Abstimmung hat Bewegung ins Gesundheitswesen gebracht

URI ⋅ Vor der Abstimmung über das kantonale Gesundheitsgesetz stand es schlecht um Uri. Nun ist offenbar Schwung in die Hausärztelandschaft gekommen. Diese Veränderungen zeichnen sich ab.
13. Oktober 2017, 05:00

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Steht Uri bald ohne Hausärzte da? Mit diesem Horrorszenario wurden die Urner im Frühling 2016 konfrontiert. Schweizweit wies Uri die tiefste Ärztedichte auf. Entsprechend hoch fiel die Zustimmung für das kantonale Gesundheitsgesetz aus. 62,5 Prozent der Urner waren dafür, dass Ärzte und andere medizinische Grundversorger finanziell unterstützt werden können – nötigenfalls sogar mit A-fonds-perdu-Beiträgen. Doch was hat das Gesetz bisher bewirkt?

«Die Situation ist nach wie vor angespannt», gibt Roland Hartmann zu. Der General­sekretär der Urner Gesundheitsdirektion kann bisher kein Wachstum der Ärztedichte verzeichnen. Uri bildet noch immer das Schweizer Schlusslicht. «Für uns ist es aber ein Erfolg, dass die Ärztedichte immerhin stabilisiert werden konnte», so Hartmann.

Unterstützung bisher nicht beansprucht

Auch von der finanziellen Unterstützung, die das Gesetz möglich macht, hat bisher kein Arzt Gebrauch gemacht. Einzig in der Praxis Arnold/Moser in Bürglen konnte das Pilotprojekt «Nurse Practitioner» über das Gesetz mitfinanziert werden. Getestet wird dabei eine bessere Einbindung von qualifiziertem Pflegepersonal in den Praxisbetrieb. Neben der Unterstützung einzelner Gemeinden konnte auf der Grundlage des Gesetzes auch das Netzwerk Urimed weiterentwickelt werden, mit dem der Kanton Uri die Verbindung zu jungen Ärzten pflegen will.

Für Hartmann spielen jedoch die «weicheren» Faktoren ebenfalls eine wichtige Rolle. «Allein die Diskussion um die Abstimmung 2016 hat positive Effekte in Gang gesetzt», so der General­sekretär. «In Gesundheitskreisen ist das Image unseres Kantons stark gewachsen.» Uri gelte als beispielhaft und innovativ, was die Förderung der ärztlichen Grundversorgung betreffe. «Und wir haben auch klare Anzeichen dafür, dass sich bald junge Frauen und Männer als Hausärzte im Kanton Uri niederlassen.»

Das ist auch nötig: In den kommenden zehn Jahren erreicht fast die Hälfte aller 32 heute praktizierenden Hausärzte das Pensionsalter. Durch die Abstimmung seien aber auch diese sensibilisiert worden. «Jeder Arzt weiss, was es geschlagen hat, und macht sich frühzeitig Gedanken über seine Nachfolge.» Dies liege auch in der Verantwortung jedes Einzelnen, «denn als Hausarzt ist man auch Unternehmer», so Hartmann.

Vom Einzelkämpfer in die Gruppenpraxis

Tatsächlich ist eine Veränderung in der Urner Ärztelandschaft zu spüren, gerade was die Geschäftsmodelle angeht. «Der Hausarzt als Einzelkämpfer ist für mich kein Zukunftsmodell mehr», sagt Gianmarco Sala, der seit über 30 Jahren in Altdorf praktiziert. Der 63-Jährige hat sich deshalb entschieden, demnächst seine Einzelpraxis an der Bahnhofstrasse in Altdorf aufzugeben und in die Gruppenpraxis Marktgasse im Altdorfer Winkel zu ziehen. «Auf diese Weise kann ich längerfristig mein Pensum reduzieren. Meine Patienten werden aber trotzdem weiter versorgt», sagt Sala. «Wir Ärzte können uns die Fixkosten teilen, was Platz für Teilzeitarbeit schafft.» Und die Vorteile für die Patienten liegen auf der Hand: längere Öffnungszeiten der Praxis, keine externen Ferienvertretungen, zentral verwaltete Patientendossiers.

Der Ausbau der Praxis Marktgasse wurde möglich, weil Tierarzt Thomas Stadler vom Winkel an die Giessenstrasse umgezogen ist und somit Platz geschaffen wurde. Die Räumlichkeiten im Winkel werden für rund 500000 Franken ausgebaut. Sie sind nun im Besitz von Reto Rechsteiner und Gianmarco Sala. Auf finanzielle Unterstützung über das Gesundheitsgesetz wurde verzichtet. Betrieben wird die Gemeinschaftspraxis – wie die Centramed in Altdorf – von der Stiftung Meconex. «Die Stiftung ist nicht gewinnorientiert», erklärt Reto Rechsteiner. «Es gibt keine Investoren oder Ökonomen, die sich am Gewinn bereichern. Der ganze Überschuss wird wieder in die Praxis in­vestiert.»

Bis 2015 war auch Rechsteiner alleine praktizierender Hausarzt, obwohl er sich schon vor mehr als 15 Jahren für eine Gemeinschaftspraxis eingesetzt hatte. «Aufgrund eines Hausärztestopps wurde mir der Wunsch damals verwehrt», erklärt er. 2015 versuchte es Rechsteiner erneut. Im Moment arbeiten im Winkel vier Hausärzte, eine Frauenärztin, ein Hautarzt und ein Psychologe. Gianmarco Sala ergänzt das Team nach dem Umbau auf Anfang 2018.

Altersdurchmischung als Chance

Ohne Stiftung im Hintergrund wirtschaftet die Bristenpraxis. Reto Kummer und Gregor Waser haben hierzu die Bristenmed Praxis AG gegründet. «Jeder Arzt kann bei uns Teilhaber werden, sich aber auch je nach Budget anstellen lassen», erklärt Reto Kummer. Dem Wunsch nach Mitgestaltung könne auf diese Weise am besten begegnet werden. «Dadurch wird auch die Fluktuation gering gehalten», ist er überzeugt. Die Betreiber setzen vor allem auf ein generationenübergreifendes Modell. «Heinz Eberhard, der das Pensionsalter schon erreicht hat, bringt eine unglaubliche Erfahrung mit, während unsere jüngste Ärztin auf dem aktuellsten Stand ist, was an der Uni gelehrt wird», so Kummer. Auch die Bristenpraxis funktioniert bisher ohne Geld über das Gesundheitsgesetz. Das Gebäude wurde von der Korporation renoviert und mit einem Lift ausgestattet. Für die Einrichtung der Praxis hat aber allein die AG Geld investiert.

Trend des Bundesamts ist unverständlich

Eine Vorreiterrolle, was Gemeinschaftspraxen angeht, haben Thomas Arnold und Toni Moser eingenommen. Sie betreiben ihre gemeinsame Praxis in Bürglen seit 27 Jahren. «Als wir begannen, wurde uns prognostiziert, dass wir schon nach drei Jahren Streit haben würden», erinnert sich Thomas Arnold. Dies sei bis heute nicht eingetroffen. «Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Entscheidungswege bleiben klein und die Praxis überschaubar», so Arnold. Das Team würde auch noch ein bis zwei Ärzte vertragen, bei Praxen mit mehr als acht Ärzten wäre er jedoch vorsichtig, da die Planung zu aufwendig würde. «Sinnvoll ist sicher, dass die Ärzte an der Praxis beteiligt sind. Denn so sind ein längerfristiges Engagement und ein verantwortungsvoller Umgang gewährleistet.» Je grösser die Praxis, desto geringer sei oft die Bindung der Ärzte. Deshalb hat Arnold auch Mühe damit, dass das Bundesamt für Gesundheit Grossgruppenpraxen fördert. Denn für Patienten, die sich bei einer solchen Praxis anmelden, werden geringere Prämien gewährt. «Es gibt aber keine Zahlen, die beweisen, dass die Behandlung in den Grossgruppenpraxen billiger ist als beispielsweise bei uns», so Arnold. Die Qualität der Behandlung sei aber bei Ärzten, die ihre Patienten über Jahre kennen würden, sicher höher einzuschätzen als in einer Gruppenpraxis, bei der es ständige Ärztewechsel gebe.

Nachfolge oder Weitergabe als Option

Neben dem Wechsel in eine Gruppenpraxis ergeben sich für die Hausärzte im Grunde zwei Anschlussmöglichkeiten: Einen Nachfolger suchen, oder den Patientenstamm weitergeben. Moser und Arnold suchen zurzeit nach Ärzten, die ihre Praxis übernehmen möchten. Noch ist nichts definitiv, «wir sind aber im Gespräch mit potenziellen Kandidaten und zuversichtlich, dass wir eine passende Nachfolgelösung finden», so Arnold.

Auch beim 60-jährigen Altdorfer Hausarzt und Rheumatologen Reto Ludwig zeichnet sich noch keine Lösung ab. «Eine Planung über mehrere Jahre ist praktisch nicht möglich», sagt er. «Wir sind diesbezüglich dem Schicksal ausgeliefert.» Wenn sich die Gelegenheit ergebe, könne er sich vorstellen, schon vor 65 aufzuhören, genauso aber auch über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten. Für seinen einstigen Praxispartner Franz-Xaver Stadler konnte der Deutsche Frank Klein gefunden werden. Dieser hatte sich auf eine Ausschreibung im Internet gemeldet.

Konrad Meili hat keinen Nachfolger gefunden. Er gibt seine Praxis in Altdorf auf Ende Jahr auf. Seinen Patienten wird die Möglichkeit geboten, in die Bristenpraxis zu wechseln. Seine drei Praxisassistentinnen schauen sich nach eigenen Anschluss­lösungen um. Beat Knoll (60) und Philipp Gamma (64) haben bisher keine Nachfolge gefunden. Einige ältere Hausärzte waren ferienhalber nicht erreichbar.


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