Ürner Asichtä

Bis zur nächsten Verspätung: Eine Ode an die SBB

Franziska Herger zur SBB.
20. Mai 2017, 04:41

Die SBB haben ein paar schwierige Monate hinter sich, gelinde gesagt: Entgleisung in Luzern, ein Schaden von 11 Millionen, der Bahnhof blieb vier Tage lang gesperrt. Kurz danach Entgleisung im Bahnhof Bern, nochmals 1 Million ­Schaden. Jedes Mal strandeten Tausende von Pendlern, in den Kommentarspalten herrschte Aufruhr, und zu teuer sei es auch noch. Fast hatte ich Mitleid mit den SBB. Schliesslich fahre ich seit bald zehn Jahren wöchentlich von Bern nach Uri und zurück, oft auch häufiger. Ich habe im Zug geschlafen, ge­gessen, gelesen, gelernt, geschrieben, Musik gehört, tele­foniert und noch mehr geschlafen. Manchmal fühlte ich mich wirklich wie in der SBB-­Werbung, unterwegs zu Hause.

Aber eben: Mein Mitleid verflüchtigte sich schlagartig, als am vergangenen Mittwoch auf meiner üblichen Strecke Bern–Zürich–Zug–Altdorf im tiefsten Aargau plötzlich nichts mehr ging. Fahrleitungsstörung, hiess es vom welschen Kondukteur.

Meine Strecke wurde zu Bern– Lenzburg–Lenzburg–Leeeeenzburg–Olten (ou, ou, ou, Olten!, um Stiller Has zu zitieren) –Luzern–Arth-Goldau– Flüelen – und schliesslich mit zwei Stunden Verspätung – Altdorf. In Luzern stieg ich dann auch noch in einen dieser alten Züge in Richtung Gotthard ein, die auch nach zwölf Jahren Rauchverbot immer noch nach Zigaretten stinken. Da weiss ich gleich, es geht nach Hause.

Dem Heimatgefühl folgt unmittelbar der Eindruck, dass die SBB den Kanton Uri am liebsten vergessen würden, jetzt wo das Loch im Berg ist. Für die Neat-Halte musste gekämpft werden, und die Bergstrecke heisst zwar jetzt Panoramastrecke, man darf aber trotz Pano­rama auf dem Weg von Zürich nach Andermatt dreimal umsteigen. Frohes Skifahren!

Und doch, eigentlich bin ich ein Bahn-Fan, was mir allerdings erst wieder in den Sinn kam, als ich endlich zu Hause auf dem Sofa sass. Ich mag das Zugfahren, meistens. Nicht etwa, weil die Bahnfahrt so viele zwischenmenschliche Kontakte ermöglicht. Das denken nur Leute, die nie Zug fahren. Wir sind ja schliesslich nicht zum Vergnügen hier. Das Motto ist bestmögliches Vermeiden von jeglichem Kontakt mit Menschen trotz nächster Nähe mit mehreren hundert.

Nein, der Grund für meine plötzliche Sentimentalität für das Zugfahren ist, dass es seinen Zweck erfüllt hat. Schliesslich bin ich immer angekommen, und das erwartet man ja primär von einem Zug. Noch dazu bin ich sicher, sauber, meistens mehr oder weniger pünktlich und bis anhin unbestohlen angekommen. Wer zum Beispiel jemals in England Zug gefahren ist, findet das nicht länger selbstverständlich.

Und schliesslich hat so eine kleine Fahrleitungsstörung auch ihre Vorteile. Sie bremst nicht nur den Zug, sondern auch das Leben aus. Das ist vielleicht nötig von Zeit zu Zeit, als Erinnerung vom Universum, uns selber nicht so ernst zu nehmen: «Ach wirklich, du hattest deinen ganzen Tag durchgeplant und farblich markiert? Hier, schau, was ich mit deiner perfekten To-do-­Liste mache!» (In meiner Vorstellung hat das Universum die Stimme eines welschen Kondukteurs). Oder, um eine andere Berner Band zu zitieren, die grossen Patent Ochsner: «Mängs isch mögli, u mängs geit nid, u mängisch isch der Ungerschid zwüschem angre u em einte vil chliner, als me meint.»

Manchmal ist der Unterschied zwischen dem, was im Leben geht, und dem, was nicht geht, eine Fahrleitungs­störung. Nicht tragisch, aber nach Zürich gekommen sind wir trotzdem nicht. Dann eben zurück nach Olten. Ou, ou, ou.

Franziska Herger

Juristin und Journalistin, Bern


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