«Leute sind mir ans Herz gewachsen»

WASSEN ⋅ Eine Schriftstellerin präsidiert den Gemeinderat. Als Newcomerin will sich Kristin T. Schnider erst mit den Geschäften vertraut machen und eine Klausur einberufen.
15. Januar 2015, 05:01

Einen derart abrupten Wechsel gibt es selten. In Wassen wurde aufs neue Jahr hin fast der gesamte Gemeinderat ausgewechselt. Einzig Christian Gerig ist die zweite Amtsperiode dabei. Als einziges verbleibendes Mitglied übernimmt er das Vizepräsidium. Neu dabei und gleich den Vorsitz übernommen hat Kristin T. Schnider. Den Job als Gemeindepräsidentin hat die 54-jährige Schriftstellerin nicht gesucht. Dass sie ins kalte Wasser geworfen wurde, ist für sie aber kein Problem. «Ich habe Verständnis dafür, dass unsere Vorgänger nach Ermüdungserscheinungen aufgehört haben», sagt sie. Es seien schliesslich immer dieselben, die sich engagieren würden. Trotzdem: «In Wassen sind viele Einheimische aktiv und arbeiten in den Kommissionen und Räten mit.» Nur im Gemeinderat sind es vor allem Auswärtige und Neuzuzüger. Schnider hofft, dass für den zurzeit vierköpfigen Gemeinderat bald noch mindestens ein weiteres Mitglied gefunden wird.

«Nichts überstürzen»

Trotz schwieriger Personalsuche: In Sachen Fusionen stehen die Zeichen momentan auf Standby. «Es gibt bereits Zusammenarbeiten in verschiedenen Bereichen», sagt Kristin T. Schnider. So würden die Gemeinden Göschenen, Gurtnellen und Wassen etwa im Schulbereich zusammenarbeiten. Gemeinsame Wege gehe man auch bei der Baukommission oder bei den Musikvereinen. Schnider will aber nichts überstürzen. Ängste und Abwehrhaltung müsse man ernst nehmen. «Wir dürfen den Menschen nicht ein Stück Heimat nehmen.»

Die 54-Jährige sieht ihren neuen Job vor allem als Chance. «Ich will mich seriös einarbeiten», sagt sie. Dabei hofft sie auf Unterstützung. «Ich zähle darauf, dass die Einwohner und insbesondere die Vorgänger mir zur Seite stehen.» Ihr gutes Wahlresultat und die Rückmeldungen sieht sie als zusätzliche Motivationsspritze. Kristin T. Schnider gehört keiner Partei an. Das, so Schnider finde sie auch nicht besonders wichtig. «In einem Dorf ist die Realpolitik wichtiger als die Parteifarbe.» Als Erstes will sich Schnider mit den Aufgaben vertraut machen. So trifft sich der neue Gemeinderat demnächst zu einer Klausurtagung. «Wir müssen uns zuerst vor allem mit den Tagesgeschäften und den Pendenzen beschäftigen», sagt sie. «Die Schwerpunkte unserer Arbeit für die nächste Zeit sind damit gegeben.»

Schnider freut sich, dass nicht nur die Wassner, sondern auch die Meientaler derart mit der Vereinigung Pro Meien aktiv sind. Aber man könne nur realisieren, was auch finanzierbar sei. Die Finanzen sind denn auch die Hauptsorge der Gemeinde. In den vergangenen Jahren blieben die Einwohnerzahlen mehr oder weniger konstant. «Wir hoffen natürlich auf Neuzuzüger», so Schnider. Wassen setze nun alles daran, sich als attraktives Dorf zu präsentieren. Beheben wolle man auch das Problem fehlender Parkplätze. An der nächsten Gemeindeversammlung Ende Mai geht es darum, die Verwirklichung einer teilweise unterirdischen Parkgarage aufzugleisen. Wassen sei kein verschlafenes Bergdorf. Im Gegenteil: «Viele Mitbürger beteiligen sich aktiv am Dorfleben oder arbeiten an gemeinschaftlichen Projekten mit.» So hat der Alpabzug in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen angezogen. «Auf grosses Interesse stösst auch der Samichlauseinzug», sagt Schnider. Dieser werde dank Bemühungen der Katzenmusik durchgeführt, in der auch junge Leute vertreten seien. Auch für die Senioren wurde einiges getan. In Wassen steht ein Betagtenheim. Erst vor ein paar Monaten konnte ein neues Heimleiterpaar begrüsst werden. Zudem gibt es in Wassen nach wie vor einen Dorfladen.

Zufällig in Wassen gelandet

Dass Kristin T. Schnider heute in Wassen lebt, ist ein Zufall. Eigentlich wollte sie sich in Flüelen oder Altdorf niederlassen. Doch damals schlug sie die Zeitung auf und fand ein Inserat für eine günstige Wohnung in Wassen. Ihr gefiel es auf Anhieb in der wildromantischen Landschaft. «Mit der Zeit sind mir die Menschen sehr ans Herz gewachsen», sagt sie.

Begonnen hat Kristin T. Schnider ihre politische Arbeit auf internationalem Terrain. Als Schriftstellerin hat sie sich in Freiwilligenprojekten engagiert. So arbeitete sie in der internationalen Schriftstellervereinigung PEN mit. Die Organisation, bei der so bekannte Leute wie Salman Rushdie, Günter Grass oder Peter Stamm dabei sind, setzt sich für die Meinungsfreiheit von Künstlern ein. Ein Thema, das nach den Terroranschlägen auf der Redaktion der Zeitschrift «Charlie Hébdo» in Frankreich wieder an tragischer Bedeutung gewonnen hat.

Auch in Wassen engagiert sich Schnider seit Jahren. So hat sie 2001 in einer Projektwoche mit Lehrern und Schülern von Wassen dem ehemaligen Hotel Rothus neues Leben eingehaucht. Zusammen mit Kindergärtlern und Primarschülern hat sie alte Räume neu gestaltet. Aktiv war Kristin T. Schnider auch beim Projekt Schulhausroman. Zusammen mit Kindern schrieb sie einen Roman. Mit ihrer neuen Tätigkeit als Gemeindepräsidentin wird das Dorf Wassen für Kristin T. Schnider in nächster Zeit vermehrt ins Zentrum rücken.

Hinweis: Die «Neue Urner Zeitung» stellt im Monat Januar alle sechs neuen Urner Gemeindepräsidenten vor. Bereits erschienen sind die Porträts von Urs Kälin, Altdorf (3. Januar), Markus Frösch, Bürglen. (7. Januar), Ambros Arnold, Unterschächen (10. Januar) und Esther Büeler, Spiringen (13. Januar).

Markus Zwyssig

Das Schreiben ist Schniders Leben

Aufgewachsen ist Kristin T. Schnider in Zürich. Seit 1998 lebt sie in Wassen. Der bekannteste Roman der Schriftstellerin heisst «Die Kodiererin». Darin schreibt sie gegen unmenschliche Wohn- und Arbeitsverhältnisse an. Schnider hat einige Preise gewonnen: den Migros-Literaturförderungspreis, den Literaturpreis der Stadt Zürich, einen Werkbeitrag der Stiftung Pro Helvetia, eine Ehrengabe der Stadt Zürich, einen Beitrag der Urner Kunst- und Kulturstiftung und den zweiten Preis der Zentralschweizer Literaturförderung. Von 2002 bis 2010 war Schnider Präsidentin des Deutschschweizer PEN-Zentrums und von 2007 bis 2010 Mitglied im Vorstand des internationalen PEN. Schnider betreut auch Webseiten für verschiedene Firmen, übernimmt Übersetzungsaufträge und Lektorate.


Leserkommentare

Anzeige: