Alpen und Berghütten werden abgehängt

KANTON URI ⋅ Telefonieren wird digital. Die analogen Telefonanschlüsse werden in den kommenden Jahren abgeschaltet. Für entlegene Gebiete ohne Stromanschluss und Mobilfunknetz ist das ein Problem.
18. Juni 2017, 05:00

«Das ist ein riesiger Rückschritt», ärgert sich Älplerin Annemarie Schuler von der Urner Alp Galten­ebnet ob Bisisthal SZ. «Es kann doch nicht sein, dass man uns jetzt einfach das Telefon abschaltet. Wir sind darauf angewiesen.»

Grund für den Ärger: Das Telefonieren wird digital. Ab 2018 beginnt die Swisscom, das analoge Telefonnetz einzustellen. Andere Anbieter werden in den kommenden Jahren nachziehen. Die alten Kabel- und Wandtelefone werden also schon bald der Vergangenheit angehören. Künftig braucht man zum Telefonieren einen Internetanschluss. Unzählige Festnetzkunden müssen deshalb umrüsten. Das ist ärgerlich. Doch für Älpler wie Annemarie Schuler ist das ein riesiges Problem.

Stromaggregat müsste den ganzen Tag in Betrieb sein

Sechs Familien und rund 150 Kühe verbringen die Sommermonate jeweils auf der Alp Galten­ebnet. Seit 1964 gibt es dort einen Telefonanschluss. «Das war damals ein immenser Fortschritt», sagt Schuler. Für die Älpler stellt das Telefon die Verbindung zur Aussenwelt dar. Denn Natel-Empfang gibt es auf der abgelegenen Alp weit und breit nicht. «Wenn wir Glück haben, können wir so knapp ein SMS empfangen», so Schuler. «Wer aber mit dem Natel telefonieren will, muss ins Auto steigen und talauswärts fahren. Deshalb brauchen wir ein Telefon hier oben – sei es, weil wir für unsere Tiere den Doktor oder den Besamer haben müssen, oder einfach, wenn wir wissen wollen, wie es unseren Kindern zu Hause geht.»

Die Umstellung auf die digitale Telefonie ist für die Älpler auf Galtenebnet keine Alternative. Denn dazu bräuchte die Alp einen Stromanschluss. «Wir haben zwar für das Nötigste ein motorbetriebenes Stromaggregat», sagt Schuler. «Doch wir können doch nicht den ganzen Tag das Stromaggregat laufen lassen, nur damit wir telefonisch erreichbar sind.»

Deshalb hofft die Älplerin weiterhin, dass die Swisscom den analogen Anschluss doch nicht abschaltet. Die Urner Alp ist kein Einzelfall. Auch andere Alpen und etliche SAC-Hütten in der ganzen Schweiz sind von der Abschaltung des analogen Telefonnetzes betroffen, wie das Schweizer Fernsehen SRF berichtete. Auch die Leutschachhütte oberhalb von Intschi hat einen analogen Anschluss. «Reservationen nehmen wir nur telefonisch entgegen», sagt Hüttenwart Gabriel Grepper. «Denn Internet und Natel-Empfang gibt es bei uns nicht.»

SAC und Telefonanbieter stehen in regem Kontakt

Der Schweizerische Alpenclub (SAC) kennt die Problematik. Denn zwischen einem Viertel und einem Drittel aller 152 SAC-Hütten ist von der Umstellung betroffen. «Zwar haben viele Hütten inzwischen Natel-Empfang, Satellitentelefon oder gar Internetanschluss», sagt Bruno Lüthi, Bereichsleiter Hüttenbetrieb des SAC. «Doch wenn diese Verbindungen nicht funktionieren, sind die Hütten ohne analoges Telefon komplett von der Aussenwelt abgeschnitten.» Die modernen Verbindungen würden zwar immer besser, so Lüthi. Doch gerade bei Schneetreiben oder heftigen Stürmen im Gebirge seien sie noch immer relativ anfällig. Deshalb sucht der SAC nun nach Lösungen und ist auch in regem Kontakt mit der Swisscom, die in der Schweiz für die Sicherstellung der Grundversorgung zuständig ist.

Die Swisscom ist sich der Problematik bewusst und plant im Herbst für Betroffene entsprechende Informationsanlässe. Sie empfiehlt ihren Kunden, bei denen die digitale Telefonie nicht möglich ist, eine Lösung via Mobilfunknetz. «Im Fall, dass kein Mobilfunksignal vorhanden ist, kommen dementsprechend Satellitenlösungen zum Einsatz», schreibt die Swisscom auf Anfrage unserer Zeitung.

Swisscom übernimmt Kosten für Satellitenlösung

Da die Swisscom in der Schweiz für die Grundversorgung zuständig ist, übernimmt sie auch die Kosten von Mobilfunk- oder Satellitenlösungen. Das Problem ist jedoch: Eine Satellitenlösung benötigt Strom. Älpler und Hüttenwarte ohne Stromanschluss und ohne Natel-Empfang werden also nicht darum herumkommen, mindestens eine kleine Solaranlage mit entsprechender Batterie zu installieren, wenn sie auch künftig telefonieren möchten. Doch die Kosten dafür müssen sie selber übernehmen. Denn die Swisscom ist lediglich für die Telefongrundversorgung zuständig, aber nicht für die Versorgung mit Elektrizität.

«Der Empfang wird immer besser»

Im Kanton Uri stellt die Umstellung auf die digitale Telefonie für die meisten SAC-Hütten kein allzu grosses Problem dar, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt. Einige haben bereits auf digitale Telefonie umgestellt, andere sind künftig per Mobiltelefon erreichbar. «Entlang den Alpenpässen haben wir relativ guten Empfang», sagt Hüttenwart Walter Gisler von der Sidelenhütte beim Furkapass. Ursi Gehrig von der Sewenhütte im Meiental ergänzt: «Der Empfang wird zudem immer besser.» Doch eine andere digitale Neuerung bereitet einigen Urner Hüttenwarten Sorge: Das Signal für das DAB-Radio kann bis jetzt in vielen Hütten noch nicht oder nicht stabil empfangen werden.

 

Elias Bricker

elias.bricker@urnerzeitung.ch


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