Ürner Asichtä

Garn im Kopf

15. April 2017, 12:22

Es lag an seinem Akzent. Und daran, dass ich wie ein Cornet in der Sonne schmolz, wenn er mich mit seinem Eisverkäufergrinsen anschaute. Auf alle Fälle war ich hin und weg. Eher weg als hin, denn für die nächsten drei Wochen war ich unbrauchbar. Geistig ennet dem Gotthard, de facto in Zürich.

Andere Leute fahren weit weg in die Ferien. Geben viel Geld aus für Flüge, Hotelzimmer, nur um schlussendlich Pommes zu bestellen, was sie auch zu Hause getan hätten. Ich verknalle mich stattdessen. Das kostet weniger, und Pommes gibt’s trotzdem. Eine neue Welt eröffnet sich für mich allein, völlig unerwartet. Eintrittsticket: lediglich ein paar blaue Strahleaugen.

Ich bin äusserst begabt im mich Verknallen. Nicht nur im Frühling. Denn ich gehöre leider (oder zum Glück, da bin ich mir noch nicht sicher) zur elend verträumten Gattung des Homo sapiens. Ich kann stundenlang «hirnen», in einer Woche 50 Mal heiraten, 100 Mal mit demselben Mann die Nummer austauschen. Oder mir abertausend Tode für meine geliebten Mitmenschen ausdenken. Einer schrecklicher als der andere. In schlechten Phasen glaube ich dann alles, was ich mir selber erzähle. In den Guten weiss ich es zu nutzen und setze meine Fantasie für vorsichtige Planungen, für innovative Projekte und Räubergeschichten ein.

In meinem Hirn hat sich seit Geburt ein hyperaktiver Seemann eingemietet, der nicht aufhört zu stricken. Garn am Laufmeter. Mit den ersten Sonnenstrahlen im Frühling zündet der Seemann im Kopf dann seine Pfeife an, pafft ununterbrochen und vernebelt mir den Kopf. Im Frühling produziert der Kapitän besonders viel Seemannsgarn. Und wenn er genug gestrickt hat, bastle ich mir aus diesem dann mein Reisegefährt, mein Dampfschiff zum Wolkenschaufeln. Ahoi!

Manchmal reise ich dann tatsächlich (nicht nur im Kopf) und ziehe in eine neue Stadt. Denn rückblickend muss ich sagen: Ich hatte für alle Lebensphasen einen ganz persönlichen Steuermann, dank dem ich dort gelandet bin, wo ich jetzt bin.

Ich weiss nicht, ob Ihnen das auch so geht. Phasenweise fand ich das katastrophal, da total fremdbestimmt. Bis ich dann herausgefunden habe, dass Verknalltsein eine Entscheidung ist, die man für sich selber trifft, dass ich mir meine Steuermänner für eine neue Zukunft selber suche – bewusst immer dann, wenn ich mich verändern will. Unter Mithilfe der Hormone, versteht sich. Und es braucht Gelegenheiten. Man muss schon in den Hafen gehen, um auf einem Schiff anzuheuern. Doch den Schritt dorthin, den macht man selber. Und auch wohin man reist, kann man bestimmen. Sofern nicht ein reservierter Reiseplatz in einem Abteil auf einen wartet. Oder man seine Route schon seit langem gewählt hat.

So ist Verknalltsein für mich so was wie das Interrail-­Ticket für die grosse Veränderung. Natürlich gibt es auch das Verliebtsein, und das ist etwas anderes. Verliebt ist die warme Stube im Winter mit Apfelpunsch und Bettflasche, schnurrendem Kater und Lebkuchen. Aber um die warme Stube so richtig zu schätzen, muss man zuerst ein bisschen durch den Sturm gereist sein. Je mehr Wellengang desto besser.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen reisefreudigen Frühling. Entwerten Sie Ihr Billett bei Frau Holle persönlich. Holen Sie sich Ihren Knall! Sei es bei der neuen Sitznachbarin oder Ihrem Ehemann seit 50 Jahren. Wir sind sonst schon immer so vernünftig. Und seien Sie gespannt, wohin die Reise geht. Klimaschonender, als jedes Jahr viermal in eine andere europäische Stadt zu fliegen, ist es alleweil.
 

Myriam Planzer, Zürich

redaktion@urnerzeitung.ch


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