Der 18-jährige Yonas Kahsay liebt Schnee

FLUCHT ⋅ Yonas Kahsay ist mit 16 Jahren allein aus Eritrea geflohen. In Uri hat er Deutsch gelernt, spielt beim FC Altdorf und wartet – auf seinen Asylentscheid und darauf, etwas lernen zu dürfen.
17. Juli 2017, 07:25

Franziska Herger

redaktion@urnerzeitung.ch

Asmara ist eine der schönsten Städte Afrikas. Seit die eritreische Hauptstadt am 8. Juli 2017 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde, weiss die Welt, was für ­Yonas Kahsay schon immer klar war. «Meine Stadt vermisse ich am meisten», sagt der 18-jährige Eritreer und blickt auf den verregneten Lehnplatz in Altdorf. «Dort war mir nie langweilig.» Und wie gefällt es ihm in Altdorf? Kahsay druckst herum: «Jaa gut, nicht schlecht. Ich habe mich nicht gefreut, dass ich nicht in die Schule kann.»

Kahsay ist Asylbewerber, einer von insgesamt 5178 Eri­treern, die im Jahr 2016 in der Schweiz Asyl beantragt haben. Arbeiten oder gar eine Ausbildung machen kann er erst, wenn und falls das Staatssekretariat für Migration in Bern sein Gesuch gutheisst. Seit über einem Jahr wartet er auf einen Entscheid. Wie lange es noch dauert, sei völlig ungewiss, sagt Emile Car­valho, Fachfrau Betreuung beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) in Altdorf. «Die Dauer der Asylverfahren ist extrem unterschiedlich.»

Eritreische Verstärkung für die A-Junioren

Yonas Kahsay hat die Zeit genutzt: Als er am 3. Juli 2016 im Empfangszentrum Kreuzlingen ankam, sprach er kein Wort Deutsch. Heute, fast ein Jahr nachdem er dem Kanton Uri zugeteilt wurde und nach Altdorf zog, plaudert er mühelos über sein neues Leben. Das Lernen ist Kahsay wichtig, auch wenn er nicht in die Schule kann: «Ich habe dreimal die Woche Deutschunterricht. Und ich mache einen Schwimmkurs im Schwimmbad Altdorf.»

Gemeinsam mit fünf anderen jungen Asylbewerbern aus Eri­trea, Syrien und Afghanistan lebt Kashay in einer Wohngruppe in Altdorf. Die Wohnung im Dorfzentrum sieht aus, wie man sich die WG von sechs Jungs etwa vorstellt: zusammengewürfelte Möbel, ein vielbenutzter Töggelikasten. Die Miete übernimmt das SRK, wie auch die Krankenkasse. Für Essen und Kleider müssen die 11.50 Franken reichen, die jeder Asylbewerber pro Tag erhält. «Wir kochen alles selber», erklärt Kahsay, «manchmal sogar Birchermüesli.»

Doch nicht alles ist in Uri anders als zu Hause. Seit letzter Saison spielt Kahsay als Stürmer in der A-Junioren-Mannschaft des FC Altdorf. Trainer Ronny Arnold hat Freude an seinem neuen Spieler: «Er ist sehr engagiert und kommt auch mal in der Garde­robe helfen, wenn er nicht zum Match aufgeboten ist.» Die Mannschaft habe den Eritreer gut aufgenommen, sagt Arnold. «Manchmal braucht es halt etwas länger, eine Übung zu erklären, aber das ist kein Thema. Fussball verbindet die Kulturen.» Yonas Kahsay ist einfach glücklich, wieder spielen zu können, «wie früher in Asmara».

«Es war ein sehr, sehr schwieriger Weg»

Warum er gegangen ist, weg von Freunden, Familie und seiner geliebten Stadt, darüber will Kahsay nicht reden. Auch über die Flucht verliert er kaum ein Wort. «Diese Geschichte kennen die Leute doch schon», sagt er nur. Und dann: «Es war ein sehr, sehr schwieriger Weg.» Der Weg, das ist wohl die berüchtigte Flüchtlingsroute aus Eritrea in den Sudan, nach Libyen und per Boot über das Mittelmeer nach Italien. Fast 21000 eritreische Flüchtlinge erreichten im letzten Jahr Süditalien, viele nur dank italienischen Rettungsschiffen.

Kahsay unternahm die Höllenreise ganz allein, mit 16 Jahren. Er ist bei weitem kein Einzelfall, sagt Kurt Strehler vom SRK, Leiter Asyl- und Flüchtlingsdienst Uri. «Im Alter von 16 bis 18 Jahren werden Eritreer ins Militär eingezogen. Der sogenannte Nationaldienst ist zeitlich unbegrenzt und kaum bezahlt. Daher flüchten viele junge Männer.» Eritrea ist eine Diktatur, Flüchtlinge berichten von harten Strafen, geheimen Gefängnissen und Folter. «Wir merken den Flüchtlingen aus Eritrea an, dass sie es nicht gewohnt sind, nachzufragen», sagt Strehler. «Ihre Erfahrung ist, dass man geschlagen wird, wenn man fragt.»

Kahsay will nicht schlecht über sein Land reden. Aber die Technologie sei in der Schweiz viel besser. Und die Schweizer seien immer sehr nett zu ihm gewesen. «Ich habe nie etwas Schlechtes gehört. Mir gefällt die Schweiz. Der Schnee ist super, einfach fantastisch.»

Gute Chancen auf Aufnahme in der Schweiz

Im August zieht Kahsay um, in das neue Zentrum des SRK für minderjährige unbegleitete Asylbewerber an der Gotthardstrasse 14a in Altdorf. Dort werden die Jugendlichen sieben Tage die Woche betreut, wie in einem normalen Kinderwohnheim. Eine Premiere, sagt Strehler. «Uri erhält erst seit 2015 unbegleitete Jugendliche. Nun können wir die geeigneten Strukturen für diese besonders schutzbedürftige Gruppe bieten.» Einer der 20 Plätze geht an Kahsay, obwohl er bereits 18 ist. «Solange wir Platz haben, ist das möglich», sagt Strehler, «zudem gehen wir davon aus, dass Yonas in der Schweiz bleiben kann.»

Wie schlimm die Lage in Eritrea ist, war in jüngster Zeit umstritten. Das Land lässt keine unabhängigen Beobachter zu. Trotzdem: Im Jahr 2016 wurden 42,5 Prozent der Asylgesuche von Eritreern gutgeheissen. Weitere 34 Prozent wurden vorläufig aufgenommen, ohne den Flüchtlingsstatus zu erhalten. Grund sei die unsichere Menschenrechtslage, sagt Strehler. «Eritrea akzeptiert zudem keine zwangsweisen Rückführungen. Wegweisungsentscheide sind daher für mich schwer nachvollziehbar.»

Kahsay hat nicht die Absicht, in seine Heimat zurückzukehren. «Ich weiss, was mich dort erwartet.» Für seine Zukunft wünscht er sich vor allem eins: «Ich möchte einen Beruf.» Carvalho ist optimistisch: «Yonas ist intelligent, er hat sehr schnell Deutsch gelernt. Die Idee ist, dass er irgendwann eine Lehre machen kann. Er hat viel Potenzial.»


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