An Eigenverantwortung appelliert

ALTDORF ⋅ Junglenker haben statistisch ein erhöhtes Unfallrisiko. Um Urner Berufsschüler zu sensibilisieren, nutzt die Stiftung Road Cross Schweiz auch drastische Beispiele.
18. April 2017, 09:36

Franziska Herger

franziska.herger@urnerzeitung.ch

Ein Fingerschnippen. So lange, 0,6 Sekunden, dauert es, bis zwei Menschen tot sind. Ein Auffahrunfall, keiner der Insassen ist angeschnallt. Zum Glück ist es nur eine Animation, welche die Berufsschüler im zweiten Lehrjahr am vergangenen Donnerstag in Altdorf zu sehen bekamen. Mit über 400 Veranstaltungen jährlich will die Stiftung Road Cross Schweiz Unfälle von Junglenkern verhindern. Moderator Armin Heller schnippt nochmals mit den Fingern. «Daran könnt ihr jetzt immer denken, wenn ihr in den Ausgang fährt», sagt er. Für einmal ist es ruhig im Saal.

Identifikation durch wahre Geschichten

Noch ein bisschen stiller wird es nach der wahren Geschichte eines Geschwisterpaars, das vom Ausgang nach Hause fuhr. Der Bruder sass am Steuer, betrunken. Den folgenden Unfall überlebte er unverletzt, seine jüngere Schwester starb. «Was glaubt ihr, war danach in dieser Familie los», fragt Heller in die Runde. Eine Antwort erübrigt sich.

Ziemlich drastische Beispiele, die den 17- bis 18-jährigen Berufsschülern da vorgesetzt werden. Das hat seinen Grund, sagt Heller: «Je näher eine Geschichte den Jugendlichen geht, desto eher können sie sich damit identifizieren. Der erhobene Zeigefinger bringt gar nichts.» Das bestätigt auch Elvis Bissig, Allgemeinbildungslehrer am Berufs- und Weiterbildungszentrum Uri: «Die Jugendlichen sind in einem Alter, wo sie selber Verantwortung übernehmen müssen.»

Schulden, Jobverlust und Invalidität drohen

So ist die Kampagne von Road Cross Schweiz betont antiautoritär. Unter dem Motto «Du entscheidest» will sie jungen Erwachsenen die nötigen Informationen geben, damit der richtige Entscheid im Strassenverkehr leichter fällt.

Warum setzt die Prävention vor allem bei den Jungen an? «Junglenker haben statistisch ein deutlich höheres Risiko, einen schweren Unfall zu verursachen», so Stefan Krähenbühl, Leiter Marketing und Kommunikation bei der Stiftung Road Cross. Besondere Probleme sind dabei Ablenkung, etwa durch das Handy, und überhöhte Geschwindigkeit.

Die Folgen eines selbst verursachten Verkehrsunfalls werden den Berufsschülern schnell klar. In einem interaktiven Film können sie selber entscheiden, ob sie mit der hübschen Nina bekifft Auto fahren möchten. «Was passiert, wenn ihr jetzt einen Unfall baut?», fragt Heller. «Dann steht Nina nicht mehr auf mich», tönt es aus der grösstenteils männlichen Runde, begleitet von Gelächter. Doch Heller will auf Gravierenderes hinaus: «Die rechtlichen Konsequenzen wären noch euer kleinstes Problem.» Es drohen hohe Schulden, Jobverlust, Invalidität. Ein Film über einen jungen Raser, der bei einem schweren Unfall 37 Knochenbrüche davontrug und nie wieder richtig gehen wird, macht grossen Eindruck. «Das ist mir ziemlich eingefahren», sagt der 17-jährige Sven Bissig. Yara Schläpfer, ebenfalls 17, wird vor allem die Animation des Unfalls ohne Sicherheitsgurte im Gedächtnis bleiben: «In Zukunft schnalle ich mich sicher immer an.»

Massiv weniger Verkehrstote

Dass die Prävention Wirkung zeigt, davon ist Stefan Krähenbühl überzeugt. «Durch die Sensibilisierung der Verkehrsteilnehmer, die technische Entwicklung der Fahrzeuge und Anpassungen im Strassenverkehrsgesetz ist die Unfallrate enorm gesunken.» Das gilt auch bei Junglenkern. Während 1980 noch 290 Menschen durch Unfälle starben, die von jungen Erwachsenen verursacht wurden, waren es 2015 nur noch 35. Armin Heller steht auch hinter den in Uri zeitweise umstrittenen Neulenkerkursen. «Natürlich sind nicht alle Jungen für die Informationen empfänglich. Aber für mich gilt: Wenn ich nur einen Jugendlichen dazu bewegen kann, sich richtig zu verhalten, ist mein Job getan.»


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