Der Urner Wolf ist reif fürs Museum

OBWALDEN/URI ⋅ Der Wolf mit der Bezeichnung «M68» hielt Urner Schafbesitzer und Behörden lange auf Trab. Vor fast einem Jahr ist das zum Abschuss freigegebene Tier erlegt worden. Nun hat es Hansruedi Riebli präpariert. Selbst für den Profi eine Herausforderung.
15. Juli 2017, 19:36

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@obwaldnerzeitung.ch

Da steht er auf einer knorrigen Wurzel und blickt aufmerksam in die Weite. Wie von einer Erhöhung in die Landschaft. Vielleicht nimmt er ein neues Gebiet in Augenschein vor der Jagd am Abend? Wüsste man es nicht besser, würde man erwarten, dass er jederzeit weiterläuft. Doch dieser Wolf ist tot. Seine lebendige Wirkung verdankt er Hansruedi Riebli. «Natürlich soll er einen Funken Leben ausstrahlen», sagt der Tierpräparator aus Giswil.

Von Februar bis jetzt hat er am Wolf gearbeitet, insgesamt 60 Stunden. Wie die Arbeit herauskomme, wisse man eigentlich erst am Schluss. Es ist nicht irgendein Wolf, sondern der legendäre «M 68» mit italienischer Abstammung. Er hatte laut dem Amt für Forst und Jagd Uri insgesamt 77 Schafe, zwei Ziegen und ein Rind getötet oder verletzt. Im Juli vergangenen Jahres hatte der Urner Sicherheitsdirektor Dimitri Moretti die Abschussverfügung erlassen. Am 28. Juli wurde der Wolf erlegt. Der Urner Regierungsrat beschloss darauf, «M 68» präparieren zu lassen (wir berichteten). Sehr gross ist der Urner Wolf nicht, vom Schwanzansatz bis zur Nasenspitze misst er 1,12 Meter, von der Pfote bis zum Rist 60 Zentimeter. Sein Gewicht betrug nach dem Ausweiden 27,3 Kilogramm.

Bis zu 1000 Tiere präpariert

«Ich war schon ein bisschen stolz, als die Anfrage kam», sagt Tierpräparator Hansruedi Riebli. Er gilt in seiner Branche als einer der Erfahrenen und erhält häufiger Anfragen auch aus der Urner Jägerschaft. Mittlerweile hat der 52-Jährige an die 1000 Präparate gefertigt. Allein ein Besuch in seinem Lager ist spannend: Da hängen zwei gigantische Köpfe eines Bisonbullen und einer Bisonkuh an der Wand, sitzen Schleiereule und Käuzchen vor dem Baumloch, tummeln sich Eichhörnchen, Murmeli, Fuchs, Gämse und Rehbock – eingefroren im Moment auf ewig.

«Der Wolf war eine Herausforderung», erzählt der Fachmann. Das Männchen sei kurzhaarig gewesen, im Sommerfell, und dadurch war klar, dass «ich nur wenig schneiden durfte». Ein langhaariges Fell decke jede Naht, erklärt er. So musste der Giswiler mit einem Bauchschnitt und mit zehn Zentimeter langen Schnitten an den Läufen auskommen. Schnell entschied er sich, mit einem Rohling zu arbeiten. «Der Vorteil an dieser Methode lag darin, dass ich einzelne Muskeln darstellen konnte, was zwar aufwendig ist, sich bei einem kurzhaarigen Tier aber lohnt, da man es unter dem Fell deutlich sieht», begründet er. Mit Schleifpapier bearbeitete er den Rohling aus Montageschaum, nachdem er Läufe und Körperlänge angepasst hatte. Allein 80 Prozent seiner ganzen Arbeit beanspruchte das Bearbeiten des Rohlings. Am Fell dagegen arbeitete er nur acht Stunden. Vom Kopf machte der Präparator eine Kopie. Aus einem Abguss stellte er eine Negativform aus Silikon her. «Wenn man diese Methode kennt, wird schnell klar, dass der Begriff ‹ausstopfen› eigentlich fehl am Platz ist», sagt der Experte.

Fletschende Zähne bewusst vermieden

Fast mit Respekt spricht er vom Körper des «M 68», den er für seine Arbeiten anatomisch genau studieren musste: «Dieser Wolf war sehr athletisch und muskulös. Er muss immer gelaufen sein», vermutet Hansruedi Riebli. Nicht gewünscht waren vom Auftraggeber gebleckte Zähne, um Provokationen zu vermeiden.

Der Wolf erhitzt bekanntlich die Gemüter und ist längst zum Politikum geworden. In der ersten Augustwoche wird «M 68», der bei Riebli keinen Spitznamen erhalten hat, abgeholt. Laut der Urner Jagdverwaltung wird der Wolf von Mitte August bis Mitte Oktober im historischen Museum Uri ausgestellt.

Fällt es Hansruedi Riebli schwer, sich vom Wolf zu trennen? «Klar, wenn man ihn jeden Tag so vor sich sieht.» Und was kommt nach dem legendären Wolf? «Ein Murmeli und ein weiterer Steinadler», sagt Riebli. Ein anderer Steinadler aus seiner Werkstatt fand jetzt auf der Bergstation auf Melchsee-Frutt eine Heimat. Und wer weiss, vielleicht wird der kürzlich abgestürzte Bartgeier auch noch präpariert? Die Arbeit dürfte Riebli jedenfalls kaum ausgehen.


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