Die Blutprobe hat (fast) ausgedient

STRASSENVERKEHR ⋅ Die Polizei setzt seit kurzem neue Messgeräte ein. Damit können Atemalkoholproben unmittelbarer und effizienter durchgeführt werden. Fehlmessungen sind ausgeschlossen.

30. November 2016, 05:00

Das eidgenössische Parlament hat 2012 das Verkehrssicherheitspaket Via sicura gutgeheissen. Dieses hat weniger Todesopfer und Verletzte auf den schweizerischen Strassen zum Ziel. Die darin enthaltenen Massnahmen werden in mehreren Paketen ­umgesetzt. Die ersten beiden Tranchen traten 2013 und 2014 in Kraft. Vor kurzem ist mit der dritten Tranche die Massnahme «beweissichere Atemalkoholprobe» in Kraft gesetzt worden.

Unsere Zeitung hat Gusti Planzer, den Stabschef und Medienverantwortlichen der Kantonspolizei Uri, im Nachgang zu einem Unfall in Spiringen (siehe unsere Zeitung vom 28. November) über die Gründe für die Neuerung, die Konsequenzen für die Fahrzeuglenker und auch über das genaue Vorgehen bei den beweissicheren Atemalkoholproben befragt.

 

Gusti Planzer, wozu dient die beweissichere Atemalkoholprobe?

Bisher musste ein Fahrzeuglenker, bei dem eine Atemalkoholkontrolle einen Wert von 0,8 Promille oder mehr ergab, zu einer Blutprobe antreten. Dabei wurde gemessen, wie viel Alkohol er im Blut hatte. Neu kann die Angetrunkenheit mit der beweissicheren Atemalkoholkontrolle bewiesen werden. Gemessen wird die Konzentration von Alkohol im Atem. Der entsprechende Wert wird nicht mehr in Promille, sondern in Milligramm pro Liter (mg/l) angegeben.

Wie wird der neue Wert in mg/l ermittelt?

Um eine beweissichere Atemalkoholprobe zu erhalten, muss die kontrollierte Person während mindestens fünf Sekunden in ein Mundstück blasen, das mit einem Messgerät verbunden ist. Das Kontrollgerät bestimmt die Konzentration von Alkohol im Atem in mg/l.

Wo liegt der Unterschied zum Wert in Promille?

Um von mg/l auf den zurzeit sicher noch etwas gängigeren Wert in Promille zu kommen, muss man ganz einfach den mg/l-Wert verdoppeln. Um ein Beispiel zu nennen: 0,25 mg/l entsprechen den früheren 0,5 Promille.

Bedeutet die Einführung der neuen Messmethode, dass es künftig keine Blutprobe mehr braucht?

So absolut kann man das nicht sagen. Die Blutprobe braucht es aber nur noch in bestimmten Ausnahmefällen.

Zum Beispiel?

Die Polizei hat bei Verdacht auf Betäubungsmittel- oder Medikamentenkonsum, Fahrerflucht, Nachtrunk oder auch Verweigerung der Atemprobe weiterhin die Möglichkeit, eine Blutprobe durchzuführen. Zudem kann die betroffene Person selber eine Blutprobe verlangen.

Sie sprechen von «beweissicheren» Atemalkoholproben. Wie garantiert die Polizei diese «Beweissicherheit»?

Damit die Resultate von Atemalkoholmessgeräten auch ohne unterschriftliche Anerkennung des Messergebnisses vor Gericht Bestand haben, müssen sie beweissicher sein. Das neue Gerät führt mit der gleichen Atemprobe innert weniger Sekunden zwei unabhängige Messungen durch. Nur wenn beide Messungen den gleichen Befund ergeben, wird ein gültiges Resultat angezeigt. Fehlmessungen sind somit ausgeschlossen. Damit die Geräte richtig messen, werden sie zudem regelmässig einzeln vom Eidgenössischen Institut für Metrologie kontrolliert.

Ab wie viel mg/l wird der Führerausweis zuhanden der Administrativbehörde abgenommen?

Die Polizei nimmt den Führerausweis ab, wenn der Fahrzeuglenker offensichtlich angetrunken erscheint oder wenn die Alkoholmessung mehr als 0,4 mg/l ergeben hat. Die Vorschriften und Regeln sowie die Sanktionen bei Fahren in angetrunkenem Zustand bleiben unverändert.

Was ändert sich für einen Lenker, der in eine Polizeikontrolle gerät?

Die Alkoholkontrolle läuft praktisch gleich ab wie heute. Der Fahrzeuglenker wird von der Polizei angehalten und muss weiterhin in das sogenannte Röhrchen blasen. Liegt der Befund unter 0,25 mg/l, kann er weiterfahren – sofern er nicht dem Alkoholverbot von 0,0 mg/l untersteht, das unter anderem für Neulenker und Lastwagenchauffeure gilt. Im Bereich von 0,25 bis 0,39 mg/l kann der Lenker das Resultat mit einer Unterschrift akzeptieren. Tut er dies nicht, erfolgt die beweissichere Atemalkoholkontrolle mit dem neuen Messgerät. Und schliesslich noch zu Werten von 0,4 mg/l oder mehr: In diesem Fall muss zwingend ins Mundstück des beweissicheren Atemalkoholmessgeräts geblasen werden. Die beweissichere Atemalkoholkontrolle findet in Uri regelmässig auf einem Polizeistützpunkt statt, also beispielsweise im Werkhof Flüelen oder Göschenen. Die Polizei kann aber auch auf den Röhrchentest verzichten und direkt eine beweissichere Atemalkoholkontrolle durchführen.

Bei dem in Spiringen auf der Fahrbahn angefahrenen Fussgänger wurden 0,56 mg/l respektive 1,12 Promille gemessen. Mit welchen Konsequenzen muss ein Fussgänger rechnen, der ­alkoholisiert in einen Unfall verwickelt wird?

Nach einem Unfall kommt es zu Ermittlungen, um ein schuldhaftes Verhalten festzustellen. Fakt ist: Ein Fussgänger, der alkoholisiert vor ein Auto torkelt, kann sich haftbar machen.

Kann man einem alkoholisierten Fussgänger den Führerausweis wegnehmen?

Bei einem Fussgänger ist die Abnahme des Führerausweises nicht möglich. Anders verhält es sich hingegen bei einem angetrunkenen Radfahrer. Er muss den Führerausweis abgeben, wenn die Behörden bei einer Kontrolle feststellen, dass eine Alkohol- respektive Suchtabhängigkeit vorliegt. Dies kann etwa dann der Fall sein, wenn jemand mit mehr als 1,25 mg/l respektive 2,5 Promille auf dem Velo erwischt worden ist oder schon mehrmals in stark angetrunkenem Zustand mit dem Fahrrad gefahren ist.

Interview: Bruno Arnold


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