Wisi Zgraggen: «Bauern ist eine Herzenssache»

BUCHVERÖFFENTLICHUNG ⋅ Wisi Zgraggen (39) wurde national bekannt, weil er es geschafft hat, nach einem Arbeitsunfall seinen Hof weiter zu betreiben – ganz ohne Arme. Nun gibt es ein Buch über den Urner und das «Bauernleben» an sich.

25. September 2016, 05:00

Er ist auf Anhieb sympathisch, zeigt sich offen im Gespräch und steht mitten im Leben: der Urner Landwirt Wisi Zgraggen. Im Oktober 2002 hat er auf tragische Weise beide Arme bei einem Arbeitsunfall verloren. Nach diesem Schicksalsschlag zögerten Vater und Sohn Zgraggen nicht lange und stellten ihren Betrieb von Milch- auf Fleischproduktion um. Und hatten Erfolg damit. Die Zürcher Journalistin Barbara Lukesch hat nun ein Buch über Wisi Zgraggen, seine Familie und das Leben der Bauern im Allgemeinen geschrieben. Klar wird darin vieles – auch dass Urner Bauern schon immer kämpfen mussten. Erfindungsreichtum und Standhaftigkeit waren bereits vonnöten, als es 1871 mit dem Bau der Gotthardbahn losging – und die erste Generation Zgraggen den Bielenhof in Erstfeld übernahm.

Wisi Zgraggen, seit Jahren werden Sie von neugierigen Journalisten mit Fragen gelöchert. Hält man das als bodenständiger Landwirt überhaupt aus?

Wisi Zgraggen: Anderthalb Stunden Gespräch zwischendurch, so wie jetzt, das geht. (Lacht) Nach einem ganzen Tag mit Presseterminen bin ich allerdings etwas unzufrieden – weil ich nichts auf dem Hof arbeiten konnte.

Wie empfinden Sie die immer gleichen Fragen zu Ihrem Arbeitsunfall 2002?

Sie sind nicht nervig – sie gehören zum Verarbeitungsprozess dazu. Redet man, dann kann man sich von tragischen Dingen entfernen. Das habe ich auch gleich nach dem Unfall im Spital so gemacht: Ich habe allen erzählt, was passiert ist – das hat mir geholfen, Abstand zu gewinnen.

Mit dem Buch «Bauernleben» stehen Sie erneut im Fokus der Öffentlichkeit. Sind Sie inzwischen ein Kommunikationsprofi?

Das Gespräch mit der Öffentlichkeit – man führt es einfach. Die Arbeit mit Barbara Lukesch, der Buchautorin, empfand ich übrigens als sehr angenehm. Und: Das Buch soll motivieren.

Inwiefern? Was erhoffen Sie sich vom Buch?

Dass der Leser erfährt: Der Mut zum Weitermachen lohnt sich – auch in schwierigen Zeiten. Und ich hoffe, dass das Verständnis für uns Bauern ein bisschen wächst.

Steckt das Bauern in Ihren Genen? Immerhin bewirtschaften Sie den Bielenhof in Erstfeld in der fünften Generation.

Ja. Aber ich glaube, alle Menschen wissen unterbewusst, wie Landwirtschaft funktioniert. Wir sind alle Jäger und Sammler.

Blicken Sie mit Freude und Dankbarkeit auf die Geschichte des ­Bielenhofs zurück?

Ich bin meinen Vorfahren schon sehr dankbar. Ein ganz grosser Dank gilt sicher meinem Urgrossvater Josef, der 1872 auf die Welt kam und mit 56 Jahren leider viel zu früh starb – an einer Lungenentzündung. Er war politisch aktiv, ein Visionär, und brachte den Betrieb weiter, indem er ihn stark vergrösserte.

Visionäre scheinen auch Ihr Vater und Sie zu sein – nach dem Unfall versteigerten Sie alle Milchkühe und setzten fortan voll auf die nachhaltige Fleischproduktion mit Dexter-Rindern. Trotz allem Optimismus – Ihre fehlenden Arme unterscheiden Sie von anderen Landwirten. Wie gehen Sie damit um?

Ich darf mich im Kopf nicht einschränken – wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Ich war schon immer ein positiver Mensch und mit viel Durchhaltewillen ausgestattet. «Aufgeben tut man höchstens einen Brief», dieser Satz stammt von Theo Kelz, einem österreichischen Polizisten, der bei einem Sprengunfall beide Hände verlor und mich einmal besucht hat. Ich bin der Ansicht, dass alles im Leben einen weiterbringen kann, auch Negatives.

Sie brauchen viel Kraft in Beinen und Füssen. Bekommen Sie die bei der Arbeit, oder müssen Sie diese Kraft eigens trainieren?

Die Beinkraft ergibt sich aus der täglichen Arbeit. Durch die grosse einseitige Belastung betreibe ich aber natürlich Raubbau am Körper. Gerade ist mir ein Meniskus eingerissen – ich muss auf meine Knie aufpassen. Auch der Rücken wird mehr belastet, weil die Arme fehlen. Wegen des Rückens habe ich nach 13 Jahren nun erstmals wieder mit einer Physiotherapie begonnen. Das Fitnesstraining, das ich aus Zeitgründen bisher nur im Winter absolvierte, werde ich künftig wohl aufs ganze Jahr ausdehnen müssen.

Im Buch ist zu lesen, dass Ihre Familie seit 1871 alle tief greifenden Veränderungen des Bauerngewerbes mitgemacht hat – Mechanisierung, Ökologisierung und Globalisierung. Können Sie das etwas ausführen?

Mechanisierung bedeutet die Entwicklung vom Handgerät zum Ochsen und sodann zum Traktor. Die Ökologisierung setzte 1985 ein, nachdem die Landwirtschaft seit 1960 zunehmend intensiv betrieben worden war – was unter anderem zur Verschmutzung der Gewässer beigetragen hat. Die Agrarpolitik begann deshalb, Weichen zu stellen und ökologische Leistungen finanziell abzugelten.

Ökologische Leistungen – nennen Sie mir ein Beispiel?

Zu meiner Landwirtschaft gehören beispielsweise Wiesen, die extensiv bewirtschaftet werden, ohne Dünger – das ist gut für Pflanzen und Tiere.

Und die Globalisierung – welchen Einfluss hat diese auf die Bauern?

Die Globalisierung betrifft uns in Form von Marktöffnung. Man kann heute problemlos Soja von Brasilien in die Schweiz importieren. Die Umweltverschmutzung findet dann woanders statt – der Konsument bekommt sie nicht mit. Unsere Lebensmittel konkurrieren mit Lebensmitteln aus der ganzen Welt. Im hohen Schweizer Kostenumfeld versuchen wir, zu Weltmarktpreisen Produkte herzustellen – das ist gar nicht möglich. Ein Schweizer Bauer könnte gratis Getreide an den Müller abgeben, und das Brot wäre immer noch teurer als im Ausland. Hinzu kommt: Im Schweizer Acker- und Obstbau sowie in der Tierproduktion sind viele Hilfsstoffe wie zum Beispiel Hormone verboten. Das ist eigentlich gut, nur im Wettbewerb mit anderen Ländern natürlich nicht. US-Beef kann Hormone und Antibiotika enthalten – aber das steht nur im Kleingedruckten. Meine Dexter-Rinder dürfen keine Hormone bekommen und Antibiotika nur in Ausnahmefällen Monate vor der Schlachtung.

Wann müssen Sie Antibiotika ­verabreichen?

Ich verzeichne nur ein bis zwei solcher Einsätze pro Jahr. Bei Verletzungen, Lungen- oder Euterentzündungen. Letztere sind bei der Mutterkuhhaltung, wie wir sie betreiben, aber selten – das Kalb melkt besser als der Mensch. (Lacht) Zudem sind die Dexter eine sehr robuste Rasse.

Über diese schöne Rasse würde ich gerne etwas mehr erfahren.

Dexter-Rinder kommen ursprünglich aus Irland. Meine Rinder stammen von Züchtern aus der Schweiz, aus Dänemark und aus Deutschland. Das Original Braunvieh, das meine Vorfahren besassen, hatte vor 150 Jahren Eigenschaften ähnlich jenen der Dexter-Rinder. Diese wurden aber leider in der Zucht hin zu mehr Rentabilität verändert. Dexter sind langlebig, robust und durch ihr vergleichsweise geringes Körpergewicht ideal geeignet für die Wiesennutzung.

Können Sie das genauer erklären?

Sie üben weniger Druck auf die Wiese aus. Will heissen, es gibt weniger Löcher im Gras – dieses erhält sich besser. Es ist sinnvoll, unser Gras hier in Uri als Futter zu veredeln – wir haben keine Ackerfrüchte, aber gutes Gras. Die Kühe fressen nur dieses und geben es als Milch an die Kälber weiter. Entsprechend gut schmeckt das Fleisch unserer Rinder.

Wie viel wiegt ein Dexter-Rind im Vergleich zum Original Braunvieh von heute?

Ein Dexter-Rind bringt 350 bis 400 Kilo auf die Waage, ein ­Original Braunvieh 600 bis 800 Kilo – manchmal sogar bis zu einer Tonne.

Sie sind ein grosser Fan der Mutterkuhhaltung geworden?

Durch die Mutterkuhhaltung sind wir stark im Tierschutz verankert. In der ganzen Schweiz ist bei dieser Tierhaltung nur Freilauf gestattet. Bei uns haben die Tiere zusätzlich ein besonders tierfreundliches Stallhaltungssystem. Die Tiere wachsen in einem guten sozialen Umfeld auf. Die Herde schützt das einzelne Tier, und die Mutter schaut zum Kalb. Unsere Auffassung ist: Solange das Tier bei uns lebt, behandeln wir es mit allem Respekt. Die Tiere dürfen ins Freie, sind täglich auf den Weiden und kommen im Sommer auf die Alp.

Und das Schlachten? Ein notwendiges Übel?

Kommt ein Tier auf die Welt, ist das ein Freudentag. Zu jeder Geburt gehört aber der Tod mit dazu. Wir Bauern müssen natürlich den Nutzen und das Produkt sehen – wir müssen von den Tieren leben. Fleisch soll keine Massenware sein – aber es ist eines unserer Grundnahrungsmittel und ein wichtiger Eiweissspender.

Wie geht das Schlachten vor sich?

Ich bringe die Tiere zum sieben Kilometer entfernten Schlachthof. Nach der Schlachtung werden sie zerlegt, und das Fleisch wird bis zu drei Wochen gelagert. In unserem Betrieb portionieren und vakuumieren wir es dann. Hauptverkaufszeit ist im November und Dezember. Die Mindestbestellung liegt bei ca. zehn Kilogramm – das Mischpaket kostet pro Kilo 29 Franken. Eine alleinstehende Person ist damit ca. ein halbes Jahr lang gut versorgt.

Nicht nur Sie in Ihrem Betrieb müssen schauen, dass die Einnahmen die Ausgaben decken und dann noch etwas übrig bleibt. Wie geht es den Bauern in Uri heute – in Erstfeld sind es ja kaum noch mehr als zwei Dutzend?

Richtig. 1997 lag die Zahl immerhin noch bei 36 Bauern. Mich macht es traurig, dass Urner Bauern nicht von der Landwirtschaft leben können. Fast jeder Bauer hat heute einen Nebenjob – wir sind die Ausnahme. Geht man aber einer zweiten Arbeit nach, fehlt die Zeit für den Betrieb.

Trotz aller Widrigkeiten: Was ist für Sie das Schöne am Bauern?

Dass ich in und mit der Natur arbeite. Als Bauer ist man sehr nah an der Schöpfung dran. Ich bin ein gläubiger Christ, aber ich gehe nicht so oft in die Kirche. Ich pflege lieber eine direkte Beziehung zum Chef. Und gehe nicht über den Pfarrer. (Lacht)

Im Buch ist beschrieben, wie Sie im Sommer 2003, zehn Monate nach dem Unfall, den 3073 Meter hohen Bristen bestiegen haben. Was bedeuten Ihnen als Urner die Berge?

Sie geben Geborgenheit und Orientierung. Sie zeigen uns das Wetter an. Die Berge sind unser Daheim.

Fühlen Sie sich im engen Tal nie eingeschlossen von den vielen Bergen?

Nein, denn man muss diese Berge nur besteigen – dann sieht man noch weiter, als man es in der Ebene tut.

Bevor Sie ohne Arme den Bristen meisterten, prüften Ihr Schwager und dessen Vater den Aufstieg für Sie – mit den Händen in den ­Hosentaschen. Hält man auf dem Land immer so gut zusammen?

Ja, weil man sich kennt. Nach meinem Unfall haben meine Eltern extrem viel Hilfe bekommen auf dem Hof – von Berufskollegen, Bekannten, Unbekannten, Familienmitgliedern. Der Familienzusammenhalt ist sehr gross. Schwere Zeiten schweissen zusammen. Und Bauern hatten schon immer schwere Zeiten. Man muss aber auch etwas für den Zusammenhalt tun.

Vom Ururgrossvater bis zu Ihnen waren und sind alle begeisterte Bauern. Auch Ihr ältester Sohn Thomas hat Feuer für den Beruf gefangen?

Thomas ist 15, in der dritten Oberstufe, und will Bauer werden. Das freut uns selbstverständlich sehr. Es ist aber seine freie Entscheidung. Das ist wichtig, denn: Bauern ist eine Herzenssache. Wäre es nicht sein Wille, würde er scheitern.

Sie selbst haben sich früh mit dem Hof des Vaters identifiziert. Weil Sie schon früh und viel mitgearbeitet haben?

Das spielt sicher eine Rolle. Ich habe die Arbeit aber nie als streng empfunden, sondern als befreiend und beflügelnd. Man erreicht Ziele mit der Arbeit, und das ist positiv. Natürlich gibt es auch Misserfolge – damit muss man dann ebenfalls umgehen können.

Sie sind mit drei Schwestern und zwei Cousinen aufgewachsen. Hat dieses weibliche Umfeld Sie geprägt?

Ich rede sicher heute noch lieber mit Frauen als mit Männern. Frauen sind offener. Gefühle zu zeigen, ist für sie kein Zeichen von Schwäche.

Was meinen Sie – sind Bauern dank ihres Berufs freiheits­liebender, selbstbewusster, gelassener?

Sie sind ausgeglichener. Dank der Natur und einer gewissen Freiheit.

Im Buch ist schön erzählt, wie Sie es als einziger Bauernsohn unter lauter Erstfelder Eisenbahnerkindern in der Schule nicht leicht hatten. Waren Sie immer schon ein starker Charakter, der viel aushält?

Nein. Dass ich die Hänseleien unbeschadet überstanden habe, verdanke ich meiner Primarlehrerin Stefania Massenz. Sie war super als Lehrerin, hatte eine gerade Linie und konnte Witze machen. Sie war streng, und sie hat mich integriert.

Frau Massenz hat infolge einer Kinderlähmung einen lahmen Arm, von dem sie sich als Lehrerin nicht einschränken liess. War Sie ein Vorbild für Sie – nach Ihrem Unfall?

Stefania Massenz hat ihre Behinderung super gehändelt. Sie gab Werken, Turnen, alles. Unterbewusst war sie mir deshalb vielleicht schon ein Vorbild, ja.

Interview: Susanne Holz

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| PD/Wörterseh Verlag

Das Buch über von Barbara Lukesch über Wisi Zgraggen, «Bauernleben», Wörterseh 2016, kann bestellt werden auf: www.dexterzucht.ch.


 

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