Zwischen Pfefferminz und Gülle

MIGRATION ⋅ Wie duftet Heimat? Mit dieser Frage haben sich Migranten und Einheimische in einem öffentlichen Gespräch am Treffpunkt 26 beschäftigt. Die Antworten waren so unterschiedlich wie die Gäste.
12. April 2017, 08:33

Remo Infanger

redaktion@urnerzeitung.ch

Für die einen ist es die Cervelat auf dem Grill, für andere der ­Curryduft in den Gassen. Heimat riecht für jeden anders. Besonders dann, wenn die Herkunftsländer Tausende von Kilometern auseinanderliegen.

Mit der Frage, wie Heimat riecht, befassten sich am vergangenen Samstag Migrantinnen und Einheimische. Diana Arnold, Sprachkursleiterin und Lehrerin, lud dazu Gäste mit verschiedenen ethnischen Herkünften zum öffentlichen Gespräch ein. Rund 50 Interessierte fanden den Weg zum Treffpunkt 26, einem entstehenden Begegnungsprojekt zwischen Migranten und Einheimischen an der Hagenstrasse 26. «Mit so vielen Zuhörern haben wir nicht gerechnet», sagte Arnold. Nach dem Apéro, bei dem die Besucher die neuen Räumlichkeiten des Begegnungsortes in Augenschein nahmen, verschob die Schattdorferin die Diskussionsrunde aufgrund des entstandenen Platzmangels ins Schulhaus Bernarda.

Vertraute Gerüche im neuen Zuhause wiederfinden

«Jedes Mal, wenn ich Pfefferminze rieche, erinnert mich das an meine Heimat», erzählte Akberet Mehari. Seit neun Jahren lebt die Eritreerin nun in der Schweiz. Zum einen werde die Gewürzpflanze in grossen Mengen in ihrem Heimatland angebaut, zum anderen brauche man es aber auch sehr oft in der eritre­ischen Küche.

Auch Kanlaya Zwyssig, die aus dem Süden von Thailand stammt, diskutierte im Gespräch über Düfte und Heimat mit. Seit zwölf Jahren lebt die Mutter von zwei Kindern in der Schweiz. «Für mich riecht Heimat nach Curry», sagt sie. Es sei ein schönes Gefühl, auch in der neuen Heimat die vertrauten Gerüche wiederzufinden.

«Es ist typisch, dass viele Gerüche nennen, die mit dem traditionellen Essen verknüpft sind, wenn man sie nach dem Duft von Heimat fragt», meinte Arnold. Oft seien es Erinnerungen an familiäre Gerichte.

Regierungsrat Dimitri Moretti war ebenfalls zu Gast am öffentlichen Gespräch. Als italienischer Zuwanderer der zweiten Generation sei er noch immer stark mit seiner zweiten Heimat, wie er sie nennt, verbunden. «Rosmarin ist für mich typisch Italien», sagte der Sicherheitsdirektor. Und auch hierzulande verbinde er die Heimat mit einem vertrauten Geruch: «Ich habe eine Zeitlang in der Stadt gewohnt. Als ich im Frühling dann auf dem Land die Gülle roch, wusste ich, ich bin zu Hause», scherzte Moretti.

Renoviertes Bauernhaus als Gemeinschaftszentrum

Die Idee für das offene Gespräch über Heimat entstand aus dem Treffpunkt-26-Projekt. Mit dem partizipativen und integrativen Begegnungsprojekt, wie die Initiantin Rachel Holenweg es nennt, entsteht aus einem alten Bauernhaus ein Gemeinschaftszentrum. So gibt es etwa Räumlichkeiten für Freizeitaktivitäten, Lernräume oder eine gemeinsame Küche. Auch eine Beratungsstelle für asylsuchende Mütter ist in Planung. «Die Zusammenarbeit zwischen Menschen aus der Umgebung und Asylsuchenden an einer gemeinsamen Sache verbindet», weiss die 53-jährige Zürcherin.

Begonnen mit dem Umbau des Bauernheims habe man im November letzten Jahres. «Anfangs war es noch eisig kalt, da die Räume unbeheizt waren», ­erinnerte sich Holenweg. Aber das habe die mitwirkenden Migranten nicht davon abgehalten, voller Engagement bei der Renovation mitzuhelfen. «Diese Menschen wollen sich unbedingt integrieren», so Holenweg. «Jedoch stellt die Sprachbarriere ein grosses Hindernis dar.» Auch Diana Arnold kennt die Schwierigkeiten: «Migranten lernen zwar in Kursen die deutsche Sprache, können diese aber im Alltag oft zu wenig anwenden.» Solche öffentliche Gespräche sollen den Leuten eine Plattform zum Austauschen bieten und Einheimische und Zugewanderte miteinander in Kontakt bringen.


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