Gesamtleiter Hansjörg Felber «Das Publikum will Unbekanntes hören»

ALTDORF ⋅ Die «Alpentöne» haben sich in der Kulturszene etabliert. Auch für die zehnte Ausgabe wird dabei der Alpenbegriff weit gefasst. Weshalb auf volkstümlichen Schlager aber verzichtet wird, erklärt der abtretende Gesamtleiter Hansjörg Felber.
13. August 2017, 05:00

Interview: Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Das Festival Alpentöne hat sich seit der ersten Ausgabe 1999 einen Namen gemacht. Jetzt gibt der Gesamtleiter Hansjörg Felber (62), der in Altdorf eine Anwalts- und Notariatskanzlei führt, nach gut 20 Jahren sein Erbe weiter.

Hansjörg Felber, Ihr Name taucht im Zeitungsarchiv mehrfach auf. Am auffälligsten sind Sie als Gesamtleiter der «Alpentöne», aber auch als Strafverteidiger sind Sie zu finden. Passt das zusammen?

Eigentlich überhaupt nicht. Als Anwalt bewege ich mich manchmal in einem düsteren Bereich, während die Musik respektive die «Alpentöne» etwas Frohes sind. Jeder Bereich hat seinen Reiz. Das macht das Leben interessant.

Bei «Alpentöne» wie beim Strafprozess suchen Sie doch nach Überraschendem.

Im Strafprozess geht es nicht um Überraschungen, sondern um ­­ein faires Verfahren für meinen Klienten. Und bei den «Alpentönen» gibt es auch Dinge, die sich wiederholen, obwohl es immer wieder Neues zu entdecken gibt.

Ist es seit der ersten Ausgabe schwieriger geworden, am Festival mit Neuem aufzutrumpfen?

Im Alpenraum der Schweiz, Österreichs und Bayerns geschieht immer wieder Neues. Etwas schwieriger ist es im frankofonen Gebiet. Wenn es um ihre urtümliche Musik geht, sind die Westschweizer und die Franzosen traditionell ausgerichtet und probieren nicht so gerne anderes aus. Experimentierfreudige Künstler sind eher die Ausnahme.

Viele erwarten Traditionelles beim Namen des Festivals.

«Alpentöne» bedeutet aber nicht per se Musik aus den Alpen. Das Festival gibt auch Aussenstehenden die Möglichkeit, sich musikalisch mit den Alpen, den Menschen, die hier wohnen, oder eben der Musik von hier auseinanderzusetzen. Aber es hat immer mit den Alpen zu tun.

Uri ist aber nicht unbedingt dafür bekannt, dass es hier besonders viele experimentierfreudige Musiker gibt. Wieso funktioniert das Festival trotzdem so gut?

Es drängte sich auf, «Alpentöne» in Uri durchzuführen. Es ist zentral in den Alpen gelegen mit Verbindungen in alle Richtungen. Von Anfang an war klar, dass das Festival nicht nur die einheimischen Leute abholen soll, sondern darauf ausgerichtet ist, dass Auswärtige hierher kommen und Uri von einer anderen Seite kennen lernen, als man es sonst wahrnimmt. Wir haben einen Ort geschaffen, wo man sich trifft und austauscht. Und durch die «Einheimischen Töne» ist es auch lokal verankert.

Wie meinen Sie das?

Die «Einheimischen Töne» und auch das Hauptprogramm auf dem Unterlehn sind frei zugänglich und erleichtern vielleicht ­einen Zugang zum Festival. Man geht einmal hin, es gefällt einem, und man löst vielleicht beim nächsten Mal einen Pass. Dieses Konzept wurde schon 1999 verfolgt. Und es funktioniert noch immer. An das Festival kommt man nicht wegen der grossen Stars, sondern wegen des Ganzen. Das Publikum will auch Unbekanntes zu hören bekommen. Darum gibt es auch keine Einzeltickets, sondern Festival- und Tagespässe. Und ganz bewusst lassen wir auch das VIP-Zeug weg. Nur bei der Eröffnung gibt es reservierte Reihen für die Gäste. Ansonsten ist uns ein offener und familiärer Umgang wichtig.

Punkten Sie damit auch bei den Künstlern?

Es kommt einigen schon etwas schräg rein, dass sie beim Publikum essen müssen und keinen eigenen Verpflegungsbereich vorfinden. Aber den meisten gefällt es, mit dem Publikum so nahe in Kontakt zu stehen. Umgekehrt schätzt dies natürlich auch das Publikum. Manche merken gar nicht, dass sie gerade mit einem international anerkannten Musiker sprechen.

Das Festival spielte eine wichtige Rolle für die «Neue Volksmusik».

Durch «Alpentöne» wurden sicher verschiedene Musiker dazu angeregt, sich mit der traditionellen Musik auseinanderzusetzen und diese weiterzuentwickeln. Unser Einfluss ist aber eher im Nischenbereich zu spüren. Auf der Welle der «Neuen Volksmusik» reiten auch Mainstream-Künstler wie Bligg oder Trauffer, die kommerziell sehr erfolgreich sind. Mit ihnen haben wir so wenig zu tun wie mit volkstümlichem Schlager.

Grenzen Sie sich bewusst von volkstümlichem Schlager ab?

Ja, denn dieser ist vom künstlerischen Gehalt und der Originalität her eher banal. Er hat im Grunde genommen für mich wenig mit volkstümlicher Musik zu tun.

Was ist für Sie gute Musik?

Ich bin kein Sachverständiger, aber ich habe Freude an vielen Arten von Musik. Sie muss etwas in mir bewegen. Wenn ich sehe, welche Freude Musiker beim Zusammenspielen haben, berührt mich das. Auch Musik, die schwer zu verstehen, aber sehr interessant ist, löst bei mir etwas aus. Genauso wie ich Rockmusik mag, die richtig einfährt.

Bei «Alpentöne» gab es aber auch schon Konzerte, bei denen viele Zuhörer den Saal verlassen haben.

Wir sind uns bewusst, dass es Konzerte gibt, die nicht massentauglich sind. Aber es gibt auch Konzerte, von denen einige Leute begeistert sind, während an­dere sie banal finden. Wir wollen einfach alle Aspekte zeigen.

Dieses Jahr findet das Festival zum 10. Mal statt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Zeitungsausschnitte von all den Ausgaben anschauen?

Als wir 1999 starteten, wussten wir nicht, wie die Reaktionen ausfallen würden. Publikumsmässig waren die ersten «Alpentöne» nicht der Renner. Aber das Echo war fantastisch. Das Staunen war gross, was hier möglich war. Mit der Zeit stiegen dann die Erwartungen, sodass man heute fast nur noch verlieren kann.

Gab es auch Tiefpunkte?

Es gab sicher Konzerte, welche die Erwartungen nicht erfüllten. Aber am unerfreulichsten waren für mich die Auseinandersetzungen mit einem der früheren Programmleiter. Einige Monate vor den «Alpentönen» 2007 riss er einen Machtkampf mit mir vom Zaun. Das war sehr belastend. Davor und danach hatten wir immer ein sehr gutes Team.

Wie geht es ohne Sie weiter?

Die Strukturen werden etwas geändert, sodass ein Gesamtleiter mit drei Bereichsleitern die Festivalleitung bildet. Während meiner Zeit habe ich mich jeweils nur bilateral mit den verschiedenen Ressortverantwortlichen besprochen. OK-Sitzungen waren damit nicht notwendig, und einige Verantwortliche haben sich gegenseitig das erste Mal am Festival gesehen. Ganz so einfach werden die Abläufe wohl nicht mehr sein. Dafür bringt die zukünftige Leitung wieder neue Ideen, auf die ich gespannt bin.


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