Kanton Uri darum vom November vergangenen Jahres bis Januar unter der Leitung der Kora (Koordinationsstelle für Raubtierökologie und Wildtiermanagement) eine Luchszählung durch.

Unterwegs im Maderanertal und Reusstal

Im Rahmen der Generalversammlung des WWF Uri informierte am Donnerstagabend der Wildtierbiologe Fridolin Zimmermann über die Zählung und die Geschichte des Luchses in Uri. «Wohl kaum einer kennt die Raubkatze besser als er», sagt Ernst Dittli, Präsident des WWF Uri. Es sei toll, wenn der WWF mit Experten wie ihm zusammenarbeiten können. Zimmermann hat seine Doktorarbeit über den Eurasischen Luchs an der Universität Lausanne geschrieben. Angestellt bei der Kora, ist der gebürtige Glarner seit 2002 verantwortlich für das Luchs-Monitoring – das Protokollieren und Aufzeichnen von wild lebenden Tieren.

Im Refektorium des Kulturklosters Altdorf erklärte Zimmermann, wie ein Luchs-Monitoring abläuft. «Das wichtigste Mittel, um die Luchse zu zählen, sind Fotofallen», so der Biologe. «Wir werden wohl nicht umsonst auch Luchs-Paparazzi genannt.» Aus diesem Grund habe man während 60 Tagen in der Zentralschweiz 76 Fotofallenpaare aufgestellt, 34 davon im Kanton Uri. Man verwende an einem Standort jeweils zwei Wildkameras, damit man den vorbeigehenden Luchs auf beiden Seiten ablichten kann. «Das Fellmuster des Luchses ist nämlich wie der Fingerabdruck des Menschen», so Zimmermann. «Anhand der Fellzeichnungen können wir die Luchse auf Fotos identifizieren.» Durch die gesammelten Bilder würde die Anzahl Luchse geschätzt werden können. Mit unterstützenden Beobachtungen von der Wildhut konnte man feststellen, dass die Luchse besonders im Maderanertal und im Reusstal zwischen Wassen und Altdorf durch die Wälder streifen. Das sei aber nicht immer so gewesen.

Vor 1700 bewohnte der Luchs die ganze Schweiz. Durch die Abholzung der Bergwälder haben Rehe und Gämsen, das Hauptbeuteschema von Luchsen, ihren Lebensraum verloren und sind darum um 1800 beinahe verschwunden. Da der Luchs auch durch Wilderei seine bevorzugte Nahrung verlor, wich er in der Not auf das Kleinvieh von Bauern aus. Er galt fortan als Schädling und wurde rücksichtslos gejagt, bis der Luchs um 1900 in der Schweiz ganz ausgerottet wurde. Heute erhole sich der Bestand wieder. «Besonders Jagdgesetzen und dem Waldgesetz von 1876 verdanken wir, dass der Luchs langsam wieder zurück in die Schweiz findet», erklärt Kurt Eichenberger, Geschäftsführer von WWF Uri und Luzern. Durch die wieder wachsenden Wälder seien nämlich Rehe in einer zu grossen Anzahl zurückgekommen, sodass sie im Schutzwald durch Verbiss erheblichen Schaden angerichtet haben. Der Luchs als natürlicher Feind fehlte. Diese Ausgangslage sei für die Wiedereinbürgerung des Luchses entscheidend gewesen. «Man hat darum in den 70er-Jahren die ersten Luchse in der Schweiz wieder ausgewildert», so Eichenberger.

Monitoring-Ergebnisse werden im Juni bekannt

«Luchse sind sehr heimliche Tiere und meiden bewohnte Gebiete», so Zimmermann. Da seit einigen Jahren die Schäden an Nutztieren durch den Luchs auf einem tiefen Niveau liegen, sei die Katze bei den Kleinviehhaltern kein Thema mehr. Trotzdem sei er einigen Jägern natürlich nach wie vor ein Dorn im Auge, da sie die Raubkatze als Konkurrenz sehen. Hochrechnungen zeigen, dass ungefähr acht Luchse im Jahre 2015 durch die Wälder in Uri zogen. Genauere Angaben zur aktuellen Anzahl der Luchse durfte Zimmermann aber noch keine machen. «Die Monitoring-Ergebnisse werden die Kantone im Juni veröffentlichen, wenn die Analysen beendet sind», so Zimmermann.

Hinweis

Vom 31. August bis 20. September findet im Zeughaus Altdorf die Grossraubtier-Ausstellung «Wolf, Luchs, Bär – Uri hat sie alle» des WWF statt.


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