Marionetten erobern Urner Bühne

DEZEMBERTAGE ⋅ Die Marionetten des Urner Krippenspiels erwachen wieder zum Leben: Ein neuer Regisseur, bewährte Puppenspieler und ein Live-Sprecher bringen den Stoff Ende 2017 in neuer Form auf die Bühne.
13. April 2017, 08:04

Angel Sanchez

redaktion@urnerzeitung.ch

13 Jahre hat er geschlafen, verpackt in einer Kiste, tief verstaut in einem Schuppen: Joder, Held und Hauptfigur von Heinrich Danioths Urner Krippenspiel. Im Dezember 2017 bringt die Marionettenbühne Gelb-Schwarz den Klassiker wieder auf die Bühne. Matteo Schenardi führt Regie.

Der Weg zur Premiere aber ist noch weit: Wie bei jeder Grossproduktion müssen zuerst die Finanzen gesichert und die Laienspieler bereit sein, den Probenaufwand auf sich zu nehmen. Ganze zwei Jahre Vorlauf braucht es, bist die Puppen wieder tanzen, pardon spielen. Überhaupt muss Joder zuerst geweckt werden. Also auf ins Puppenlager.

Marionette ergänzt den Menschen

Mario Burkart, Präsident der Marionettenbühne Gelb-Schwarz, hebt sacht den Deckel der Kunststoffkiste. Ein gezielter Griff, und seine geübte Hand zieht Joder zurück ans Licht. «Es ist, als ob er zu leben beginnt», sagt Matteo Schenardi. Tatsächlich scheint es, als ob die geschnitzten Augen Joders seine Gegenüber anfunkeln, sobald ein Mensch an den Fäden zieht. Die beiden Männer können nicht anders und fangen gleich an, mit der 60 Zentimeter grossen und 2,5 Kilogramm schweren Figur zu spielen. «Marionetten sind faszinierend, für Spieler wie auch für die Zuschauer», sagt Burkart. Man sieht die Fäden und weiss, dass am anderen Ende ein Mensch zieht. Selbst absolute Könner verfügen an einer Marionette über ein sehr beschränktes Spektrum an Bewegungen. Und trotzdem entsteht im Zusammenspiel von Mensch und Marionette ein Zauber. Vielleicht ist es gerade der Mangel an Action und Effekten, der dazu führt, dass Marionettenbühnen nur Geschichten erzählen, die so stark sind, dass das Publikum gern bereit ist, in die Welt der Figuren abzutauchen.

Das Krippenspiel von Heinrich Danioth aus dem Jahr 1944 erzählt vom Wettstreit zwischen Gott und dem Teufel. Es herrscht Krieg, und an die Türen der Protagonisten klopfen Flüchtlinge, Asylanten, Immigranten. In ihrer Not bitten sie um Schutz und Wärme. Das stürzt Joder in ein moralisches Dilemma. Am Ende obsiegen schliesslich Menschlichkeit und Nächstenliebe.

Im Kanton Uri beliebt und bekannt

Wer sich 2017 an diesen Stoff wagt, steckt aber selber in einem gewaltigen Dilemma. Die Geschichte von Joder und Co. ist in Uri beliebt und bekannt – ja fast zu bekannt. Wer das Publikum mit dem Stück locken will, muss einen neuen Dreh finden. An Ideen fehlt es dem Duo Burkart/Schenardi nicht. Dafür teilen sie zu viele Erfahrungen im Theater. Schenardi arbeitet heute als freischaffender Schauspieler, Musiker und Regisseur, derweil Burkart Kulissen, Bühnen und vieles mehr baut und konzipiert.

Worauf kann sich das Publikum im Dezember 2017 einstellen? «Neu ist, dass es alt ist», sagt Burkart. Der Text, der live gesprochen wird, ist praktisch identisch mit der Plattenaufnahme von 1963. Auch die Musik wird live gespielt. Die grösste Neuerung aber dürfte das Bühnenbild werden. «Wir wollen das Marionettenspiel feiern und geben den Blick hinter die Kulissen frei», erklärt Schenardi. Das Publikum sieht also, was «hintendran» passiert. Die fünf Marionettenführer, die normalerweise im Schatten stehen, rücken so ins Rampenlicht. Wann ziehen sie die Fäden? Wie wird der Kunstschnee gemacht? «Der Zuschauer entscheidet, worauf er sich konzentriert», sagt Burkart.


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