Göschenen liegt 2017 am Meer

FREILICHTSPIELE ⋅ In Göschenen können sich die Besucher der Freilichtspiele 2017 um mehr als hundert Jahre zurückversetzen lassen. Trotzdem werden ihnen viele Probleme der damaligen Zeit sehr bekannt vorkommen.

01. Dezember 2016, 05:00

Es klingt verrückt und unglaublich, doch der Ingenieur Pietro Caminada hielt seine Idee vor hundert Jahren für realisierbar. Der Sohn eines aus dem bündnerischen Vrin nach Italien ausgewanderten Schweizers sorgte um 1900 herum mit seinem Grossprojekt international für Aufsehen. Er wollte die Nordsee mit dem Mittelmeer verbinden, und zwar mittels einer Wasserstrasse. Mit Kanälen, Tunneln und Schleusen hätte er auch den Gotthard bezwingen und damit Göschenen einen direkten Zugang zum Meer verschaffen wollen.

In «Göschenen am Meer» hat Autor Paul Steinmann die Geschichte rund um Caminadas Pläne zu einem bühnenreifen Theaterstück gemacht. Aufgeführt werden die Freilichtspiele von Ende Juni bis Mitte August in Göschenen.

Ähnliche Spannungsfelder wie in der heutigen Zeit

Gezeigt werden soll die Mentalität, die um 1900 herum geherrscht hat. Damals wie heute drehten sich viele Gespräche und Zeitungsartikel um neue Technologien. Von der Globalisierung war ebenso die Rede wie von Terrorismus, von neuen Formen der Kommunikation wie von Veränderungen im Sozialgefüge. Die Arbeiter pochten auf ihre Rechte, und die Frauen begannen sich politisch und gesellschaftlich zu emanzipieren.

Wie bei «D Gotthardposcht» im Jahr 2005 und bei «D Gotthardbahn» 2007 führt auch bei «Göschenen am Meer» Stefan Camenzind Regie. «Die Angst vor dem Fortschritt, die in der Gesellschaft ausgelöst wird, ist im Stück von Paul Steinmann ein wichtiges Thema», erklärt Camenzind. «Es gibt immer viele Leute, die lieber zurück zum Alten würden.» Das Spannungsfeld zwischen Fortschrittsglaube und Angst vor politischen sowie gesellschaftlichen Umwälzungen sei der heutigen Zeit in vielerlei Hinsicht nicht unähnlich. So werde zum Beispiel sichtbar, dass der Wille zu mehr Verbindungen zur Aussenwelt mit dem Ziel einer Globalisierung nicht etwa ein neues Phänomen sei. Das möchte Camenzind in seiner Umsetzung des Stücks von Steinmann, der bereits «D Gotthardbahn» geschrieben hat, klar zum Ausdruck bringen.

Ein Theaterstück mit Witz und Tiefgang

Nicht zuletzt sollen die Freilichtspiele aber auch humorvolle Szenen beinhalten. «Und das ist sicher der Fall», glaubt Christoph Gähwiler, der erneut als OK-Präsident der Freilichtspiele amtet. «An der ersten Leseprobe hat unser Pfarrer jedenfalls Tränen gelacht.» Gähwiler ist denn auch überzeugt: «Das Publikum kann sich auf ein Freilichtspektakel mit Witz und Tiefgang, köstlichen Dialogen und fantastischen Bildern freuen, in dem auch die Liebe nicht zu kurz kommt.

Anders als in «D Gotthardposcht» und «D Gotthardbahn» geht es 2017 um einen thematischen Inhalt, der nie realisiert wurde. «Genau das ist es, was mich am Stück so reizt», sagt Camenzind. «Bei geschichtlichen Ereignissen hat man immer eine gewisse Sicherheit. Die Ausgangslage für ‹Göschenen am Meer› gibt uns unglaubliche Freiheiten bei der Inszenierung, sie macht aber gleichzeitig die Umsetzung sehr knifflig.»

Bereits vor gut zwei Wochen haben die Probenarbeiten begonnen. Rund 150 Personen – zirka 80 auf der Bühne und rund 70 hinter den Kulissen – wirken 2017 mit. «Bei so vielen Leuten ist es wichtig, einen guten Teamgeist zu schaffen», meint Stefan Camenzind. «Bis Weihnachten werden Leseproben stattfinden. So überprüfen wir, ob inhaltlich alles stimmt und ob die Zuschauer mitkommen können», sagt der Regisseur. Dies sei bei einer Uraufführung üblich, da man noch nicht genau wisse, ob der Text effektiv als Theaterstück funktioniere, erklärt Camenzind. Im Februar sollen dann die Bühnenproben anlaufen.

Bis zu 20000 Besucher werden zu den vom Kulturforum Andermatt Gotthard organisierten Freilichtspielen erwartet. Die Aufführungen finden nach 2007 zum zweiten Mal in Göschenen auf dem «Eidgenössischen» statt, einem Areal an der Umfahrungsstrasse. «Dieser Wechsel des Spielorts ist nicht ganz freiwillig geschehen», sagt OK-Präsident Gähwiler. «Der 2013 benützte Platz in Andermatt wird von der Armee wieder als Ausbildungsplatz benutzt.» Andere Spielorte seien wegen der Bauarbeiten im Tourismusresort Andermatt nicht verfügbar gewesen. «Dass gerade dieses Theaterstück in Göschenen aufgeführt wird, passt aber sehr gut, da die Geschichte ja auch dort spielt.»

Gruppenreservationen sind bereits möglich

Die Besucher des Freilichtspiels sollen mit einer aufwendigen Inszenierung begeistert werden. Das hat natürlich auch seinen Preis: Budgetiert sind Ausgaben von 1 bis 1,5 Millionen Franken. Der offizielle Ticketverkauf beginnt im Februar. Bereits ab sofort sind aber Gruppenreservationen bei Andermatt-Urserntal Tourismus möglich. Erstmals gibt es zwei Ticketkategorien. Christoph Gähwiler liefert die Begründung dafür: «Es gibt Plätze, die nicht ganz regengeschützt sind oder auf denen eine leicht beeinträchtigte Sicht in Kauf genommen werden muss. Somit wäre es nicht ganz fair, wenn alle Besucher gleich viel bezahlen müssten.»

Hinweis

Die Premiere der Freilichtspiele 2017 wird am 30. Juni stattfinden, die Derniere am 19. August. Mehr Infos unter www.goeschenen-am-meer.ch

Jessica Bamford


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