Urschner fühlen sich unter Druck

ALTDORF ⋅ Wie steht es um die Berglandschaft im Urserntal? Zu dieser Frage lieferte die Historikerin Rahel Wunderli in einem Referat wissenschaftlich fundierte Antworten.
18. März 2017, 08:13

Urs Hanhart

urs.hanhart@urnerzeitung.ch

Die Historikerin Rahel Wunderli befasst sich schon seit über zehn Jahren mit dem Strukturwandel in der Berglandwirtschaft, insbesondere mit jenem im Urserntal. Zu diesem Thema hat sie eine Lizenziatsarbeit und eine Dissertation geschrieben, die kürzlich in Buchform veröffentlicht wurde.

Aktuell ist Wunderli an einem interdisziplinären Projekt beteiligt, das sich mit der kollektiven Ressourcennutzung im schweizerischen Alpenraum beschäftigt. Am Donnerstag stellte die gebürtige Aargauerin, die vor ihrem Studium fünf Jahre als Hirtin im Etzlital gearbeitet hat, im Staatsarchiv Uri im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Der runde Tisch» die wichtigsten Ergebnisse aus ihren wissenschaftlichen Arbeiten vor. Das Interesse an diesem Vortrag hielt sich mit rund 20 Zuhörern in Grenzen.

Drei Viertel der Betriebe verschwunden

Wunderli wies einleitend darauf hin, dass sich der Strukturwandel in der Berglandwirtschaft nicht grundlegend von jenem im Mittelland unterscheide, aber er habe eine eigene Zeitlichkeit und später eingesetzt. Zudem habe er ein eigenes Tempo und auch eigene Formen angenommen. Konkret ist die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe im Urserntal im Verlaufe des 20. Jahrhunderts von ursprünglich 160 auf 40 zusammengeschrumpft. «Angewachsen ist hingegen die Zahl der grossen Betriebe mit über 30 Hektaren Fläche. Ganz verschwunden sind jedoch die Kleinbetriebe mit einer Fläche von unter einer Hektare», erklärte Wunderli. «Anhand des statistischen Materials lässt sich für Ursern nachzeichnen, was für den Strukturwandel im Berggebiet ganz allgemein gilt: ein Rückgang der Betriebe, die Zunahme der Betriebsflächen, die Zunahme des Viehbestands pro Betrieb und die Spezialisierung der Betriebe.»

Grundsatz heisst «entweder oder»

Früher hätten die meisten neben Kühen auch Schafe und Ziegen gehalten. Heute sei das Ganze aufgetrennt, und es gelte der Grundsatz «entweder oder». Bei den Tiergattungen sei die Zahl der Ziegen am stärksten rück­läufig, was das Wuchern der unerwünschten Grünerlen begünstigt habe. Neben der Speziali­sierung habe aber auch eine Mechanisierung, einhergehend mit einem Rückgang der Zahl der Arbeitskräfte, stattgefunden.

Schwierige Kooperationen

«Es war eine Überraschung für mich, zu sehen, dass sich die Landwirtschaft in Realp von denjenigen in Andermatt und Hospental deutlich unterschieden hat», sagte die Referentin. «Sie war kleinräumiger, stärker auf Selbstversorgung ausgerichtet und auffallend stark genossenschaftlich organisiert.» Der Rückgang der Betriebe in Realp habe später eingesetzt, sei jedoch umso ausgeprägter ausgefallen.

Wunderli führte diverse Interviews mit Urschner Bauern. Dazu sagte sie: «Eine meiner Haupterkenntnisse ist, dass der Strukturwandel zwar viele Zwänge mit sich gebracht hat und ­weiter mit sich bringt. Trotzdem verstehen sich die Bauern als agierende Individuen, die Handlungsspielräume durchaus zu nutzen wissen.» Alle Befragten hätten gemein, das Gefühl zu haben, einer so­zialen Minderheit anzugehören, die unter hoher und oft sehr kri­tischer Beobachtung ihres Umfelds und der politischen Öffentlichkeit stehe. Dieses Exponiertsein und die hohen Anpas­sungsforderungen von Seiten des Marktes und der Agrarpolitik erzeugten einen starken Druck. Zudem erschwere die Vielfalt der Betriebe Kooperationen. So könnten sich zum Beispiel die wenigen verbliebenen Milchproduzenten nicht auf eine gemein­same Milchverarbeitung einigen, weil ihnen das Risiko zu gross erscheine.

Resort entfacht Verdrängungskampf

«Der Bau des Tourismusresorts in Andermatt hat die Beziehung zwischen den Betrieben zusätzlich strapaziert, weil die Ansprüche des Resorts auf bisher landwirtschaftlich genutztes Land einen Verdrängungskampf entfacht haben», erklärte Wunderli. Bei den Interviews sei ihr aufgefallen, dass die Befragten den Strukturwandel sehr stark über soziale Veränderungen wahrnehmen. Die Geschichte der Betriebe sei immer auch ein Stück weit Familiengeschichte. Familienmitglieder seien nach wie vor ein wichtiges Arbeitskräftereservoir für die Betriebe, wahrscheinlich sogar das wichtigste. «Was das Verhältnis der Generationen untereinander anbelangt, ist in den Interviews deutlich geworden, dass die Position der Kinder gegenüber den Eltern im Verlaufe der letzten Jahrzehnte stärker geworden ist», so die Referentin. «Die Mitarbeit der Kinder auf den Betrieben hat an Selbstverständlichkeit eingebüsst, denn es stehen ihnen heute mehr Möglichkeiten offen, ihr Leben ausserhalb der Landwirtschaft zu gestalten, als früher.»

Im Anschluss an ihren Vortrag beantwortete Wunderli Fragen aus dem Publikum. Danach nahm sie auch noch an einer Diskussionsrunde teil.


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