Freipass für Velofahrer ärgert Beizer

LANGSAMVERKEHR ⋅ Kein Durchkommen für Autos und Motorräder: Für sie war der Klausenpass gestern gesperrt. Was Velofans aus dem In- und Ausland freute, nervt die Wirte.

25. September 2016, 05:00

Glänzende Waden, rasierte Beine, schmerzverzerrte Gesichter: Gestern kämpften sich über 3000 Velofahrer auf der Urner und der Glarner Seite den Klausen hoch. Und das vollkommen ungestört. Denn: Der Verein Freipass sperrte die Strasse am Samstag in beide Richtungen für den motorisierten Verkehr – bereits zum vierten Mal seit 2011. «Es ist ein tolles Erlebnis. Man kann in der Gruppe eine Passfahrt geniessen, ohne ständig von Autos und Motorrädern überholt zu werden», sagt OK-Mitglied Leo Püntener.

Laut dem Andermatter nehmen die Athleten schöne Erinnerungen aus dem Kanton Uri mit – und bescheren den ansässigen Wirten ein gutes Geschäft.

«Haben von Velofahrern gar nichts»

Eitel Sonnenschein also? Nicht ganz. Vor allem, wenn das Wetter nicht mitspielt. «2012 hat es geregnet. Damals hatte ich über Mittag etwa 15 Personen. Normalerweise ist in dieser Zeit der Gastraum voll besetzt – zum Teil auch der angrenzende Saal», sagt Hanspeter Kaufmann, Wirt des Hotels Klausenpasshöhe. Und auch wenn das Wetter stimmt – die Begeisterung über den Anlass hält sich in Grenzen: «Zur Mittagszeit haben wir eine extrem hohe Auslastung und viel Stress. Dafür ist das Restaurant morgens und nachmittags leer.»

Andere Passseite, gleiche Stimmung – Markus Walker, Wirt des Gasthauses Urnerboden, sagt: «Im Moment ist kein ein­ziges Zimmer belegt. Von den Fahrradfahrern haben wir überhaupt nichts.» Einzig die Stammgäste würden kommen – mit dem Velo anstelle des Autos. Für Walker ist die Veranstaltung ein politischer Anlass, auf den er gerne verzichten würde: «Dem Verein geht es doch nicht ums Velo­fahren. Er will die Pässe sperren, einfach damit sie gesperrt sind.»

Darüber kann Simon Bischof nur den Kopf schütteln. Der Präsident des Vereins Freipass sagt: «Ich bin nicht politisch aktiv. Aber ich fahre seit 30 Jahren Velo – natürlich geht es mir beim Freipass ums Fahrradfahren.» Doch nicht nur das vermeintlich schlechte Geschäft gibt Anstoss zu Diskussionen – auch der Zeitpunkt der Strassensperre: «Anfangs war ausgemacht, dass der Velotag im Juni stattfindet. Aber er war immer erst im September», sagt Walker. Das belegt ein Sitzungsprotokoll aus dem Vorfeld der ersten Ausgabe, das unserer Zeitung vorliegt. «Der erste Freipass war für den Juni 2011 geplant. Gleichzeitig fand damals aber das Eidgenössische Schützenfest in Uri statt, weshalb wir den Anlass verschieben mussten», so Vereinspräsident Bischof. In der Folge sei der Freipass immer im September durchgeführt worden, damit sich die Teilnehmer fix darauf einstellen konnten – so, wie das auch bei den Slow-ups der Fall sei. Das kann es für Walker nicht sein: «Der September ist die beste Zeit für Wanderer. Und wer wandert, fährt mit dem Auto zum Startpunkt, weil die Busse zu spät losfahren.»

Denn nicht nur der Monat, auch die Uhrzeit sorgt für Zündstoff am Klausen: «Normaler­weise war der Pass um 10 Uhr gesperrt, dieses Jahr ist es plötzlich 9 Uhr», so Hotelier Kaufmann. Gesagt habe man ihm davon überhaupt nichts. Die Sperre ist gemäss dem OK um eine Stunde vorverlegt worden, damit die Strasse einheitlich geschlossen ist. Auf der Glarner Seite des Passes sei schon seit jeher 9 Uhr als Start angesetzt gewesen. Markus Walker entgegnet darauf: «Dieses Verhalten ist nicht fair. Wenn man etwas beschliesst, sollte man sich daran halten.» Worauf Simon Bischof meint: «Ich kann die Aufregung wegen einer Stunde mehr oder weniger schlicht nicht verstehen.»

«Es ginge auch ohne Sperre»

Die Fronten zwischen den Parteien sind hart wie die Felsen an der Wegstrecke. Das Organisationskomitee kann es nicht nachvollziehen: «Nach der ersten Aus­gabe hatte Uri Tourismus eine Umfrage bei den Hotels und Res­taurants gestartet. Die Rückmeldungen waren nur positiv», so Bischof. In der Tat: Die neun befragten Betriebe zeigten sich allesamt zufrieden mit der ers-ten Aus­gabe. Allerdings wurden Stimmen laut, die auf einen Zweijahresrhythmus pochten – was auch aufgenommen wurde. Solange das so bleibe, sei der Anlass akzeptabel, so Kauf-mann. «Urnerboden»-Wirt Walker macht nochmals klar: «Mich stören die Velofahrer nicht, sondern das Vorgehen des Vereins. Es würde auch anders gehen. Diesen Sommer führte der Gigathlon über den Klausenpass. Damals funktionierte es auch ohne Strassensperrung.»

Leo Püntener kann die ganze Aufregung nicht nachvollziehen. Pragmatisch sagt er: «Wenn ein interessantes gastronomisches Angebot da ist, haben alle etwas vom Freipass, auch bei schlechtem Wetter.»

Kilian Küttelkilian.kuettel@luzernerzeitung.ch


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