«Sie sehen mich als Grossvater»

JUGENDFÖRDERUNG ⋅ Vandalismus war der Auslöser, dass in die Jugend investiert wurde. Dank eines Bundesprojekts konnte Uri dieses Engagement nun ausbauen. Ein Gespräch mit dem erfahrenen Förderer Josef Schuler.
21. März 2017, 07:46

Interview Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Josef Schuler ist Jugendbeauftragter des Kantons Uri und seit 30 Jahren in der Jugendförderung tätig. Am Wochenende konnte das vom Bund unterstützte Programm zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendförderung in Uri abgeschlossen werden. Ein Gespräch mit dem erfahrenen Förderer.

Josef Schuler, Sie werden 63 Jahre alt. Sind Sie nicht zu alt für Jugendförderung?

Ich glaube nicht. Ich spüre immer Freude bei meiner Arbeit. Klar sehen mich Kinder und Jugendliche vielleicht als Grossvater. Aber da gibt es schliesslich herrliche Beziehungen.

Sie haben von der Regierung den Auftrag erhalten, den Kanton Uri zu einem ausserordentlich kinder- und jugendfreundlichen Kanton zu machen. Was versteht man darunter?

Es heisst, dass wir etwas mehr machen als der Durchschnitt. Dort kümmert sich der kantonale Kinder- und Jugendbeauftragte vielleicht um das Kindeswohl, überlässt den Rest aber den Gemeinden und Privaten. Wir legen Wert auf ein besseres Zusammenspiel und eine integrale Förderung.

Wie ist es dazu gekommen?

2005 hat es in Uri «gchlepft und tätscht». Es gab Vandalismus, Littering und Lärm, verursacht durch Jugendliche. Durch eine Motion im Landrat hat man sich dafür eingesetzt, keine «Pflästerlipolitik» zu betreiben, die Symptome bekämpft, sondern man hat die Kinder- und Jugendförderung ganzheitlich angepackt. Ein Leitbild und ein Massnahmenkatalog sind entstanden, die viele Fach- und Verwaltungsstellen, Gemeinden sowie private Initiativen und Organisationen einbezogen hat. Die Massnahmen sind heute umgesetzt, die Situation hat sich beruhigt.

Was ist das Rezept für eine gute Jugendförderung?

Fast in allen Kantonen gibt es Gutes. Was den Unterschied aber ausmacht, ist die Qualität der Koordination und Vernetzung. Das Spektrum ist gross, reicht vom Säugling in der Mütterberatung bis zum jungen Erwachsenen, der in die Wirtschaft miteinbezogen werden soll. Die Herausforderung ist, eine integrale Politik zu machen, die all diese Felder zusammenbringt und die Akteure motiviert. Mein Job ist es, darauf zu achten, dass das Klima stimmt, damit sich auch die Freiwilligen unterstützt fühlen.

Wieso braucht es die Jugendförderung?

Durch den demografischen Wandel verschieben sich die Machtverhältnisse in Richtung alt. Die Lobby für Kinder und Jugendliche wird kleiner. Wir müssen die Stimme der Jugendlichen und deren Wohl im Bewusstsein der Gesamtbevölkerung wachhalten.

Jugendliche wollen sich nicht dreinreden lassen. Blocken sie nicht ab, wenn man versucht, sie zu fördern?

Es ist sonnenklar, dass Jugend­liche Freiräume brauchen. Die Aufgabe der Gemeinden ist es, zum Beispiel für Treffs und Vereinslokale zu sorgen. Für den Kanton heisst Förderung, die überkommunale Zusammenarbeit zu unterstützen. Für mich bedeutet Förderung, dass man die Kommunikation und die Informationen verbessert. Und man muss die Jugendlichen mitwirken lassen.

Der Kanton Uri hat die Jugendförderung auf drei Säulen abgestützt.

Wir stützen uns auf das Jugendförderkonzept des Bundesrats. Es beinhaltet Hilfe/Schutz, Förderung und Partizipation. Beim Schutz geht es um das Kindeswohl. Mit dem Projekt «Primokiz» ging es darum, Hebammen, Kinderärzte und Kinderberatungen an einen Tisch zu bringen, um herauszufinden, wie gefährdete Kinder früh erkannt werden können und mit welchen familienergänzenden Massnahmen deren Situation verbessert werden kann. Das macht auch ökonomisch Sinn. Je früher wir ein Problem anpacken, desto weniger Folgekosten entstehen.

Was ist unter Partizipation zu verstehen?

Das Einbeziehen der Kinder. Das muss schon in den Gemeinden geschehen. Dies ist mit den «Kinderkonferenzen» passiert. Wir haben die Gemeinden unterstützt, indem wir eine Moderatorin zur Verfügung gestellt haben. Die Kinder haben diskutiert, wie ihre Traumgemeinde aussehen soll. Sie haben das auf Plakaten festgehalten und dem Gemeindeverband vorgestellt, und in Seelisberg auch der Gemeindeversammlung. Es geht um das Natürlichste der Welt. Kinder wollen gehört werden. Und die Erwachsenen lernen, dass Kinder vernünftig Dinge vorbringen. Dasselbe gilt für die Jugendlichen im kantonalen Jugendparlament im Rathaus. Die Vorstösse der Jugendlichen werden vom Regierungsrat behandelt. Viele Anliegen konnten umgesetzt werden. Partizipation geschieht aber auch in den Jugendverbänden. Man wächst in die Jugendstruktur hinein und übernimmt immer mehr Verantwortung.

Wo liegt der Unterschied zum Pfeiler Förderung?

Förderung bedeutet für den Kanton, kommunale Projekte finanziell zu unterstützen. Beispielsweise Spielplatzprojekte, der Ferien(s)pass, die Ludothek oder ein Kinderfest. Wichtig sind auch Präsenz und Wertschätzung. In den vergangenen drei Jahren kamen 450000 Franken vom Bundesamt für Sozialversicherungen. Dies war eine grosse Chance für Uri. Zuerst erarbeiteten wir ein breit abgestütztes Konzept. Dadurch konnte wir die volle Summe auslösen. Ich hätte nicht gedacht, dass mit dieser Finanzspritze so viel bewirkt werden kann. Der Bildungs- und Kulturdirektor Beat Jörg konnte per Verfügung einen Beitrag bewilligen. Das machte die Sache unkompliziert, was die Gemeinden geschätzt haben.

Ohne das Bundesgeld wäre nicht so viel gelaufen?

Das möchte ich so nicht behaupten. Aber das Bundesprojekt wirkte sehr stimulierend, auch für Gemeinden. Der Sozialdienst Altdorf hat beispielsweise das Thema «Jugend und Schulden» aufgegriffen. Dank Bundesgeld kam dann die gute Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern zu Stande. Wenn Engagement und Idee stimmen, findet man meistens eine Finanzierung. Das haben wir im Bereich der frühen Förderung erfahren. Die Jacobs Foundation unterstützte die Aufbauarbeit.

Sie werden also nicht müde. Woher kommt das Flair für die Jugendförderung?

Ich habe gute Erfahrungen als Kind und Jugendlicher gemacht. Ich bin in der Mitte einer zehnköpfigen Familie aufgewachsen und habe schon dort vermittelt. In der Pfadi war ich in der Leiterfunktion, wo es auch zu vernetzen galt. Später war ich Lehrer in Isenthal, wo ich zwischen Berg und Tal übersetzte. Ich war geprägt durch die ländliche, katholische Kultur, später durch die humanistischen, aufklärerischen Werte, die die Grenzen erweitert haben. Die Freude am Beruf und am Leben ist gewachsen und geblieben.

Wie hat sich die Jugend in den letzten 30 Jahren verändert?

Durch den Pluralismus sind die Lebensstrukturen vielfältiger geworden. Die Jungen wachsen offener auf. Ich erlebe aber auch, wie wichtig es heute ist, dass man als Erwachsener für Grenzen, Reibung und Orientierung sorgt.

Wie tun Sie dies in der Jugend­förderung?

Durch Unterstützung. Kürzlich haben wir mitgeholfen bei der Neugründung des Jugendrats Uri. Unser Amt sorgte für Datum und Raum, damit die Jungparteien zusammenkamen. Und wir erleichterten den vielbeschäftigten Jugendlichen die Arbeit, indem man das Protokoll übernahm. Die Hauptbotschaft ist, dass wir froh sind, dass sie sich hier engagieren. Und dass sie willkommen sind. Viele Junge werden den Kanton verlassen. Aber es ist unser legitimes Anliegen, zu motivieren, dass einige wieder zurückkommen.

Teilen Sie die Angst vor Brain Drain, also der Abwanderung kluger Köpfe?

Wir sind einer der Kantone, die am wenigsten wachsen. Den Moralfinger zu heben, finde ich falsch. Wir müssen auf die Motivation und unseren schönen Lebensraum setzen.

Ihr Gedankengut als Jugendbeauftragter konnten Sie im kantonalen Kinder- und Jugendförderungsgesetz einbringen. Ihre grösste Errungenschaft?

Das Gesetz darf man nicht überbewerten. Es ist aber gut. Das Gesetz sagt nur, dass auch in dem Querschnittbereich etwas staatliches Handeln notwendig ist. Es zeigt, dass die Kinder- und Jugendförderung eine Gemeinschaftsaufgabe zwischen Kanton, Gemeinden und privaten Organisationen ist. Das Gesetz ist nicht revolutionär. Es sichert das Bewährte und Bestehende.

Worauf sind Sie noch mehr stolz?

Ich bin stolz auf die wertvollen Beziehungen, die ich aufbauen konnte. Meine Stärke ist Kommunikation und Vermittlung. Ich bin jemand, der sich von Menschen und Ideen berühren lässt, aber auch andere anstecken kann.

Video: Jugendförderung im Kanton Uri wirkt - der Film

Jetzt ist er fertig, der Film „Jugendförderung wirkt!“. Florian Arnold zeigt in der 27-minütigen Dokumentation, wo der Kanton Uri in Sachen Jugendförderung steht und wo es hingehen könnte, was Chancen sind, und woran Uri arbeiten sollte. (Youtube / Politcast Uri, 20.03.2017)




Leserkommentare

Anzeige: