Der Hüter der Neat-Schätze

URI ⋅ Beim Bau der Neat hat Peter Amacher im Auftrag des Kantons wertvolle Kristalle geborgen. Er konnte aber nicht verhindern, dass einige Stücke geklaut wurden.
19. März 2016, 05:00

Anian Heierli

Im Lexikon könnte man unter «Naturbursche» bedenkenlos ein Foto von Peter Amacher (61) abbilden: Sein Markenzeichen ist ein rotes Stirnband, ohne das er nicht aus dem Haus geht. Sein linkes Ohr ist mehrfach gepierct, und an seinem Hals hängt ein Lederband mit einem Bergkristall. Doch Amacher sieht nicht bloss wie ein Naturbursche aus, er ist auch einer. Wenn immer möglich, zieht es den gebürtigen Altdorfer ins Gebirge. Dort sucht, findet und birgt er Kristalle. «Das Strahlern ist eine Leidenschaft, die ich schon lange verspüre», erzählt Amacher. Bereits als Jugendlicher habe er seinen Onkel auf der Suche nach Kristallen begleitet. Später hat Amacher sein Hobby zum Beruf gemacht und wurde Mineralienaufseher. Heute überwacht er Untertagbaustellen und sichert wertvolles Gestein. Aktuell arbeitet er in Realp in einem Stollen, der wegen des neuen Kraftwerks Realp 2 gegraben wird. Doch eines seiner grössten Projekte war der Bau des Neat-Tunnels.

Zwischen 1999 und 2010 war Amacher als Mineralienaufseher 3500 Mal im Stollen unterwegs. Dabei stiess er auf 54 verschiedene Mineralienarten, deren Fundorte der gelernte Geologe und Mineraloge exakt dokumentierte. Ein Auszug: «4. Februar 2005, Weströhre, 13 614 Meter im Innern des Tunnels, Kluft Nummer 27: Die Höhle im Gestein ist 1 Meter breit, 2 Meter tief und 0,6 Meter hoch. Darin enthalten sind die Mineralien Quarz (Bergkristall), Calcit und Chlorit. Die grösste Kristallgruppe aus Kluft 27 wiegt 19 Kilogramm.»

Amachers sorgfältige Sammelarbeit diente dem Mineralogisch-Petrografischen Institut der Universität Basel zur Forschung. Die Wissenschaftler gewannen so neue Erkenntnisse über Prozesse, die vor Jahrmillionen zur Bildung der Kluftmineralien führten. Neben dem wissenschaftlichen haben die Funde aber auch einen erheblichen kulturellen und finanziellen Wert. Die Kantone Uri, Graubünden und Tessin, durch welche der Neat-Tunnel verläuft, sind im Besitz der auf ihrem Boden gefundenen Kristalle. Die schönsten Steine aus dem Kanton Uri sind im Schloss A Pro in Seedorf ausgestellt.

«Mineure würden sich nie gegenseitig verraten.»
Peter Amacher, Mineralienaufseher. Zoom

«Mineure würden sich nie gegenseitig verraten.» Peter Amacher, Mineralienaufseher. | Anian Heierli / Neue UZ

In flagranti erwischt

Dass Liebhaber für seltene Kristalle schon mal mehrere zehntausend Franken zahlen, war auch den Neat-Mineuren bekannt. Amacher verhinderte während des Tunnelbaus gleich mehrere Diebstähle, ist sich aber dennoch sicher: «Es sind Kristalle verschwunden.» Was genau gestohlen wurde, könne er nicht sagen. Dabei handle es sich um eine Dunkelziffer. «Einmal habe ich vier Mineure auf frischer Tat ertappt, die dabei waren, eine grössere Kristallgruppe wegzutragen», erinnert er sich. «Diese Kristallgruppe hatte einen Wert zwischen 20 000 und 25 000 Franken.»

Ein anderes Mal sei er morgens um 6 Uhr vor einer grossen ausgebeuteten Kluft gestanden. «Ich habe die Arbeiter gefragt, wer dafür verantwortlich sei», so Amacher. Doch mit seiner Frage ist er auf Granit gestossen. «Der erste hatte die Ohren zu, der zweite den Mund und der dritte die Augen», spricht Amacher bildgewaltig. «Selbst wenn Mineure untereinander Streitigkeiten haben – sie verraten sich niemals gegenseitig.» Arbeiter, die verbotenerweise Kristalle mitnahmen, wurden verzeigt, was teure Bussen nach sich zog. In einem Fall kostete die Busse ohne Gerichtskosten 3500 Franken.

Schmierfett an den Türfallen

Für manche Mineure war Aufseher Amacher der Buhmann. Man strafte ihn mit Missachtung, Schweigen oder indem man die Türfallen an seinem Auto mit Schmierfett einstrich. Amacher nahms gelassen: «Das waren bloss Kindereien. Niemals wurde einer handgreiflich.» Zudem seien auch viele der Mineure anständig. So erhielt der Mineralienaufseher im Austausch gegen etwas Geld für die Bierkasse zahlreiche schöne Kristalle.

Wegen seiner Arbeit, die für viele Strahler den absoluten Traumjob darstellt, hat Amacher Neider. In Uri hält sich das Gerücht, Amacher habe mit Kristallen aus dem Neat-Tunnel gehandelt. «Das stimmt», sagt er. «Das war aber nicht unerlaubt.» Für die Arbeit auf dem Urner Abschnitt erhielt Amacher vom Kanton einen Fixlohn. Auf einem 4,5 Kilometer langen Teilabschnitt, der durch Graubünden verläuft, hatte er dagegen mit der Bauherrin Alptransit und der Gemeinde Tujetsch einen Vertrag, der ihm anstelle eines Lohns die Hälfte der gefundenen Mineralien zusicherte. «Die Steine konnte ich nicht essen und habe sie verkauft», gibt er offen zu. Die erste Auswahl habe aber der Gemeinde Tujetsch zugestanden.

Die Frage, ob er beim Bau der zweiten Gotthardröhre wieder die Mineralienaufsicht übernehmen will, lässt Amacher offen. «Ich bin 61 Jahre alt und weiss nicht, wie lange ich meinen Beruf noch ausüben kann», sagt er. Auch deshalb ist der Amsteger bemüht, einen würdigen Nachfolger zu finden. Das sei aber schwierig: «Junge Strahler gibt es genug. Ein Mineralienaufseher sollte aber auch einen wissenschaftlichen Hintergrund mitbringen, um der Forschung Daten zu liefern.»

Der Rekordtunnel steht im Fokus

Zur Serie AH. Mit dem Bau des Gotthard-Basistunnels der Neat zwischen Erstfeld und Bodio schreibt die Schweiz Geschichte. Am 1. Juni 2016 wird der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt im Beisein des Gesamtbundesrats sowie von Staats- und Regierungschefs aus den Nachbarländern und aus weiteren europäischen Staaten eröffnet. Im Vorfeld dieses Grossanlasses publiziert die «Neue Urner Zeitung» in loser Folge Beiträge, die den Bau des Jahrhundertwerks aus Urner Sicht beleuchten.


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