Dem Schnee auf dem Gotthardpass geht es an den Kragen

WINTERSPERRE ⋅ Die Schneeräumungsarbeiten auf der Gotthard-Passstrasse kommen gut voran. Doch bereits vor einem Monat hat es vielversprechend ausgesehen – bis sich der Winter zurückmeldete.
12. Mai 2017, 05:00

Matthias Stadler

matthias.stadler@urnerzeitung.ch

Noch ist die Schranke in Hospental unten. Motivierte Velofahrer, rassige Töfffahrer oder gemächliche Wohnwagenfahrer bleiben im Tal. Passieren dürfen nur Personen mit einer Bewilligung. Etwa Werner Gnos vom Urner Amt für Betrieb Nationalstrassen. Er ist für die Räumung der dahinterliegenden Strasse zuständig: die Gotthard-Passstrasse. Seit neun Jahren befreit er mit seiner Equipe den Weg von Hospental nach Airolo, welcher als einer der wenigen Schweizer Passstrassen zum Nationalstrassennetz und nicht einem Kanton gehört.

30 Männer arbeiten derzeit auf der Strecke. Manche räumen Felsbrocken weg, andere montieren Leitplanken. Auf der Passhöhe, auf 2091 Meter über Meer, fräst ein Arbeiter mit schwerem Gerät einen Weg entlang des Sees frei. Etwas daneben schaufelt ein Bagger Schnee von den meterhohen Schneewänden – ein imposantes Bild.

Und dazwischen herrscht Ruhe, fast schon gespenstische Ruhe. Wer den Verkehr kennt, der im Sommerhalbjahr über den mystischsten aller Schweizer Pässe rollt, für den wirkt die Szenerie eigenartig. Keine Velofahrer strampeln sich auf dem Weg nach oben ab, kein Töfflärm hallt von den Bergen, keine Wohnwagen schleichen die Strasse hinauf. Die Seen auf der Passhöhe sind schneebedeckt. Das Leben hier scheint wie verschluckt, es wartet auf wärmende Sonnenstrahlen.

«Noch nie erlebt, dass es so wenig Schnee hatte»

Dies im Gegensatz zu Hospental: Am Anfang des Passes herrscht Frühling. Und irgendwo zwischen dem Dorf und der Passhöhe, etwa auf der Höhe des Restaurants Mätteli auf knapp 1800 Meter über Meer, wird es weiss. Der Schnee liegt neben der Strasse, an den Hängen sind niedergegangene Lawinen zu sehen. Die Strasse selber ist allerdings fast komplett vom Schnee befreit. Ab und zu liegen dafür Felsbrocken im Weg.

Werner Gnos rekapituliert: Wie immer sei Mitte April mit den Räumungsarbeiten begonnen worden. Mit vier Schneefräsen und einem Bagger. Eine Equipe startete in Airolo, eine in Hospental. «Ich habe es noch nie erlebt, dass es so wenig Schnee hatte.» Bis auf 1800 Meter über Meer hatte es kaum Schnee. Die Mannschaften hätten sich innert dreier Tage auf den Pass hochgearbeitet. Normalerweise braucht es dafür drei Wochen. Die Arbeiten gingen gut voran – wohl zu gut. «Ich habe geahnt, dass nochmals Schnee fällt», sagt der 49-Jährige. Und prompt zeigten sich das Wetter und der Gotthard von ihrer mühsamen Seite. Etwa ein Meter Neuschnee kam innert weniger Tage zusammen, die Equipen mussten von fast ganz zuunterst nochmals beginnen. Zudem war die Lawinensituation brenzlig. «Wir hatten viel Wind und Verwehungen», zudem seien die Schneeschichten ungünstig gewesen, da der Boden im Herbst nicht gefror. Dadurch war laut Werner Gnos die unterste Schneeschicht wie Zucker, alles habe sich schnell bewegt. Deshalb konnte an einigen Tagen nicht gearbeitet werden.

Am 19. Mai soll der Pass geöffnet werden

Bis zu 12 Meter können die Schneemauern werden. Heuer waren sie mit Hilfe des Windes teilweise 4 Meter hoch. Jetzt sieht es aber wieder besser aus. Man kann erahnen, wo der See liegt, die Adlerstatue ist frei von Schnee. Die Schneehöhe beträgt ohne Verwehungen noch etwa einen Meter. «Wenn es das Wetter zulässt, ist der 19. Mai als ursprüngliches Eröffnungsdatum nach wie vor realistisch», erklärt Werner Gnos. Priorität hat allerdings die Sicherheit: «Die Natur schlägt uns immer wieder ein Schnippchen. Da ist man auch mit den grossen Maschinen ganz plötzlich wieder sehr klein.» Deswegen ist es für den Silener nicht entscheidend, ob der Pass ein paar Tage früher oder später für den Verkehr freigegeben wird. Dass die Passstrasse auch jetzt noch gefährlich ist, zeigt sich an kalten Morgen. Wenn der Schnee schmilzt und dadurch Wasser auf die Strasse gerät, gefriert dieses während der Nacht. «Am Morgen ist dann die Strasse blankes Eis.» Zudem kann es immer wieder zu Lawinenniedergängen kommen. Dass es trotzdem Leute gebe, welche die Schranke ignorieren, stört Werner Gnos. Er musste etwa schon Velofahrer zurückschicken. Trotzdem gibt es Personen, die hinauf dürfen. Sie müssen aber nachweisen, dass sie die gesperrte Strasse benützen müssen.

Wohl in einer Woche wird es wie erwähnt für alle wieder erlaubt sein, über den Pass zu fahren. Nicht nur für Werner Gnos und seine Männer, sondern auch für Velo-, Töff- und Wohnwagenfahrer. Dann wird es mit der Stille am Gotthard wieder vorbei sein. Zumindest, bis der nächste Winter kommt.

Seit Mitte April wird die Gotthardpassstrasse vom Schnee befreit. Wenn die Schneeräumungsarbeiten nach Plan verlaufen, kann die Passstrasse am 21. Mai geöffnet werden.


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