Online-Unterricht macht Schülern Mühe

BILDUNG ⋅ Italienisch wird auf der Oberstufe gemeindeübergreifend unterrichtet. Das Spezielle daran: Ein grosser Teil des Unterrichts findet auf einer Onlineplattform statt. Nur sieben Schüler nutzen jedoch zurzeit das Angebot.
19. April 2017, 05:00

Salome Infanger

salome.infanger@urnerzeitung.ch

 

Seit mehr als zwanzig Jahren wird an Urner Schulen auf Primarstufe Italienisch unterrichtet. Uri und Graubünden waren die einzigen Kantone, die in der fünften und sechsten Klasse Italienisch statt Französisch als obligatorische Zweitsprache in den Lehrplan aufgenommen haben. Mit der Einführung von Englisch ab der dritten Primarklasse wurde Italienisch zu einem Wahlpflichtfach. Auf der Oberstufe war es mangels interessierter Schüler stets schwierig, Italienisch in allen Gemeinden anzubieten. Die Italienischkarriere war also für viele nach zwei Jahren beendet.

Der Erziehungsrat hat sich 2012 entschieden, Italienischunterricht an der Oberstufe weiter als Wahlfach anzubieten. Die geografische Nähe zum Tessin spielte eine wichtige Rolle. Seit drei Jahren gibt es ein gemeindeübergreifendes Italienischangebot, das zum grossen Teil auf Fernunterricht übers Internet basiert. Nur einmal im Monat treffen sich die Schüler zum Unterricht im Kollegi in Altdorf. Alle Schüler des Kantons von der ersten bis zur dritten Oberstufe können sich anmelden, sofern sie bereits in der Primarschule Italienisch gewählt hatten. Rund die Hälfte der angemeldeten Jugendlichen sind Kollegischüler. «Wie uns Lehrer des Gymnasiums bestätigen, profitieren Schüler im Französischunterricht vom Besuch des Italienisch in der Primarschule», sagt David Zurfluh vom Amt für Volksschulen.

Viele Schüler brechen Italienischunterricht ab

Einzig in Andermatt ist das Interesse an der Sprache gross genug, dass eine eigene Italienischklasse vor Ort zu Stande gekommen ist. Von den übrigen Gemeinden im Kanton besuchen zurzeit nur sieben Schüler von der ersten bis zur dritten Oberstufe den virtuellen Italienischunterricht. Die Mehrheit der angemeldeten Schüler ist wieder ausgestiegen. Dies, weil es ihnen zu viel wurde oder die Unterrichtszeiten nicht mit ihren Hobbys vereinbar waren, sagt Zurfluh.

Trotz allem will man im Kanton Uri am Italienischunterricht auf der Oberstufe festhalten. Sobald sich von den gesamten drei Jahrgängen mindestens fünf Schüler anmelden, wird das Fach durchgeführt, so Zurfluh. «Wir wollen Jugendlichen weiterhin die Möglichkeit bieten, die Sprache unseres Nachbarkantons zu lernen.» Zurfluh sagt aber auch: «Das Konzept ist eigentlich eine Notlösung.» Im Grunde wünsche man sich schon, dass sich in jeder Gemeinde genug Schüler anmelden würden, um einen eigenen Italienischunterricht vor Ort anbieten zu können.

Einmal in der Woche online dabei

Zwei Lektionen pro Woche bringt Lehrerin Cornelia Epp den Schülern Italienisch bei. Grammatikübungen lösen, Aussprache verbessern, Verben konjugieren, Texte lesen, Konversation üben. «Eigentlich ganz normaler Unterricht», sagt Epp. Nur findet all das dreimal im Monat, jeweils am Montagabend von 20 bis 21 Uhr in einem virtuellen Klassenzimmer statt. Die Lehrerin verschickt vor dem Unterricht einen Link per Mail, der den Schülern den Zugang zur Onlineplattform Adobe Connect ermöglicht. Die Schüler und die Lehrerin sehen sich so gegenseitig auf einem Bildschirm und können über Mikrofone miteinander kommunizieren. Zu Beginn sei das jedoch vor allem auch technisch vielfach eine Herausforderung, sagt Epp.

Whatsapp wird für den Unterricht ebenfalls genutzt. Die Schüler sind jeweils zu zweit – plus der Lehrerin – in einer Whats­app-Gruppe und üben mündliche Konversation mit Hilfe von Sprachnachrichten.

Prüfungen schreiben die Schüler im «Live-Unterricht». Die zwei Lektionen am Dienstagnachmittag werden aber nicht nur für Prüfungen genutzt. Die Schüler repetieren zudem den Lernstoff auf spielerische Weise. Um das Gelernte auch konkret anwenden zu können, tauschen sich die Urner Schüler mit Tessiner Klassen aus. Sie schreiben sich Briefe oder senden sich Quiz oder Spiele zu. Einmal im Jahr ist auch geplant, eine Tessiner Schulklasse zu treffen.

Schüler müssen diszipliniert dem Unterricht folgen

Auf der ersten bis zur dritten Oberstufe wird Italienisch als zusätzliches Schulfach zum obligatorischen Schulplan belegt. Die Jugendlichen nehmen also freiwillig einen Mehraufwand auf sich. Mireille Gisler aus Altdorf besucht das erste Jahr des Italienischunterrichts. «Ich habe das Fach gewählt, weil es mir in der Primarschule Spass gemacht hat», sagt sie. Was die Schüler aber stört, sind die Unterrichtszeiten. «Am Montag um 20 Uhr möchte man lieber im Bett liegen oder sonst etwas machen», sagt die 13-jährige Mona Gerig aus Schattdorf. «Wir wollten die Kurse zu einer früheren Uhrzeit machen, aber dann waren viele wegen anderer Hobbys verhindert», sagt Epp.

Die Schüler bemängeln ausserdem, dass sie viele Hausaufgaben hätten. Der Eindruck rührt wohl auch daher, dass die Schüler vieles selbstständig erarbeiten müssen. «Die Schüler müssen sehr diszipliniert sein und auch ohne Kontrolle durch Lehrpersonen gut lernen können», sagt Epp.

Bei den Treffen im Kollegi gibt die Lehrerin den Schülern ­einen Plan ab, was die nächsten drei Wochen im Onlineunterricht behandelt wird und welche Aufgaben gelöst werden müssen. Epp sagt, grundsätzlich funktioniere das Unterrichtssystem. «Für engagierte Schüler ist es kein Problem, sie profitieren von dieser Art von Unterricht genauso.» Das Lernprogramm sei nicht überladen, und sie versuche, den Unterricht laufend zu verbessern. Aber sehr viele hätten Mühe, allein zu Hause daran zu arbeiten. Das zeigen auch die Zahlen. Im ersten Jahr des Pilotprojekts haben sich 16 Schüler angemeldet, Ende Jahr waren noch sechs dabei. Der Jahrgang ist nun in der dritten Oberstufe und besteht noch aus zwei Schülern. In der zweiten Oberstufe ist von acht Angemeldeten nur noch jemand dabei, und die erste Oberstufe besteht aus vier anstatt sieben Schülern. Grundsätzlich melden sich die Schüler für ein Jahr an. Zurfluh sagt aber: «Wir möchten nicht, dass die Schüler wegen eines Wahlfachs überfordert sind, darum können sie in begründeten Fällen während des Jahrs abbrechen.»

Nächstes Jahr wird ein neuer Anlauf genommen. Zwölf Sechstklässler haben sich für den Italienischunterricht in der ersten Oberstufe angemeldet.


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