Zum Witenwasserenstock ob Realp entsteht ein vierfacher Wanderweg

GOTTHARD ⋅ Es gibt nur vier von ihnen, hoch ob Realp liegt eine davon: eine dreifache kontinentale Wasserscheide. Paul (71) und Ruedi Dubacher (68) bauen einen Wanderweg dorthin. Kein einfaches Unterfangen: Der Berg wehrt sich.

11. Oktober 2016, 05:00

Kilian Küttel

Der Flughelfer reisst die Tür auf. Alle springen aus dem Super Puma. Der Wind bläst heftig. Es ist heiss, es ist laut – den Turbinen sei Dank. Dann ist jeder am Boden. Der Heli hebt ab. Es wird kalt. Es wird still.

Wir sind mitten im Gotthard-Massiv auf 2600 Metern über Meer. Links der Cavannapass, rechts der Witenwasseren­stock. Ein wenig unterhalb des Stocks, auf 3025 Metern, liegt etwas verborgen, das es nur vier Mal auf der Welt gibt – eine dreifache, kontinentale Wasserscheide: Auf einer tischgrossen Gneis­platte sammelt sich Regenwasser, das je nach Windrichtung in einen anderen Fluss fliesst: in den Rhein, wenn der Wind nach Norden weht. In die Rhone, wenn er von Osten kommt, oder in den Po bei Nordwind. «Eine absolute Sensation», sagt Paul Dubacher.

Im Kampf gegen den Berg ist er nicht allein

Wanderer von überall her sollen diese sehen können. Dafür sorgt der 71-Jährige: Seit einem Jahr arbeitet er an einem Wegnetz, das zur Wasserscheide führt. Dubachers Geschichte ist jene eines Mannes, der gegen einen übermächtigen Gegner kämpft: er gegen den Gotthard. Doch der als Urner Wanderpapst bekannte Seedorfer tritt nicht alleine an: Sein Bruder Ruedi Dubacher (68) steht an seiner Seite. Diesen Sommer hatte er die Arbeiten unter sich. Fünf Wochen war er hier oben. Zusammen mit etwa 45 Helfern: Freiwillige, Privatunternehmer, Zivildienstler und Zivilschützer – sie alle pickelten und schaufelten Stunden um Stunden. Das ist auch nötig. «Das Gelände macht uns zu schaffen. Es ist schwierig, hier einen Weg zu bauen», erklärt Paul Dubacher und blickt um sich. Tatsächlich: Grosse Felsen, scharfkantige Steine, im Schatten alles dunkel. Wo die Steine weiss sind, liegt eine dünne Schneeschicht. Der Berg wehrt sich, der Winter kommt.

Doch noch können sie arbeiten. Den Dubachers steht für die letzte Woche der Saison eine Gruppe Zivilschützer zur Verfügung, die mit ihnen auf den Berg geflogen ist. Nicht nur die orange-grüne Uniform unterscheidet sie von den meisten Militärkompanien – es ist auch die Begeisterung. «Vor einer solchen Kulisse zu arbeiten und an einem guten Projekt mitzuhelfen, ist einfach toll», sagt Zugführer Tony Betschart. Luca Gisler steht daneben, legt einen Vorschlaghammer zur Seite und bestätigt: «Es ist eine schöne Arbeit und wir tun etwas sinnvolles – aber am Abend wissen wir schon, was wir gemacht haben.» Die «Büez» in dieser Höhe ist anstrengend. Die Luft ist dünn, das Gelände steil, der Fels hart. Paul Dubacher ist froh um die Unterstützung: «Ohne Helfer, die anpacken können und sich das Gebirge gewohnt sind, wäre das Projekt nicht umzusetzen.»

Wanderstöcke statt Rollator

Die Gebrüder besprechen den Wegverlauf mit Zugführer Betschart. Dann machen sie sich auf zur Rotondohütte auf der anderen Seite des Tals. Das Wanderfieber sei ihnen von Kindsbeinen an mitgegeben worden, sagt Ruedi Dubacher. Den Abstieg zur Talsohle meistern sie problemlos. Offensichtlich. Schnee und Eis kümmern sie nicht. Andere brauchen in ihrem Alter bald Rollatoren, die Dubachers Wanderstöcke.

Beim Aufstieg zur Hütte inspiziert Paul Dubacher den Weg, den die Helfer in den letzten Tagen ausgebessert haben: «Ich bin zufrieden. Aber die Wassergräben müssen breiter werden. Sonst spülen uns Schnee und Schmelzwasser den ganzen Weg fort.»

Paul Dubacher spricht mit so viel Liebe von Wanderwegen wie Skifahrer von unberührtem Pulverschnee oder Autoliebhaber von Motoren und Fahrwerken: Linienführung, Sicherheit, Aussicht – all das liegt ihm am Herzen. Der perfekte Wanderweg? «Wanderer sollten zwischendurch nebeneinander laufen können.» Also anders als vorgeschrieben: Rot-weiss-rote Wanderwege müssten nur zwischen 30 und 80 Zentimeter breit sein. Dubacher: «Wir geben hier unser bestes, um wirklich gute Wege zu bauen.»

«Die Arbeit ‹fägt›»

Dann sind wir bei der SAC-Hütte Rotondo. Der Besuch zeigt, wie fest die Dubachers in der Urner Alpenfamilie verwurzelt sind. Der Aufenthalt wird lang und länger, doch irgendwann vor dem zweiten Glas Rotwein können sich die Brüder losreissen.

Beim Abstieg nach Realp treffen wir auf weitere Helfer: Jugendliche aus der ganzen Schweiz haben sich gemeldet, um bei Dubachers Vorhaben mitzuhelfen. Wieso? David Indumi aus Bern bearbeitet einen grossen Stein, der nicht aus der Erde will. Er hält kurz inne, blickt auf, wischt sich den Schweiss ab und sagt: «Erstens ‹fägt› die Arbeit. Und zweitens kann man die Wanderwege ja nicht immer nur benutzen. Man muss auch mal mithelfen, sie zu bauen.» Ein sichtlich zufriedener Ruedi Dubacher entgegnet: «Richtige Einstellung.»

Die beiden Chefs verlassen die Gruppe und gehen weiter Richtung Tal. Nach einer halben Stunde ist der Abstieg geschafft. Paul Dubacher ist zufrieden mit den Fortschritten. Sagt aber, es sei noch viel zu tun. Die Brüder rechnen damit, den Weg im Sommer 2018 zu eröffnen. Dann hat Paul Dubacher sein Ziel erreicht, den Berg bezwungen: «Wir wollen hier oben ein hochalpines Wanderparadies schaffen, fertig.»

26 Kilometer für 1,6 Millionen Franken

Paul Dubacher plant, insgesamt vier Zugänge zur kontinentalen Wasserscheide unterhalb des Wittenwasserenstocks zu bauen. Die Wege sollen vom Tessiner Villa Bedretto, vom Gotthardpass, von Realp und vom Furkapass zum Punkt führen. Dazu werden neue Wege erstellt oder bestehende ausgebessert.

Das gesamte Netz umfasst 26 Kilometer. Die Arbeiten begannen im Sommer 2015 und sollen im besten Fall bis 2018 andauern – je nach Witterung. Ende der letzten Woche wurden die Arbeiten für dieses Jahr eingestellt, das Wetter lässt es nicht mehr zu. Paul Dubacher, der als Geschäftsführer der Stiftung Vier-Quellen-Weg das Projekt leitet, rechnet mit maximalen Kosten von rund 1,6 Millionen Franken. Diese will er durch Sponsoringbeiträge generieren.

kük


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