Der «Tunnel» hinterlässt nachdenkliches Publikum

LESUNG ⋅ Die Anhänger von Friedrich Dürrenmatt waren in Göschenen begeistert über die Lesekunst von Walter Sigi Arnold. Umrahmt wurde sie vom Gesang von Bruno Amstad sowie Bildern von Angel Sanchez.
13. November 2017, 07:14

Einen besseren Ort als den «Eingangstunnel» im Kraftwerk Göschenen gab es für die Vorlesung über den rätselhaften «Tunnel» von Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) nicht. Vorne rechts las im dunklen Raum der Urner Schauspieler Walter Sigi Arnold, gegenüber spielte und sang Bruno Amstad mit seinem mystischen Gesang und dazwischen waren die Bilder über den Bau des Neat-Tunnels von Angel Sanchez auf einer riesigen Leinwand zu sehen.

Rund 80 Literaturliebhaber konnte Peter Tresch, Betriebsleiter des Kraftwerks Göschenen, am Freitagabend im «Tunneldorf» begrüssen. Organisiert wurde der Anlass durch den Verein Tourismus Göschenen/Göscheneralp zusammen mit dem Leiter des Kraftwerks und seinem Team.

Der Schauspieler Walter Sigi Arnold ist im Jahr 1959 als Jüngster von sechs Geschwistern auf dem Bauernhof Sigibühl in Altdorf – woher auch der Name «Sigi» kommt – geboren und aufgewachsen. Nach dem Lehrerseminar wurde Arnold Schauspieler und wurde bekannt durch seine Sprache, in die er viel Zeit investierte, damit ein Text wirklich flüssig und ohne Stocken über die Bühne geht.

Sage von der Teufelsbrücke kommt zur Sprache

Für die Vorlesung des Klassikers von Dürrenmatt hat Arnold genau das richtige Ambiente im Kraftwerk gefunden. Die Erzählung «Der Tunnel» von Friedrich Dürrenmatt erschien im Jahr 1952. Sie zählt zu den Klassikern unter den rätselhaften Kurzgeschichten des Autors.

Die Geschichte beschreibt die Gefühle eines jungen Mannes auf der Zugfahrt von Bern nach Zürich, als der Zug durch einen nicht mehr endenden Tunnel fährt, den es dort gar nicht gab. Niemand im Zug nimmt Notiz davon, dass etwas nicht stimmt, und es braucht viel Überredungskunst, bis der Zugführer etwas unternimmt. Die beiden kämpfen sich gemeinsam zur Lokomotive vor, wo sie den Führerraum leer vorfinden, denn der Lokomotivführer ist schon nach kurzer Zeit abgesprungen. Jeder Versuch, den immer schneller fahrenden Zug zu stoppen, schlägt fehl, da weder Bremsen noch die Notbremse funktionieren. Verzweifelt fragt der Zugführer in dieser Situation, was sie nun tun sollten. «Nichts», antwortet der 24-jährige Mann darauf. Im Kontrast zu dieser Geschichte erzählte Walter Sigi Arnold dazwischen die Sage von der Teufelsbrücke – mit einem «etwas anderen» Ende.

Vergleich mit der Menschheit

Ohne Bruno Amstad wäre die Lesung zu einer trockenen Materie geworden. Mit seiner mystischen Musik und dem Gesang brachte er etwas Unheimliches in das Tunnelgewölbe. Er verblüffte das Publikum mit seiner eigenwilligen Gesangstechnik. Der Fotograf Angel Sanchez hat während mehr als zehn Jahren den Bau der Neat begleitet und dies fotogra­fisch festgehalten. Ein Teil dieser eindrücklichen Bilder bereicherten die Lesung über Friedrich Dürrenmatts «Tunnel». Der in den Abgrund rasende Zug kann als Vergleich mit der Menschheit gedeutet werden. Das Leben verläuft ebenfalls nicht immer in geregelten Bahnen und endet manchmal in einer Katastrophe. Die Kurzgeschichte zeigt auf, dass sich die Leute sehr oft hinter dem Alltäglichen verstecken und das schreckliche Geschehen nicht wahrhaben wollen.

Ein Besucher meinte am Schluss: «Dies war für mich ein sehr spezielles Erlebnis, das jeder Franken des Eintritts wert war, und hinterliess in mir einen nachdenklichen Eindruck.» Ein anderer Gast war fasziniert von diesem Abend, und auf den Sinn dieser Geschichte angesprochen, meinte er nur: «Das ist eben Dürrenmatt.»

 

Paul Gwerder

redaktion@urnerzeitung.ch


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