Pro und Kontra zur Abschaffung der Junglenkerkurse

ABSTIMMUNG ⋅ Die Standesinitiative der Jungen SVP Uri zur Abschaffung der WAB-Kurse gibt zu reden. Während die Befürworter fehlendes Vertrauen in die Junglenker monieren, weisen Gegner auf die positiven Effekte der Kurse hin. Die Urner befinden am Sonntag darüber.
15. Mai 2017, 05:00

Der Befürworter

Fabio Affentranger, Sie und Ihre Partei plädieren für eine Abschaffung der obli­gatorischen Neulenkerkurse (WAB-Kurse), warum?

Die Unfallzahlen des Bundesamts für Statistik belegen schlicht nicht, dass die WAB-Kurse sich positiv ausgewirkt haben auf die Sicherheit auf der Strasse. Wäre es bewiesen, müsste man die Kurse nicht abschaffen. Man muss den Jungen mehr Vertrauen schenken und sie weniger kriminalisieren.

Sie haben die beiden Kurstage besucht. Welche Erfahrungen konnten Sie mitnehmen?

95 Prozent des Inhaltes ist Repetition. Für mich ist nicht nachvollziehbar, dass Neulenker dafür 700 Franken bezahlen sollen, das ist reine Abzockerei.

Gab es auch Punkte, die Sie hilfreich gefunden haben?

Spannend war, zu sehen, wie man Bremswegberechnungen durchführt und wie man sich bei einer Vollbremsung auf nasser Strasse verhält. Doch auch solche Dinge könnte man in die praktischen Fahrstunden integrieren.

Diese Kurse helfen aber, das Bewusstsein in die eigenen Fähigkeiten zu schärfen und gefährliche Situation zu erkennen.

Es ist immer schwierig, bei einer Übung etwas zu lernen und dieses dann im Strassenverkehr im Affekt umzusetzen. Es ist nicht realitätsnah, es ist ein Schauspiel.

Die SVP steht für mehr Sicherheit ein. Warum sind für die Junge SVP Uri die Kurse eine Bestrafung und keine Weiterbildung und sinnvolle Präventionsmassnahme für mehr Verkehrssicherheit?

Eine Bestrafung ist es ganz klar, weil nur die Neulenker in die Pflicht genommen werden. Es ist ganz einfach, warum es die Jungen trifft. Diese haben keine Lobby in Bern. Bundesparlamentarier, die jünger als 25-jährig sind, gibt es keine, und über 60-Jährige massenweise. Das Gegenkomitee ist mit Personen zusammengesetzt, die massiv finanziell von den Kursen profitieren. Es behauptet zwar, dass sicherheits­relevante Aspekte im Zentrum stehen würden, doch daran zweifle ich stark.

Mit der Inbetriebnahme des Verkehrsausbildungs­zentrums vor einigen Jahren in Erstfeld hat man Arbeits­plätze im Kanton Uri schaffen können. Sie setzen diese fahrlässig aufs Spiel.

Ganz und gar nicht. Vom gegnerischen Komitee wird immer wieder behauptet, dass die WAB-Kurse für die Verantwortlichen finanziell nicht rentieren. So sieht man aber im Kino in Luzern Werbung für die Kurse in Seelisberg. Wenn kein Geld vorhanden wäre, könnte man auch keine Werbung schalten.

Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat seit längerer Zeit Verbesserungspotenzial erkannt und nun einen Optimierungsvorschlag in die Vernehmlassung gegeben. Es soll nur noch ein Weiterbildungskurs absolviert werden. Wäre das keine Kompromisslösung?

Für uns ist das keine Variante. Zwar wird ein Kurs abgeschafft, doch der Stoff des anderen Kurses wird in zwei kostenpflichtige Einzellektionen verpackt.

Schon 2013 hatte ein Vorstoss auf Bundesebene zu diesem Thema keine Chance.

Im Nationalrat hatte das Anliegen eine knappe Mehrheit, im Ständerat war es chancenlos. Wenn das Bundesparlament jedoch sieht, dass ein Kanton ein klares Signal nach Bern sendet, hat das eine sehr starke Wirkung.

Ihre Initiative ist doch einfach nur Werbung für Ihre Partei.

Unser Wahlkampf verursacht auch Kosten. Im Vergleich zum Gegenkomitee haben wir keine TCS- und Fahrlehrerlobby, die den Abstimmungskampf finanziert. Weiter muss man sagen, dass auch die Juso und die Junge FDP hinter unserer Initiative stehen. Einigen Personen des Gegenkomitees würde es nicht schaden, mal einen WAB-Kurs zu besuchen, um mal einen Eindruck bekommen, wie sinnlos ein solcher ist.

Wie stimmen die Urner ab?

Das Gefühl stimmt mich positiv. Die Bevölkerung merkt, dass wir aus Überzeugung für unsere Initiative kämpfen.


Die Gegnerin

Claudia Schuler, warum kämpfen Sie gegen die Initiative?

Es ist besser, die WAB-Kurse zu optimieren statt abzuschaffen. Zudem wurde eine Motion von Nationalrat Christian Wasserfallen (FDP), welche die gleiche Forderung hatte wie heute die Junge SVP Uri, vor einigen Jahren im Bundesparlament bereits abgeschmettert. Mit dem Optimierungsvorschlag des Bundesamtes für Strassen (Astra), wonach die Kurse auf einen Tag reduziert werden sollen, gibt es bereits eine zufriedenstellende Lösung.

Das Astra sagt, dass die Sicherheitseffekte der Kurse «nicht im erwartbaren Ausmass» nachgewiesen werden können.

Mit der Zweiphasenausbildung hat man ein umfangreiches Massnahmenpaket beschlossen. Es ist deshalb sehr schwierig, zu sagen, welcher einzelne Punkt zum Rückgang der sinkenden Unfallzahlen bei Neulenkern geführt hat. Sicher ist: Das gesamte Paket wirkt.

Für Befürworter sind die Kurse eine Bestrafung.

Das sind sie nicht. Es ist eine Weiterbildung. Es macht keinen Sinn, auf einen Unfall zu warten und erst dann die Neulenker weiterzubilden.

Werden die Neulenker nicht diskriminiert im Gegen­-­ satz zu allen anderen Autofahrern?

Für mich wäre es wünschenswert, dass alle Autofahrer, vor allem diejenigen, die wenig mit dem Auto unterwegs sind, ebenfalls einmal einen solchen Kurs besuchen. Gerade bei Neulenkern ist aber der Lerneffekt sehr gross. Zudem sind die WAB-­Kurse Teil der Fahrausbildung, die unter anderem aufgreifen, was man nicht in die praktischen Fahrstunden integrieren kann.

Die Neulenker dürfen sich in den ersten drei Jahren auf Probe nichts zu Schulden kommen lassen. Greift diese Massnahme nicht schon genug?

Strafandrohungen allein sind keine gute Idee. Die Kursteilnehmer sammeln in diesen Kursen vielmehr praktische Erfahrungen, die ihnen im Strassenverkehr noch fehlen. Helfen statt kriminalisieren steht im Vordergrund.

Im Strassenverkehr muss man oft im Affekt reagieren, Sekunden können entscheiden. Was bringen die WAB-Kurse für solche heikle Momente?

Viele Dinge sind in der praktischen Fahrschule nur schwer zu üben – etwa Schleudertrainings. Erst die Erfahrung und Übungen helfen, innert Sekunden bei Vollbremsungen richtig zu reagieren. Deshalb sind zusätzliches Wissen sowie Übungen wertvoll, um sich mit Unfallrisiken auseinanderzusetzen und den eigenen Fahrstil zu reflektieren.

Rund 700 Franken kosten die Kurse zusammen, viel Geld für Lehrlinge und Studenten. Werden sie abgezockt?

Die Fahrausbildung ist eine kostenintensive Angelegenheit. Für mich ist es nachvollziehbar, dass es für junge Leute störend wirken kann. Den Vorwurf der Abzocke seitens der Initianten weise ich aber klar zurück, denn gemessen am Aufwand sind die rund 350 Franken pro Kurs nicht viel.

Verdienen sich hier nicht einige eine goldene Nase mit dem Anbieten von Kursen?

Nein. Die Verkehrsausbildungszentren decken mit den Kurs­geldern ihre Kosten. Sie stehen zudem im Wettbewerb und versuchen deshalb, wo immer möglich Kosten zu senken.

Die Junge SVP Uri behauptet im Abstimmungskampf, das Gegenkomitee stelle einfach mal die Zahl von zehn Vollzeitstellen, die in den Verkehrsausbildungszentren Erstfeld und Seelisberg besetzt sind, in den Raum.

Diese Zahlen können wir be­legen. Vergangenes Jahr waren rund 3000 Personen in Uri wegen des Kurses. Eine Wertschöpfung ist also da. Es wäre ein ganz schlechtes Zeichen, das wir nach Bern schicken würden, wenn wir die Initiative annehmen.

Wie stimmen die Urner ab?

Ich prognostiziere ein knappes Ergebnis, hoffe aber auf den gesunden Menschenverstand der Urner Stimmbürger und auf ein Nein an der Urne.

 

Interviews: Philipp Zurfluh

philipp.zurfluh@urnerzeitung.ch

 


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