Den Geistern auf der Spur

BUCH ⋅ «Geister, Bann und Herrgottswinkel» ist ein Standardwerk der Volksfrömmigkeit, das nun neu erscheint. Der Urner Fotograf Christof Hirtler sagt, was Magie vom kirchlichen Glauben unterscheidet.
16. April 2017, 08:44

Interview: Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Gibt es Geister? Was hat es mit magischen Gegenständen auf sich? Und sind die Sagen aus der Zentralschweiz mehr als nur fantasievolle Geschichten? Diesen Fragen sind der Obwaldner Autor Hanspeter Niederberger und der Urner Fotograf Christof Hirtler schon vor mehr als 20 Jahren nachgegangen. Vor 17 Jahren erschien ihr Standardwerk «Geister, Bann und Herrgottswinkel», das 5000-mal verkauft wurde und heute vergriffen ist.

Im Jahr 2000, kurz nach Erscheinen, verstarb Niederberger, der als Sagenerzähler, Autor und Lehrer in Kleinteil-Giswil wirkte. Christof Hirtler, gebürtiger Luzerner, arbeitet als Fotograf, Graphic-Designer und Ausstellungsmacher in Uri. Sein Verlag Bildfluss gibt nun das Sachbuch mit den fesselnden Geschichten im Herbst in einer Neuauflage heraus.

Christof Hirtler, glauben Sie an Geister?

Unsere Wahrnehmung und unser Wissen sind sehr limitiert. Viele Personen konnten mir glaubhaft von Unerklärlichem erzählen. Die gut dokumentierten Vorgänge im Geisterhaus in Stans erstaunen. Melchior Joller, ein aufgeklärter Liberaler, verliess 1862 mit seiner Familie das Haus, nachdem es darin wochenlang spukte. Fenster und Türen flogen auf und zu, kalte Kinderhände streichelten die Schlafenden im Bett, ein Pferdegeschirr flog durch das Zimmer und verklemmte sich hinter dem Ofen. Joller führte Tagebuch und forschte verzweifelt nach den Ursachen. Als die Familie wegzog, verschwand der Spuk.

Das soll man glauben in einem aufgeklärten Zeitalter?

Unser Bewusstsein ist vergleichbar mit der obersten Spitze eines Eisbergs. 90 Prozent liegen verborgen. Instinkte und Triebe steuern nach wie vor unser Verhalten. Noch vor 10 000 Jahren lebten in Europa Menschen als Jäger und Sammler, die mit Höhlenmalereien Jagdglück heraufbeschworen. Bei den Römern und Germanen waren der Geisterglaube und der Ahnenkult weit verbreitet. Der Glaube an Magie, Zauberei, Amulette, Wahrsagerei und Rituale ist nicht verstummt.

Hierzulande gibt es, vor allem in bäuerlichen Kreisen, noch lang überlieferte Riten. Wie ist das zu erklären?

Vor rund 60 Jahren lebten viele Menschen abgelegen im Berggebiet, oft ohne Telefon oder eine Strassenverbindung. Gegen Naturgefahren, Krankheiten oder Unglücke gab es kaum Schutz. Um Unheil abzuwehren, spielten Riten eine wichtige Rolle. Erst vergangene Woche sagte mir ein ehemaliger Schächentaler Bauer, er habe seinem Vieh immer mit dem Osterscheit ein Kreuzchen auf den Rücken gemacht. Das schütze die Tiere gegen Blitz.

Diese Bräuche haben also noch immer eine Bedeutung?

Viele sind von der Wirkung magischer Handlungen absolut überzeugt. Besonders die Karwoche ist voller Magie um Tod und Auferstehung. Die Karfreitags-Eier trocknen nie aus. Sie schützen Häuser und Ställe gegen Schneedruck, Schlammlawinen und Erdrutsche. Heu, das am Karfreitag geschrotet wird, legt man an einen geschützten Platz. Man gibt es den Tieren gegen Blähungen, bevor sie im Frühling das erste Mal auf die Weide gelassen werden. Kreuzdorn, am Karfreitag gesammelt, wird zur Abwehr von Geistern aufgehängt – mit den Dornen nach oben. Dies erzählten mir Urner Bäuerinnen und Bauern Anfang April.

Dies, obwohl heute die Religion bei vielen in den Hintergrund gerückt ist.

Ein Bauer aus dem Schächental sagte mir: «Ich bin nicht religiös. Viele sagen, magische Rituale seien Aberglaube. Aber an das glaube ich.» Religion und Magie sind nicht das Gleiche. Ein Beispiel: Wenn ich mich in der Kirche mit Weihwasser bekreuzige, ist dies eine Geste der Segnung. Wenn ich aber Weihwasser aus dem Fenster spritze, um ein Gewitter zu bannen, ist dies eine magische Handlung.

Dann hat das Zaubermittel heute mehr Bedeutung als die Kirche als Urheberin – oder?

Zauber, Amulette und heilige Bäume überlebten die Christianisierung. Abweichler des römisch-katholischen Glaubens wurden von der Inquisition als Ketzer hingerichtet. Amulette mit Bibelsprüchen etwa waren weiter erlaubt. Die Kirche konnte die magisch-animistischen Kulte bis heute nicht verdrängen.

Man könnte die Wirkung und Haltbarkeit eines Karfreitags-Ei ja einfach wissenschaftlich testen – oder nicht?

Darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass man an die Wirkung glaubt.

Ist das ein Placebo-Effekt?

Riten beinhalten Symbole und Handlungen. Kürzlich sagte ein Knecht zu mir, dass er ruhiger werde, wenn der Pfarrer die Alp segne. Das überträgt sich auf die Tiere, aber auch auf ihn und seine Arbeit auf der Alp. Riten lösen positive Energien aus.

Ihr Buch enthält eine Vielzahl solcher Riten. Was ist für Sie das Beeindruckendste?

Etwas vom Wichtigsten ist für mich der Betruf. Er vereint vieles, was ein Ritual überhaupt ausmacht. Der Bann, das Weghalten von Schaden, das Anrufen der Heiligen. Der Betruf ist tief verwurzelt. Marco Arnold, erst 15-jährig, ruft ihn seit fünf Sommern im Bisistal. Er ist von der Wirkung vollkommen überzeugt.

Was hat Ihr Buch bisher ausgelöst?

Bei vielen hat es Erstaunen ausgelöst, was es alles in der Zentralschweiz an Ritualen gibt. Einige meinten, so etwas wie «Voodoo» gebe es nur in Afrika. Dass aber ganz Ähnliches seit Jahrhunderten in unserer Region praktiziert wird, war ihnen fremd.

Ihr Co-Autor, Hanspeter Niederberger, ist mittlerweile verstorben. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Die Zusammenarbeit mit ihm war faszinierend. Er hat mir die Welt der Mythen und das grosse Feld der magischen Volkskunde geöffnet. Er war ein grossartiger, feinfühliger Mensch, Familienvater und leidenschaftlicher Lehrer. Als Bauernbub war er mit der Volksfrömmigkeit von Kind an vertraut. Er forschte und sammelte Geschichten und Gegenstände. Er gehörte zu den bedeutendsten Hoffnungsträgern der magischen Volkskunde der Zentralschweiz. In Sachen neuerer Feldforschung ist er bis heute unerreicht.

Hinweis

Weitere Informationen finden Sie unter: www.bildfluss.ch


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