«So wird das Dorf attraktiv gehalten»

BÜRGLEN ⋅ Die 30er-Zone mitten im Dorf von Bürglen scheidet die Geister. Gemeindepräsident Markus Frösch sagt, weshalb es diese aus Sicht des Gemeinderats braucht.

12. Oktober 2016, 05:00

Auf der Kantonsstrasse in Bürglen soll eine Tempo-30-Zone eingeführt werden. Die Regierung hat vergangene Woche sämtliche Einsprachen gegen das Projekt abgewiesen. Während sich die IG Pro Klausenstrasse unserer Zeitung gegenüber enttäuscht gab (siehe Ausgabe vom 8. Oktober), freut sich Gemeindepräsident Markus Frösch.

 

Markus Frösch, der Gemeinderat steht hinter der Tempo-30-Zone. Wie sieht es mit der Bevölkerung aus?

Grundsätzlich ist das schwierig zu beantworten. Aber vor kurzem ist der Gemeinderat in corpore sehr gut wiedergewählt worden: Für uns war das auch eine Bestätigung unserer Arbeit. So gesehen haben wir den Rückhalt.

Aber es gab auch unterschiedliche Reaktionen.

Wir haben viele Gespräche geführt und man wird darauf angesprochen. Es gibt zwei Lager. Diejenigen, die per se ein Problem mit Tempo 30 haben. Sie wird man nicht umstimmen können. Und jene, die nach den Gründen fragen. Die meisten von ihnen verstehen unsere Argumente.

Die da wären?

Da muss man ganz vorne beginnen. Den Anstoss für ein neues Verkehrskonzept in Bürglen gaben die Pläne für die Überbauung Pfarrmätteli mit einer Tiefgarage mit Aus- und Einfahrt in die Kantonsstrasse. Es kam damit ein zusätzliches Element in den Dorfkern. Und da schon lange ein Verkehrskonzept für Bürglen fällig gewesen wäre, erhielten wir die Auflage, die Situation im Dorf ganzheitlich anzuschauen. Mit Anwohnern, Gewerbetreibenden und Liegenschaftsbesitzern wurden die Schwierigkeiten und Brennpunkte erörtert. Das Fazit daraus war, dass praktisch all diese Punkte nur angegangen werden können, wenn es eine Temporeduktion gibt.

Die Gegner sagen, man wolle nur die Pläne des Pfarrmätteli «durestiere».

Nun, die Abklärungen ergaben, dass sich die Tiefgaragenzufahrt zum Pfarrmätteli unter Auflagen sogar bei Tempo 50 umsetzen liesse. Das Pfarrmätteli war der Ausgangspunkt für ein Verkehrskonzept. Ironischerweise spielt dies am Schluss nun keine Rolle mehr.

Welches also sind die Schwierigkeiten, die Sie ansprechen?

Parkplätze an der Kantonsstrasse zu sichern, bei denen man rückwärts ausparkieren muss. Ein sicheres flächiges Queren bei der Post. Neue Erschliessungen. Für all das braucht es Temporeduktion. Und wenn im Dorfkern verdichtet gebaut wird, erhöhen sich die Frequenzen beim Langsamverkehr. Dies sind alles Massnahmen, um ein Dorf attraktiv zu halten.

Tempo 30 als Motor für die Entwicklung?

Ja. Wegen der Einsprachen wurde auch der Kompromiss Tempo 40 getestet. Es war ernüchternd, festzustellen, dass diese für die Entwicklung nichts bringt.

Wieso wurde die Testphase frühzeitig abgebrochen?

Das Provisorium hat so lange gegolten, bis die Baudirektion genügend Daten beisammen hatte. Einen Monat vor dem Test wurden erste Messungen gemacht. Dann wurde eine Messung bei offenem und eine bei geschlossenem Klausenpass gemacht. Die Tendenz war klar. Danach gab es gemäss Baudirektion keine Rechtfertigung mehr, ein Provisorium aufrechtzuerhalten.

Was waren die Effekte?

Im Grundsatz konnte man sagen, dass der Tempo-40-Versuch eine Geschwindigkeitsreduktion von nur 1 km/h gebracht hat. In der «Adler»-Kurve wird ohnehin nicht schnell gefahren. Das Gefahrenpotenzial liegt in den vorgelagerten Passagen.

Wie gefährlich ist es im Dorf von Bürglen wirklich?

Das ist wohl etwas Subjektives. Man kann einerseits die Unfallstatistik anschauen. So gibt es immer wieder Blechschäden und vor wenigen Jahren sogar einen tödlichen Unfall. Es ist jedoch nicht nur die Häufigkeit von Unfällen, die zählt. Man muss auch das unsichere Verhalten im Strassenverkehr anschauen. Man sieht im Dorf viele, gerade auch ältere Leute, welche die Strasse nicht überqueren, bevor ein Auto anhält. Beim Testbetrieb von Tempo 40 wurden zudem haarsträubende Szenen gefilmt. Es ist definitiv angezeigt, dass in Bürglen etwas gemacht werden muss. Wenn wir die Sicherheit nicht verbessern, wird uns das über kurz oder lang vorgeworfen.

Viele erachten eine 30er-Zone mitten auf der Kantonsstrasse aber als reine Schikane?

Der Zeitverlust auf den 200 Metern ist wirklich vernachlässigbar. Anders aber als bei Tempo 40 wird die 30er-Zone sehr viel deutlicher signalisiert. Somit wird dem gedankenlosen Fahren entgegengewirkt, und so sollte man keine Angst vor einer Geschwindigkeitsbusse haben müssen. Der Gemeinderat gewichtet hier zwischen individueller Freiheit und dem Mehrnutzen für die Allgemeinheit.

Es wurden Alternativen ohne Tempo 30 vorgeschlagen.

Ein Verkehrskonzept ohne Tempo 30 bedeutet, nichts zu machen. Den Zebrastreifen um 8 bis 10 Meter zu verschieben, reicht für eine Verbesserung nicht aus, weil die Sichtwinkel immer noch zu klein sind. Andere Massnahmen wären so umfangreich gewesen, dass sie nicht realistisch sind. Man muss wissen, Bürglen hat ein geschütztes Dorfbild. Da ist es enorm schwierig, etwas zu ändern. Eine Temporeduktion bleibt die mildeste Massnahme.

Wie wird Bürglen mit der 30er-Zone aussehen?

Die Details plant der Kanton. Aber so viel uns bekannt ist, wird es eingangs links und rechts eine Tafel geben sowie eine längere bemalte Fläche, die den Anfang der Zone signalisiert. Über den kompletten Strassenabschnitt wird es allenfalls auf beiden Strassenseiten einen bemalten Streifen geben, der die Fahrbahn optisch einengt und die Autofahrer zur Achtsamkeit zwingt. Bauliche Massnahmen wie Schwellen sollte es keine geben.

Ein Streitpunkt ist der Halt der Busse im Dorfkern.

Auch dieser liegt in der Entscheidungskompetenz des Kantons. Es ist bekannt, dass alle Bushaltekanten in Zukunft behindertengerecht sein müssen, sodass man mit einem Kinderwagen oder einem Rollstuhl ebenerdig in den Bus fahren kann. Das wird auf dem Postplatz schwierig. Theoretisch wäre ein Fahrbahnhalt bergseits denkbar. Der Wunsch des Gemeinderats ist aber, dass nichts gemacht wird, solange nicht klar ist, wie der Postplatz einmal aussehen könnte. Vielleicht entstehen dann ganz andere Möglichkeiten.

Auf Gemeindestrassen von Bürglen sind die 30er-Zonen bereits umgesetzt. Wie sind dort die Rückmeldungen?

Die Reaktionen sind sehr positiv, vor allem von den meisten Anwohnern. Auf Wunsch hat man nebst den Tempo-30-Markierungen an gewissen Stellen auch die Linienführung der Strasse nachgebessert, sodass nun klarer ist, wie man fahren muss.

Man lernt 30er-Zonen also schätzen, wenn sie da sind?

Man gewöhnt sich sicher schnell daran. Aber das Aufstellen einer 30er-Tafel ist ja nicht das Ende, sondern der Anfang. Es gibt ein Monitoring; wenn die 30er-Zone nicht die gewünschte Wirkung zeigt, muss man nachbessern. Es kann sogar zu einem Rückbau kommen, wenn es sich zeigt, dass die Massnahme ihre Wirkung verfehlt.

Es wurde viel Geschirr zerschlagen. Vor allem Spirgner und Unterschächner sind sauer. Wie bringt man das Verhältnis wieder ins Lot?

«Geschirr zerschlagen» ist der falsche Ausdruck. Wir arbeiten ja auch in anderen Bereichen mit Unterschächen und Spiringen zusammen. Und auch hier hat man viele Gespräche miteinander geführt und nach Lösungsansätzen gesucht. Wir haben ganz einfach eine andere Meinung. Und die Gutachten gaben uns bisher recht. Wenn man eine andere Meinung hat, sind solche Gutachten, die das Gegenteil unterstreichen, natürlich nie erwünscht. Ein rechtliches Verfahren ist deshalb der richtige Weg, damit eine unabhängige Stelle entscheidet.

Wie realistisch ist es, dass der Entscheid der Regierung ans Obergericht weitergezogen wird?

Sehr realistisch. Wenn man sich für etwas einsetzt, soll man von seinen Rechten Gebrauch machen. Ein Rechtsverfahren bringt aber auch mit sich, dass die unterlegene Partei am Schluss den Entscheid akzeptiert. Was das heisst, hat auch der Gemeinderat Bürglen schon erlebt.

Wie sieht nun der zeitliche Rahmen für das weitere Vorgehen aus?

Das kommt auf die Einsprachen an. Neben jenen, die gegen die 30er-Zone sind, gibt es solche, denen sie zu wenig weit geht. Die Bewohner rund um die EWA-Kurve fühlen sich ebenfalls unsicher. Aber da zeichnen sich Lösungen ab, weil alle mehr Sicherheit als Ziel haben. Ich bin nun noch für zwei Jahre als Gemeindepräsident gewählt. Es wäre schön, wenn der Tempo-30-Entscheid innerhalb dieser Zeit definitiv ist. Danach wäre die Tempo-30-Zone wohl schnell umgesetzt.

Interview Florian Arnold


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