Er ist ein Snowboarder der ersten Stunde

ANDERMATT ⋅ Bänz Simmen ist ein Pionier. Vor 30 Jahren brachte er das Snowboard in die Region – und musste dafür kämpfen, dass er überhaupt an den Skilift durfte.

06. März 2016, 05:00

Bänz Simmen war ein Mann der ersten Stunde: Vor 35 Jahren stand der Andermatter zum ersten Mal auf einem Snowboard – als wohl einer der ersten Zentralschweizer überhaupt. Dabei kam der heute 50-Jährige zufällig zu dieser Sportart. Skifahren hatte er nie gelernt – dies, obwohl er im Urserntal gross wurde. «Als kleiner Knirps musste ich zwar einmal in die Skischule», erinnert er sich. «Doch ich habe so stark gefroren, dass ich bereits nach dem ersten Tag die Ski in die Ecke geschmissen habe.»

«Ferngespräch kostete Vermögen»

Ende der Siebzigerjahre, als Oberstufenschüler, fand Simmen zusammen mit Kollegen bei der ehemaligen Skisprungschanze in Andermatt einen breiten, gebrochenen Sprungski. Die Jugendlichen versuchten, quer darauf zu stehen und damit über den Hang zu gleiten. Ein Tourist, der sie beobachtete, machte die Teenager darauf aufmerksam, dass ihr Spiel in Amerika eine neue Sportart sei. «Dort habe ich das Wort ‹Snowboard› zum ersten Mal gehört», sagt Simmen. In der Folge legten vier Andermatter ihr gespartes Geld zusammen, riefen bei einer amerikanischen Snowboard-Firma an und bestellten sich ein Brett für 1400 Franken. «Das Ferngespräch kostete ein halbes Vermögen», sagt Simmen. Das war im Sommer 1980.

Vom Spielzeug zum Massensport

«Unser Modell hatte jedoch wenig mit einem heutigen Snowboard gemeinsam», sagt Simmen. Es sah aus wie ein Surfbrett, hatte am Boden kleine Schwerter wie ein Segelboot, damit man im Tiefschnee stabiler fahren konnte. Der Fahrer hielt das Gerät mit einer Schnur. Das Ganze nannte sich Snurfer – eine Wortkombination aus Surfen und Snow. «Das Ding wurde in den Sechzigerjahren als Kinderspielzeug entwickelt», sagt Simmen.

«Wirklich fahrbar waren der Snurfer und die ersten Snowboard-Modelle aber nicht», erinnert sich Simmen. «Wir fielen praktisch alle 10 Meter um.» Dennoch machten Simmen und seine Kollegen weiter. «Mit dem Snowboard konnte man in einer extremen Schräglage fahren», sagt er. «Das war ein unglaubliches Erlebnis, das man mit den damaligen Ski nicht erleben konnte.» Doch erst durch die technische Entwicklung in den Achtzigerjahren hat sich die Sportart etabliert. Aber nicht überall waren die Snowboarder gern gesehen. Viele Skigebiete hätten die neue Sportart präventiv verboten. «Man hielt uns für Spinner», so Simmen. Wegen der Verbote bestiegen Simmen und seine Kollegen unzählige Berge mit den Schneeschuhen und fuhren mit den Snowboards ins Tal.

Nach der Lehre als Chemielaborant ging Bänz Simmen nach Amerika. Im Land des Snowboards stünde ihm die Welt offen, glaubte er. Doch der 20-Jährige wurde enttäuscht. Kaum in einem Skigebiet waren Snowboards zugelassen. Die Amerikaner wollten erst die Haftung geklärt haben. Dennoch fand Simmen in den wenigen Skigebieten, in denen Boarden erlaubt war, Gleichgesinnte und nahm dort an den ersten Snowboard-Wettkämpfen teil – Freestyle-Wettbewerbe in «lächerlich kleinen» Halfpipes und Riesenslaloms mit Hindernissen.

Zurück in der Schweiz war der Urschner 1987 Mitgründer des Schweizer Snowboardverbands. Es galt, den Sport zu etablieren. Dabei mussten die Boarder zuerst vor allem gegen Widerstände der Skigebiete, Skiverbände und Skischulen ankämpfen. Gleichzeitig wurden Lehrmittel erarbeitet und erste Wettkämpfe organisiert. «Komischerweise war ich im Verband anfänglich der einzige Bergler», sagt Simmen. «Die andern kamen alle aus der Stadt – waren Surfer oder Skater.»

Pionier vermittelt jetzt Geschichte

Simmen gründete zudem 1987 in Andermatt eine Snowboard-Schule und bildete Snowboard-Lehrer aus. «Im Kanton Uri hatte ich es einfacher als meine Kollegen im Wallis oder in Graubünden», sagt er. Diese wurden von Skiverbänden und den Skischulen bekämpft. Sie hätten sich die Betriebsbewilligungen zum Teil vor Gericht erstreiten müssen. «Denn Skifahren war damals nicht nur Nationalsport, sondern Religion.» Kurz darauf eröffnete Simmen ein Sportgeschäft, das sich auf Snowboards spezialisierte. Genau zur richtigen Zeit: Denn damals begann die Sportart weltweit richtig zu boomen (siehe Box).

Vor zehn Jahren hat Simmen sein Geschäft verkauft. «Ich wollte einfach noch mal etwas anderes machen», sagt er. Auf dem Brett steht er höchstens noch 10- bis 15-mal pro Saison. Heute betreibt er in Andermatt ein Internet-Kaffee mit Kiosk, bietet Schneeschuhtouren an und macht Ortsführungen. Pro Jahr zeigt er 3000 bis 4000 Touristen die Schönheiten des Urserntals und bringt ihnen die Geschichte näher. Dazu gehört inzwischen auch er – der Snowboard-Pionier aus den Achtzigerjahren.
 

Elias Bricker

 


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