Detektive spüren Tell nach

TOURISMUS ⋅ Der Tatort Tell zieht Hobby-Detektive aus der ganzen Deutschschweiz nach Uri. Seit Mai begaben sich fast 1100 Touristen auf die Spuren von Wilhelm Tell, Walterli und Gessler.

18. Oktober 2016, 05:00

Drei-Pfeifen-Probleme: So nannte Sherlock Holmes Fälle, die er binnen einer Stunde gelöst hatte – und seine Pfeife dabei eben drei Mal stopfen konnte. Genie hin, Genie her – für den Tatort Tell hätte auch der Meisterdetektiv aus der Baker Street länger gebraucht: Bis zu sechs Stunden dauert die Schnitzeljagd durchs Urnerland. Dabei versuchen Hobby-Kommissare den Fall des Gessler-Mordes zu rekonstruieren.

«Ich finde die Idee super. Die Schnitzeljagd ist etwas für die ganze Familie», sagt Samy ­Sobhy. Zusammen mit seiner Frau Cristina und den beiden Söhnen Yassin und Raoul ist er aus dem zürcherischen Unterengstringen angereist.

Detektive kommen meist aus der Deutschschweiz

Am Startpunkt beim Tellspielhaus in Altdorf erhält die Familie einen Rucksack. Darin sind verschiedene Forschungsgegenstände: Spiegel, UV-Taschenlampe und Armbrust sollen helfen, die verschiedenen Rätsel auf der Tour zu lösen. Zudem erhält jeder Spieler eine Karte, die pro Aufgabe mit drei Feldern versehen ist. Eines davon kann der Spieler aufrubbeln, wenn er glaubt, eine Aufgabe gelöst zu haben. Kommt ein Gesslerhut zum Vorschein, war die Lösung richtig. Der Spieler bekommt einen Punkt. Wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt.

Das Spiel zieht. Seit der Eröffnung des Weges im Mai haben rund 1100 Besucher den Tatort Tell absolviert. Das überrascht die Verantwortlichen. «Wir haben natürlich gehofft, dass der Tatort Tell viele Gäste anzieht», sagt Evelin Walker von der Uri Tourismus AG. «Aber dass es schon im ersten Jahr so viele sind, damit hätten wir nicht gerechnet.» Zwar würden auch Einheimische die Schnitzeljagd machen, die meisten Teilnehmer kämen aber aus anderen Kantonen – vorwiegend aus Zug, dem Aargau oder eben dem Kanton Zürich. Wie Familie Sobhy. Mutter Cristina ist begeistert: «Das letzte Mal war ich als Schülerin in der Innerschweiz. Nur wegen des Tatorts sind wir hierher gekommen.»

«Mit allen Sinnen etwas erleben»

Der erste Posten ist im Türmli in Altdorf. Nach kurzer Suche entdeckt Yassin eine Zielscheibe an der Wand. Sein Bruder Raoul stöbert im Rucksack, zieht eine kleine Armbrust heraus und strahlt: «Ich will, ich schiesse.» Ohne grosses Murren lässt ihn sein Bruder machen. Der Achtjährige legt an – schiesst, trifft und strahlt noch mehr. «Es ist super, dass die Kinder spielerisch etwas über die Geschichte lernen können», sagt Cristina Sobhy. Für Touristikerin Walker einer der Hauptgründe, weshalb der Tatort so erfolgreich ist: «Bei unserer experimentellen Spurensuche kann man alle Sinne einsetzen und muss nicht nur trockene Informationen verarbeiten.» Zudem sei die Schnitzeljagd wegen des Rätselns sehr beliebt. Denn: «Das macht ja fast jeder gerne.» Und es kommt auf der Tour durch Uri nicht zu kurz.

Die nächste Aufgabe auf dem Lehnplatz ist verzwickt: An einer Strassenlampe sind LED-Leuchten angebracht. Diese sollten ein Bild erzeugen, wenn man die Leuchten durch einen Handspiegel betrachtet und diesen schnell hin- und herschwenkt. Gar nicht so einfach: «Ich habe nichts gesehen», meint der neunjährige Yassin ein wenig enttäuscht. Auch Mutter Cristina und Vater Samy haben zu kämpfen. Doch schliesslich finden sie die Lösung trotzdem – auch wenn sie ein wenig raten müssen.

«Es läuft gut bis sehr gut»

«Früher kamen Touristen zu uns und fragten, was man in unserer Region unternehmen könne», so Walker. Heute sei das anders. Sie würden gezielt wegen des Tatorts nach Altdorf reisen. Ob der Run anhält, wird sich zeigen. Das Projekt ist vorerst auf fünf Jahre befristet. Dann will die Uri Tourismus AG beschliessen, wie es weitergeht. Wenn die Nachfrage ähnlich hoch ist wie heute, dürfte der Tatort eine längere Zukunft haben. Laut Walker läuft es «heute gut bis sehr gut».

Familie Sobhy hat alle Posten in Altdorf hinter sich. Jetzt geht sie weiter nach Bürglen, dann nach Flüelen und später zur Tellsplatte. Das ÖV-Ticket ist im Preis inbegriffen. «Wir haben nicht abgemacht, was derjenige mit der höchsten Punktzahl am Ende gewinnt», sagt Cristina Sobhy. Wie wärs, wenn der Sieger einmal nicht abwaschen muss? Das musste Sherlock Holmes auch nie. Für etwas hatte er ja seine Mrs. Hudson. Er rauchte derweil Pfeife.

Hinweis

Der Tatort Tell kostet für Erwachsene 24 und für Kinder 16 Franken. Für Familien gibt es ein spezielles Angebot: Bei einer Gruppe von zwei Erwachsenen und zwei Kindern kostet die Schnitzeljagd für die Eltern je 19 Franken.

Kilian Küttel


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