Camenzind: «Der Nervenkitzel treibt mich an»

GÖSCHENEN ⋅ Stefan Camenzind führt Regie beim Freilichtspiel «Göschenen am Meer». Ihn faszinieren grosse Visionen – selbst dann, wenn sie nicht verwirklicht werden. Der Uraufführung des Dialektstücks fiebert er gespannt entgegen.
14. Juni 2017, 08:28

Stefan Camenzind, was halten Sie von ausgefallenen Projekten und Visionen?

Ich finde es extrem faszinierend, wenn jemand eine kluge Idee hat. Gescheiterte Projekte zeigen, dass nicht immer alles möglich ist. Damit muss man auch klarkommen.

Wie meinen Sie das?

Für mich ist das eine philosophische Faszination des Menschseins. Das Scheitern bringt einen auf den Boden zurück. Man wird sich bewusst, dass es auch einmal nicht funktionieren kann. Trotzdem darf man nicht aufhören, Visionen zu haben, im Gegenteil.

Ein riesiger Kanal hätte über die Alpen führen sollen, und Göschenen wäre damit ans Meer angeschlossen worden. Ist so etwas nicht von Beginn weg zum Scheitern verurteilt?

Das würde ich nicht unbedingt sagen. Es stimmt, das war ein sehr ehrgeiziges Projekt. Man war nahe daran, dass so etwas hätte kommen können. Das Ganze war jedoch zu teuer. Zudem kam der Erste Weltkrieg in die Quere. Der Fokus wurde ganz anders gelegt. Es gibt auch heute Projekte, die völlig utopisch klingen. Da gibt es viele Beispiele.

Woran denken Sie?

Die verrückteste Idee im Moment ist, dass man Menschen auf den Mars schicken will. Sie sollen dort ein neues Leben aufbauen. Niemand weiss, ob das tatsächlich möglich ist. Aber trotzdem gibt es Menschen, die bereit sind, dafür Geld zu investieren.

Die Gotthardpost und die Gotthardbahn sind historisch verbürgt. «Göschenen am Meer» hingegen wurde nie Wirklichkeit. Weshalb soll ein Projekt, das eine Vision blieb, das Publikum heute noch faszinieren?

Bei einem Stück wie «Göschenen am Meer» geht es um die Frage: Wie gehen Menschen mit einer Idee um, die überrissen klingt? Es geht um die Haltung der Menschen zum Fortschritt. Was treibt sie an? Die Menschen müssen sich entscheiden, ob man beim Bisherigen bleiben oder etwas Neues wagen will. Solche Fragen sind typisch schweizerisch. Das Volk wird permanent befragt bei Abstimmungen. Es geht um den Kredit für ein neues Schulhaus oder um Geld für den Bau einer neuen Strasse. Da müssen jeweils die Vor- und Nachteile abgewogen werden.

Würde das Projekt heute die Gemüter gleich stark erhitzen wie damals?

Heute würde man sicher nicht mehr über einen Anschluss mit dem Schiff ans Meer diskutieren. Ein Paradebeispiel für eine Vision ist die Porta Alpina. In der Pipeline ist auch eine Untergrundbahn, welche die Schweiz im Schnellzugstempo queren soll. Das sind Visionen, die Menschen im 21. Jahrhundert beschäftigen.

In Göschenen steht nun aber fürs Freilichttheater die Wasserstrasse über die Alpen im Zentrum. Wie läuft es mit den Proben zum neuen Stück von Paul Steinmann?

Das Schwierigste ist, dass wir noch keine Tonanlage haben. Das ist drei Wochen vor der Premiere normal. Auf unserem Spielgelände ist es aber schwierig. Die Reuss rauscht zu laut. Man versteht kein Wort von dem, was die Theaterspieler sagen. Es ist eine Herausforderung, dass man trotzdem vernünftig proben kann. Das ist zurzeit unser grösstes Problem. Das Bühnenbild hingegen ist schon fast fertig.

Was reizt Sie persönlich, immer wieder bei Freilichtspielen Regie zu führen?

Auf mich üben Freilichtspiele eine ähnliche Faszination wie Visionen und gross angelegte Projekte aus. Es geht darum, etwas zu zeigen, das möglichst spektakulär ist. Die Verantwortlichen müssen überzeugt sein von einer Idee, nur so kann man die Menschen begeistern. Dabei weiss man nie genau, ob es auch wirklich funktioniert und dem Publikum gefällt. Das ist mit Nervenkitzel verbunden. Aber gleichzeitig ist genau das auch der Motor, der einen antreibt.

«D’ Gotthardbahn» war vor zehn Jahren ein voller Erfolg. «Göschenen am Meer» stammt vom selben Autor. Lässt Sie das ruhiger schlafen?

«D’ Gotthardbahn» war wirklich ein voller Erfolg. Damals hatten wir 20000 Besucher. Ich hoffe, dass auch das neue Stück viele begeistert. Die meisten sind mit der Thematik aber gar nicht vertraut. Sie wissen nicht einmal, dass man einst damit spekuliert hatte, ein derartiges Projekt zu realisieren. Ich persönlich finde es manchmal aber schöner, wenn man Visionen gar nicht umsetzt. Da bleibt es bei den grossen Träumen.

Lichteffekte und Massenszenen gehören zu Freilichtspielen. Wird auch «Göschenen am Meer» ein Spektakel?

Ins Licht haben wir kräftig investiert. Ich denke schon, dass man unser Stück als spektakulär bezeichnen kann. Imposant wird es auch, weil 70 Personen auf der Bühne stehen. Es sind – bis auf eine Ausnahme – alles Urner, die mitspielen. Vor zehn Jahren war beim Freilichtspiel «D’ Gotthardbahn» eine Vierer-Gruppe Tessiner dabei, ein einziger von ihnen macht diesmal wieder mit. Zeitlich ist das Stück um 1910 angesiedelt. Damals gab es eine Aufbruchstimmung. Die Gotthardbahn fährt mit grossem Erfolg durch den neuen Tunnel. Die Elektrifizierung im Dorf und bei der Kirche ist ein Thema. All das hat man geschafft. Jetzt schaffen wir es auch noch, mit dem Schiff über den Gotthard zu fahren. Das ist der Stoff für ein spannendes Freilichtspiel.

Markus Zwyssig

markus.zwyssig@urnerzeitung.ch

Hinweis

«Göschenen am Meer» feiert am 30. Juni Premiere. Danach folgen bis zum 19. August 22 Abendvorführungen. Infos gibt es unter www.göschenen-am-meer.ch


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