Nach Felssturz: Er bringt die Seilbahn wieder in Fahrt

BRISTENSTRASSE ⋅ Über 50 Personen zeigten sich bereit, beim Betrieb der Standseilbahn in Amsteg mitzuhelfen. Einer davon ist Hans Küttel aus Altdorf. Der 75-Jährige hilft auch im Ruhestand gerne, wenn Not am Mann ist – und verwirklicht sich nebenbei einen Traum.

19. März 2017, 09:33

Der Ansturm war riesig: Über 50 Personen hatten auf einen Aufruf der Baudirektion hin ihre Mithilfe beim Betrieb der Standseilbahn des Kraftwerks Amsteg angeboten. Diese wurde am Mittwoch reanimiert, nachdem ein Erdrutsch die Strasse von Amsteg nach Bristen unpassierbar gemacht hatte. Nun stehen 14 Helfer mit Zivildienstleistenden als Maschinisten, Wagenführer und Shuttlefahrer im Einsatz.

Einer von ihnen ist Hans Küttel. Er dürfte den Urnern bestens bekannt sein, war er doch bis zu seiner Pensionierung vor zehn Jahren als Bademeister im Schwimmbad Altdorf und ist seither in einem Teilzeitpensum bei der Luftseilbahn Eggberge tätig.

Per Zufall zu neuem Job als Maschinist

Der 75-Jährige ist nicht über den Aufruf der Baudirektion zu diesem ungewöhnlichen Arbeitsplatz gekommen. «Eigentlich bin ich aus purem Zufall hier», sagt er. Auf einer Velotour kam Küttel Anfang Woche bei der Standseilbahn vorbei – aus Neugier. «Ich wollte wissen, wie diese uralte Anlage aussieht.» Da traf er auf einen Verantwortlichen der Baudirektion, der ihn von der Seilbahn Eggberge her kannte und kurzerhand um Mithilfe bat. Lange überlegen musste der Pensionär nicht: Seilbahnen sind seine Leidenschaft, und: Er hatte Zeit. Schon am übernächsten Tag nahm Küttel an einer Schulung teil, tags darauf, am Donnerstag, 16. März, sass er zum ersten Mal im Maschinenraum in Amsteg.

Hier kommt der Altdorfer immer wieder ins Schwärmen. «Ich habe ja schon viele Seilbahnanlagen gesehen. Aber diese hier ist ein Unikum.» Was der Pensionär damit meint, ist unüberhörbar. Während bei modernen Seilbahnen Maschinenraum und Steuerungspult getrennt sind, befindet sich hier alles in einem einzigen Raum, der Lärm ist entsprechend gross. Küttel erklärt, was hier alles rattert und tost: Ein roter Elektromotor treibt das Getriebe an, das eine grosse, orangefarbene Seiltrommel in Bewegung setzt. Gesteuert wird die Maschinerie und damit die Standseilbahn von einem erhöhten Pult aus. Hier sitzt Hans Küttel auf einem Stuhl, vor ihm sind Knöpfe, Lämpchen und Anzeigen.

Von Lamas bis zu Regierungsräten

Durchs Fenster ist die Standseilbahn zu sehen, die Gäste sind eingestiegen, der Wagenhelfer bereit. «Kontrolle auf ‹Auf›», spricht Küttel ins Funkgerät. «Können wir starten?» Wenig später springt die Seiltrommel an. Der 75-Jährige regelt das Tempo, der weisse Tacho vor ihm bleibt bei 1,2 Metern pro Sekunde stehen. Während 6 Minuten zieht das Seil die Bahn die steile Strecke entlang der ehemaligen Druckleitungen nach oben.

Eine Art Leiste am Pult zeigt an, wo auf der Strecke sich die Bahn gerade befindet. Passiert sie einen bestimmten Punkt, muss Küttel das Tempo mit der rechten Hand langsam auf 0,25 Meter pro Sekunde runterschrauben. «Bei modernen Anlagen läuft das alles automatisch. Hier muss man die Bahn mit Fingerspitzengefühl selber zum Stillstand bringen.» Da sei immer volle Konzentration gefordert, um im Notfall einschreiten zu können.

Das ist es denn auch, was Küttel an dieser Aufgabe reizt: «So bleibt mein Hirn aktiv.» Ausserdem konnte er bereits am ersten Tag Gäste transportieren, die ihm sonst wohl nie in einer Seilbahn begegnen würden: ein Lama sowie ein zehn Tage altes Lamm, das zum Viehdoktor musste. Auch Regierungsratsmitglieder hat Küttel sicher nach Bristen geseilt, wo sie die Bevölkerung informierten, dass die Bristenstrasse bis Ostern wieder befahrbar sein soll. Bis dahin kann Küttel seinem neuen Hobby nachgehen: der Steuerung einer fast 100-jährigen Standseilbahn.

 

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

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Ein Erdrutsch hat in der Nacht auf den 6. März die Strasse nach Bristen im Kanton Uri zerstört. Über 400 Bewohner waren mehr als eine Woche von der Aussenwelt abgeschnitten.

Video: Bristen-Standseilbahn fährt wieder

Die Standseilbahn, die nach einem Erdrutsch als Notverbindung zwischen Bristen und Amsteg, funktionieren soll, wurde am Mittwoch in Betrieb gesetzt. (Tele1, 15.03.2017)

Video: Standseilbahn zwischen Bristen und Amsteg fährt wieder

Punkt vier Uhr in der Früh hat die Standseilbahn, die am Mittwoch nach einem Erdrutsch als Notverbindung zwischen Bristen und Amsteg zum Leben erweckt wurde, die erste Person ins Tal befördert. Seither läuft die Bahn auf Hochtouren. (Urs Flüeler / SDA, 15.03.2017)




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