Ein Bergdorf kämpft um seine Poststelle

WASSEN ⋅ Die Weiterführung der Poststelle in der 444-Seelen-Berggemeinde im Urner Oberland steht auf der Kippe. Die Einwohner wollen die drohende Schliessung aber nicht einfach so hinnehmen – und protestieren lauthals.
20. Mai 2017, 19:15

Urs Hanhart

urs.hanhart@urnerzeitung.ch

Es ist 10.30 Uhr an diesem sonnigen Samstagvormittag. Etliche Einwohner erledigen auf der Wassner Poststelle Einzahlungen oder nehmen andere Dienstleistungen in Anspruch. Vor dem Schalter bildet sich sogar eine kleine Schlange.

Gleichzeitig strömen immer mehr Leute auf den Parkplatz vor der Post. Dort sind ein Festzelt und Grillstände aufgebaut worden – allerdings nicht, um zu feiern, sondern um zu protestieren. «Poststellenraub in Uri? Nein danke!»: So lautet der plakative Titel der vom Wassner Gemeinderat organisierten Aktion, die schliesslich rund 200 Leute zu mobilisieren vermag.

Nur drei Urner Poststellen gesichert

Die Post will in den nächsten drei Jahren 500 bis 600 Poststellen schliessen. In Uri sind Bürglen, Wassen und Schattdorf im «Überprüfungsprozess» und stehen damit vor der Schliessung. Gesichert sind zurzeit nur Altdorf, Erstfeld und Andermatt. «Wir fordern, dass die Poststelle Wassen vollwertig zu Gunsten des Urner Oberlands erhalten bleibt», sagte die Wassner Gemeindepräsidentin Kristin T. Schnider gestern.

«Mit dieser Aktion wollen wir der Post signalisieren, dass wir ihr Verhalten nicht akzeptieren. Wir verlangen eine Lösung, die nicht nur auf Rendite ausgerichtet ist, sondern die Bedürfnisse der Menschen und Regionen ins Zentrum stellt.» Sollte die Poststelle Wassen geschlossen werden, müssten Kunden einen Weg von mindestens 12 Kilometern hinunter nach Erstfeld oder hinauf nach Andermatt bewältigen, um das ganze Spektrum der Postdienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. Das überschreite den geografischen Versorgungsauftrag der Post bei weitem und sei insbesondere auch für die Bewohner des Meientals und der Göscheneralp eine Zumutung. Schnider befürchtet, dass eine Schliessung der Post die Standortattraktivität von Wassen, aber auch der Nachbargemeinden, massiv senken würde.

Urner Unterland beweist Solidarität

Auch die Gemeindepräsidenten von Altdorf, Bürglen, Erstfeld und Bauen nahmen an der Aktion teil. Sie alle sicherten dem Wassner Gemeinderat ihre Solidarität und Unterstützung zu. Peter Spichtig von der Gewerkschaft Syndicom betonte: «Es braucht – wie hier in Wassen – den Widerstand der Bevölkerung und der Behörden der betroffenen Gemeinden.» Nötig seien aber auch der politische Druck der Kantone und Aktivitäten im eidgenössischen Parlament, um dem konzeptlosen Abbau einen Riegel zu schieben oder zumindest den Kahlschlag erheblich zu begrenzen. «Es kann nicht sein, dass die Post offiziell von einer Überprüfung spricht, aber im Hinterkopf bereits die Schliessung beschlossen hat», so Spichtig. Fast alle Teilnehmer untermauerten ihren Protest mit dem Eintrag in das Gästebuch und mit dem Anstecken eines gelben Uristier-Buttons mit der kämpferischen Aufschrift: «Poststellenraub in Uri? Nein, danke!»

Video: Wassen kämpft um Poststelle

Am Samstag hat die Gemeinde Wassen gegen die drohende Schliessung der Postfiliale protestiert. (Tele 1, 20.05.2017)




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