Die Leiden der «Urner Mona Lisa»

URI ⋅ Auf Facebook und Instagram sorgen seine Gemälde für Begeisterung. Nun hat Benjamin Kluser auch unsere Redaktorin Carmen Epp zum Porträt geladen. Eine Begegnung, die Eindruck macht. Nicht nur auf dem Bild.
07. April 2018, 22:56

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

Schwer zu sagen, wer nervöser ist: Benjamin Kluser, der vor seiner weissen Leinwand sitzt, wohlwissend, dass das Resultat in der «Zentralschweiz am Sonntag» einem grösseren Publikum zugänglich wird, als er via Facebook oder Instagram erreicht. Oder ich, die zum ersten Mal überhaupt Modell steht für etwas, dessen Ausgang ungewiss ist. Ich kenne zwar seine bisherigen Bilder, die er online teilte. Und staunte, wie präzise seine Werke mir teilweise bekannte Personen trafen. Ob ich mein Gesicht auch wiedererkennen würde?

Als ich auf dem blauen Sessel gegenüber der Leinwand Platz nehme, entdecke ich in der Ecke über einem Regal ein Gemälde zweier Frauen, den Frisuren und Kleidungen zufolge aus einem längst vergangenen Jahrhundert. Künstler? Keine Ahnung. Stil? Irgendwas Altes. Mit Kunst konnte ich noch nie so richtig etwas anfangen. Vor ein paar Jahren hingegen gewann ein Kunstwerk plötzlich ungewollt an Bedeutung für mich: «Mona Lisa», das weltberühmte Gemälde von Leonardo Da Vinci.

Video: Urner Künstler porträtiert Journalistin

Carmen Epp liess sich von Benjamin Kluser malen. (eca, 8.4.2018)

Lisa del Giocondo, die Da Vinci am Anfang des 16. Jahrhunderts mit Ölfarben auf die Leinwand gebracht hatte, erinnerte den legendären und inzwischen verstorbenen Urner Anwalt Walter A. Stöckli an mich. In Leserbriefen auf meine Kommentare bezeichnete er mich als «Urner Mona Lisa», meine Artikel als «Mona-Lisa-Journalismus». Dies bezog er wohl auf das Porträtbild, auf dem ich in ähnlichem Winkel zum Betrachter schaue, mein Gesicht umrahmt von langen braunen Haaren. Und auch wenn ich in Stöcklis Briefen selten gut davonkam und mein «Mona-Lisa-Journalismus» für ihn etwas Negatives war, so fühlte ich mich doch irgendwie geschmeichelt von diesem Vergleich.

Und nun sitze ich also da, einem Künstler gegenüber, werde selber zur «Mona Lisa». Anders als Lisa del Giocondo damals schaue ich den Künstler nicht direkt an, sondern sitze leicht versetzt zu ihm, den Blick und das Gesicht nach rechts gerichtet. Auf Fotos, finde ich, sehe ich so am besten aus. Die Position einmal eingenommen, gibt es kein Zurück. Ich werde nervös. Ob der Winkel gut ist? Meine Schokoladenseite zur Geltung kommt? Habe ich überhaupt eine Schokoladenseite? Hätte ich meine Haare besser hinters Ohr gesteckt, zumindest auf einer Seite? Und wie soll ich meinen Mund halten? Offen schaut komisch aus, das hatte ich die Tage davor im Spiegel schon bemerkt. Vor allem von der Seite, da sehen meine Schneidezähne so ungleich lang aus. Also schliesse ich den Mund, atme durch die Nase. Tiefer und länger als sonst. Das entspannt.

«Die ersten Linien sind am wichtigsten»

Kluser ist bereit. Vor ihm steht ein grauer Plastikbehälter mit Wasser, darin sechs Pinsel, unterschiedlich in der Breite, Härte und Rundung. Daneben liegen Acryltuben mit den Grundfarben und ein «nicht ganz schwarzes Schwarz». Acryl sei dankbar, weil die Farbe schnell trockne, sagt der 33-Jährige. So braucht er an «sehr guten Tagen» anderthalb Stunden für ein Porträt. «Rechne aber besser mit zweieinhalb Stunden.» Sicher ist sicher.

Der zeitliche Horizont ist also klar. Ein kurzer Blick aufs Handy, das Display zeigt 15.15 Uhr an, und los geht’s. Kluser streckt den rechten Arm aus, hält den Pinsel vors Gesicht, das eine Auge zugekniffen. So bestimmt er die Winkel meines Gesichts, um die ersten Proportionen auf die Leinwand zu bringen. «Die ersten Linien sind am wichtigsten. Wenn die nicht stimmen, geht alles schief.» Aufs Vorzeichnen mit Bleistift oder ­Kohle verzichtet er. «Ich baue lieber Flächen.» Was das bedeutet, erfahre ich erst später. Denn während er malt, bleibt es still zwischen Kluser und mir. Mein Fragenkatalog bleibt unberührt auf dem Salontisch liegen. Nur zweimal greife ich zum Schreibblock, um ein paar Beobachtungen aufzuschreiben. Kluser malt und schweigt, ich sitze und schweige. Aus den Boxen dröhnt Musik. Mal Funk, mal Elektronisches, mal Trommelklänge aus einer fernen Welt. Dreimal wird es ruhig, als die Musikkassetten einrasten. Dann höre ich für ein paar Minuten die Pinselstriche, das Klimpern der Pinsel im Wasser, das «Pff-Pff» des Wassersprays, das Kluser auf die Farbe bringt. Bis die nächste Kassette die Stille durchbricht.

Ich starre in die Ecke aufs Regal mit den Musikkassetten und staune über deren Anzahl. Wer braucht denn heute noch Kassetten? Bis auf «Sting» kann ich die Beschriftungen nicht lesen. Demzufolge, was aus den Boxen kommt, würde ich ohnehin die Hälfte nicht kennen. Im Augenwinkel sehe ich Kluser einen grossen weissen Klecks aus der Tube auf die Palette drücken. Dann greift er zum breitesten Pinsel und verteilt die Farbe mit grosszügigen Handbewegungen auf die Leinwand. Ist ihm vielleicht das Werk misslungen, sodass er nun alles wieder übermalt, quasi ausradiert? Ich linse ungläubig zu ihm, unsere Blicke treffen sich kurz, ich fühle mich ertappt und starre wieder brav in die Ecke.

Zwischen harten Konturen und schwierigen Details

Mit der Porträtmalerei angefangen hat Kluser 2017, mein Bild ist sein dreissigstes. Im Gegensatz zu seiner eher modernen Kunst (siehe Kasten) wählt er für Porträts einen klassischen, impressionistischen Stil. Inspirieren lässt er sich von Porträtkünstlern wie Ray Turner, Terry Miura und Jeremy Munn. Die haben eines gemeinsam: Sie arbeiten mit Flächen, oder wie Kluser es nennt: fleckig. Damit meint er nicht seine linke Hand, die inzwischen voller Farbkleckse ist, sondern die Art, Konturen in den Gesichtern nicht weich, sondern hart und flächig zu setzen. Wäre es nicht einfacher, einfach ein Foto «nachzumalen»? Kluser winkt ab. «Der subjektive Blick auf die Person ist mir wichtig.» Ausserdem habe die Tatsache, dass er «am lebenden Objekt» arbeitet, auch den Vorteil, dass er sich zwingen muss, abzuschliessen. «Sonst sässe ich ewig an einem Porträt.»

Während mein Dasitzen Kluser hilft, macht es mich zunehmend nervös. Ob ich mich im Resultat wiedererkennen werde? Was, wenn nicht? Wie wohl meine Nase auf dem Bild wirkt? Man sagte mir mal, ich hätte eine Griechennase. Und meine Oberlippe? Zu schmal für meinen Geschmack. Und meine Mundwinkel erst! Sie zeigen im entspannten Zustand nach unten, als wäre ich traurig. Und meine Augenlider? Ich nenne sie gerne scherzhaft Würstchen. Oben eins, unten eins. «Mund, Nase und Augen sind mitunter etwas vom Schwierigsten», sagt Kluser später. «Da fällt es schwer, nicht an den Details kleben zu bleiben.»

Das Bild, das ich von mir habe, beginnt sich vor meinem inneren Auge zu verzerren. Zu einem Wirrwarr an Nase, Lippe, Würstchen und traurigen Mundwinkeln. Um mich abzulenken, beginne ich, die Kassetten im Regal zu zählen. Bei 39 verzähle ich mich, beginne von vorn. Nach vier gescheiterten Zählversuchen lege ich mich auf 250 fest. Irgendwann macht sich auch der Körper bemerkbar: Die Knie schmerzen und mein Hintern ist eingeschlafen.

«So, fertig», höre ich Kluser sagen. Endlich! Ich strecke meine Beine, greife zum Handy: 17.45 Uhr. Zweieinhalb Stunden hat es gedauert, doch es hat sich gelohnt. Beim Blick auf die Leinwand staune ich: Das bin ja ich! Kluser sieht das anders. Im Gegensatz zu mir ist er mit dem Ergebnis nicht zufrieden. «Ich wollte zu schnell sein am Anfang und habe am Schluss zu lange zu viel korrigiert», stellt er fest. Vor allem die Augen und der Mund gefallen ihm nicht. Also vereinbaren wir einen weiteren Termin.

Mona Lisa mit Würstchenlidern und Griechennase

Diesmal bin ich entspannter, Kluser, so scheint mir, ebenfalls. Zwar schläft mir erneut der Hintern ein, aber die Gedanken spielen nicht mehr verrückt. Nun weiss ich ja, was mich erwartet. Nach knapp zwei Stunden ist Kluser fertig und mit dem Ergebnis zufrieden. Auch mir gefällt das zweite Porträt besser. Vor allem meine Augen – samt Würstchen. Ich wirke freundlicher.

Nun habe ich also zwei Ausgaben der «Urner Mona Lisa» – jetzt nicht mehr nur scherzhaft, sondern auf Leinwand. «Mona Lisa? Schräg! Den Gedanken hatte ich beim Malen ebenfalls», schreibt Kluser, nachdem ich ihm den Text zum Lesen geschickt habe. Er also auch! Woran das liegt, können wir beide nicht so recht erklären. «Nase und Augen haben schon irgendwie etwas Verwandtes», findet Kluser. Hatte Lisa del Giocondo also auch eine Griechennase und Würstchenlider? Wie ich so darüber nachdenke, muss ich schmunzeln. Offenbar bin ich doch nicht so uneitel, wie ich immer behaupte. Die zwei tollen Bilder machen’s mir aber auch verdammt schwer.

  • Redaktorin Carmen Epp bei Porträtmaler Benjamin Kluser. (© Urs Hanhart)
  • Kluser betreibt – neben seinen modernen Arbeiten – seit 2017 klassische Porträtmalerei. (© Urs Hanhart)
  • Malerei Carmen Epp (© Urs Hanhart)

Redaktorin Carmen Epp liess sich vom Urner Künstler Benjamin Kluser porträtieren.


Anzeige: