Altdorf wird «very british»

HAUS FÜR KUNST URI ⋅ In Altdorf stellen Künstler aus, die sich mit der englischen Hauptstadt auseinandergesetzt haben. Neben britischem Humor gibt es auch Tragisches.
15. September 2017, 08:51

Markus Zwyssig

markus.zwyssig@urnerzeitung.ch

Die pulsierende Metropole London rückt ein grosses Stück näher. Im Haus für Kunst Uri ist zu erleben, was die jährlich von 18 Millionen Touristen besuchte englische Hauptstadt so faszinierend macht. «Die Gruppenausstellung thematisiert die Grossstadt in all ihren Facetten, vom Sehnsuchtsort bis zu den Problemen, die das Leben in London mit sich bringt», sagte Kuratorin Barbara Zürcher gestern beim Presserundgang. Die Ausstellung spiele aber auch lustvoll mit britischen Eigenheiten und nehme augenzwinkernd diese Rituale unter die Lupe.

«Die Ausstellung ist auch ein Dank an die Landis & Gyr-Stiftung», so Zürcher. Seit 1987 werden an Kunstschaffende sogenannte Residency-Stipendien vergeben. Auch Zürcher konnte 2014/15 von einem Londonaufenthalt profitieren. In der Ausstellung setzen sich vor allem Künstler aus der Schweiz und aus Italien mit der Grossstadt auseinander. Im Einzelnen sind dies: Judith Albert, Nicole Bachmann, Pascal Danz, Luigina Dapit, Max Grüter, Monica Ursina Jäger, Marc Latzel und Martin Alioth, Rachel Lumsden, Martina von Meyenburg sowie Romeo Vendrame.

Tödliche Konflikte werden thematisiert

Eindrücklich ist die Installation von Marc Latzel und Martin ­Alioth im Dachgeschoss. In London sterben jährlich bis zu 25 Jugendliche in bewaffneten Auseinandersetzungen. Die Installation reiht tödliche Kon­fron- tationen zwischen Jugendlichen auf. Alioth, dessen Stimme man als Korrespondent für SRF kennt, spricht ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen über eine Generation, die ohne Perspektiven aufwächst, und ein Schulsystem, das die Klassenunterschiede nicht überwindet, sondern zementiert.

In der Ausstellung gibt es aber auch einiges zu hören. Wer in der Hörstation im Café den Kopfhörer aufsetzt, kann sich die Songs zu Gemüte führen, die Jean-Martin Büttner, Reporter beim Zürcher «Tages-Anzeiger», zusammengestellt hat. Schon von weitem zu sehen ist die lebensgrosse orange Plastikfigur im Aussenbereich auf dem Dach des Annexbaus. Der Künstler Max Grüter zeigt seinen Bunnyman, einen Hasenmenschen. Dieser thematisiert Pop­-Art ebenso wie Konsum- und Gender­aspekte.

Markant vertreten in der Ausstellung ist das London der 1970er-Jahre. So zeigt Romeo Vendrame Bilder, die auf Fotografien basieren, die er damals in der Metropole gemacht hat. Der Künstler hat in seinem Atelier die alten Diabilder neu gesichtet. Dabei projizierte er die Aufnahmen, nutzte Filter und transparente Materialien und fotografierte die Lichtbilder ab. Martina von Meyenburg zeigt aus Fundstücken gefertigte Objekte, die von einer eigentümlich poetischen Schönheit sind. Ihre Arbeit ist geprägt von britischem Humor, der auch in die Titel einfliesst: «one gallon of cloud», «spill the hat» oder «half of what you see».

Alte Monitore und der Sound der Sprache werden zu Kunst

Von Rachel Lumsden sind grossformatige Gemälde zu sehen. In ihren Arbeiten fliessen Kindheitserfahrungen, Märchen, Träume, Bilder und Fotos mit ein, wenn sie ihre Erinnerung auf der Leinwand zusammenführt. Eindrücklich sind die insgesamt 65 rund 7 Zentimeter hohen Kopfplastiken, die Luigina Dapit in Ton geformt hat.

Monica Ursina Jäger hat auf Londons Strassen ausgediente TV-Monitore gesammelt und diese mit plastisch wirkenden Gravuren neu und bleibend bebildert. Nicole Bachmann setzt sich mit der versierten britischen Sprache auseinander. Die wortreiche Performance dreht sich um den Sound der perfekten Sprache.

Hinweis

Die Vernissage der Ausstellung «London meets Altdorf» findet morgen Samstag um 17.30 Uhr statt. Eine ausführliche Besprechung folgt nächste Woche im Kulturteil der Zeitung.


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