Einbrecher zeigt Reue

ANDERMATT ⋅ Gleich wegen 19 Einbrüchen hat sich gestern ein 70-jähriger Mann vor dem Landgericht Ursern verantworten müssen. Er bestritt die meisten Taten, einige gab er zu – und entschuldigte sich dafür.
11. August 2017, 05:00

Matthias Stadler

matthias.stadler@urnerzeitung.ch

Ein Aussenstehender würde ihn wohl kaum als «typischen» Einbrecher beschreiben. Der Mann hat lichte, graue Haare, ist schlank und 70-jährig. Auch die Oberstaatsanwalt-Stellvertreterin bezeichnete ihn als einen Mann, den man «am Tatort als Zeugen sehen würde, nicht als Täter».

Doch der Schein trügt. Gestern wurde der 70-jährige, aus dem Kanton Fribourg stammende Mann wegen gewerbsmässigen Diebstahls, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachen Hausfriedensbruchs vor das Landgericht Ursern in Andermatt geführt.

Die Urner Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, zwischen dem 20. März 2016 und dem 19. Februar 2017 total 19 Einbruchdiebstähle oder Versuche begangen zu haben. Dies unter anderem in Andermatt, Ennetbürgen, Arth, Goldau, Gersau, Küssnacht, Vitznau und Laax.

Der Mann sei vornehmlich in Geschäftsräumlichkeiten eingebrochen und immer ähnlich vorgegangen. Er habe dabei mehrfach Sachen beschädigt, zerstört oder unbrauchbar gemacht und Schäden zwischen 200 und 4000 Franken verursacht. Der Deliktsbetrag belaufe sich auf 3500 Franken, der Sachschaden auf knapp 26 000 Franken. In Andermatt habe die Serie begonnen. Sieben Einbrüche, davon mehrere in Gastrobetriebe, habe er hier zu verantworten.

24 Monate Freiheitsstrafe gefordert

Die stellvertretende Oberstaatsanwältin Beatrice Kolvodouris Janett beantragte deswegen, den Angeklagten zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten zu verurteilen. Dabei sei die Untersuchungs- sowie Sicherheitshaft – der Angeklagte sitzt seit dem 6. März dieses Jahres in Stans in Haft – an die Strafe anzurechnen.

Die Staatsanwältin verwies in ihrem Plädoyer auf die kriminelle Laufbahn des Mannes. So war dieser unter anderem bereits in den 1990er-Jahren wegen Einbrüchen im Gefängnis gesessen. Insgesamt während etwas mehr als 13 Jahren. Auch in jüngerer Vergangenheit sass der Mann im Gefängnis, nur kurz vor den nun diskutierten Vorfällen wurde er auf freien Fuss gesetzt. Die Staatsanwältin betonte, dass der 70-Jährige das Einbrechen «mit Stolz» betreibe. «Lassen Sie sich nicht täuschen, der Mann ist ein Profi», sagte Kolvodouris.

Die Einbrüche seien gewerbsmässig, weil der Täter sich darauf eingerichtet habe, durch regelmässige Taten Einnahmen zu generieren. «Dieser Fall ist ein Paradebeispiel für Gewerbsmässigkeit.» Der Mann sei stets bereit, einen Einbruch zu begehen. Die Staatsanwältin betonte, dass das Verschulden schwer wiege, er habe ein Leben lang eine Selbstbedienungsmentalität an den Tag gelegt. Zudem sei das erwähnte Vorleben straferhöhend.

Mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten

Der Angeklagte erläuterte vor dem Landgericht Ursern, dass er sich «in einer wüsten Situation» befunden habe. «Ich hatte oft Hunger. Ich war froh, wenn ich auch nur ein paar Franken gefunden habe, um etwas zu essen.» Er habe nicht viel zum Leben. So kriege er von der AHV lediglich 640 Franken pro Monat, wobei diese Summe immer wieder nicht ausbezahlt worden sei. In Italien habe er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten. Zudem habe er gesundheitliche Probleme. So habe ein Arzt nach einem Unfall gebrochene Rückenwirbel festgestellt. Hinzu kämen kardiologische Probleme.

Vor Gericht gab der Mann, der von einem amtlichen Anwalt verteidigt wurde, sieben der 19 behandelten Einbrüche zu. Davon je einen Einbruchsversuch oder Einbruch in Saas-Grund, Küssnacht, Gersau, Laax und Verscio. Diejenigen in Arth, Goldau, Vitznau und einen in Saas-Grund stritt er ab. «Mehr als die Hälfte der 19 Taten sind haltlos, es gibt keine rechtsgenüglichen Beweise», erklärte der Verteidiger. So gebe es etwa in den Fällen von Arth und Goldau «keinerlei Anhaltspunkte, die auf eine Beteiligung des Angeschuldigten schliessen lassen». Es sei fraglich, wie die Staatsanwaltschaft darauf gekommen sei, dass der Angeklagte für diese Taten verantwortlich sei.

Der Verteidiger sagte weiter, bei einem Einbruch in Vitznau habe der Hausbesitzer einen Einbrecher ausgemacht, den er als «jung» und etwa 1,65 Meter gross beschrieb. Der Angeklagte sei jedoch über 1,80 Meter gross und 70-jährig. In Andermatt habe der Angeklagte einen Einbruchsversuch durchgeführt, nicht sieben. Der Verteidiger führte aus, dass bei den sechs anderen Einbrüchen in Andermatt keine DNA-Spuren gefunden worden seien. Und nur weil sein Mandant sich in Andermatt aufgehalten habe, heisse das nicht, dass er auch für die Einbrüche verantwortlich sei.

Delikte wegen Notlage begangen

Der Verteidiger ergänzte, dass die Beweislage unzureichend sei. So sei die Vorgehensweise, etwa das Aufwuchten von Schlössern, weit verbreitet und keinesfalls nur auf seinen Mandanten zutreffend. Zudem sei etwa bei einem Einbruch in Saas-Grund die Deliktsumme untypisch hoch. Zudem sei die Schlussfolgerung unerlaubt, dass er wegen seiner Vergangenheit auch die nun diskutierten Taten begangen haben soll. Der Grundsatz «in dubio pro reo» – im Zweifel für den Angeklagten – werde hier verletzt. Es könne ebenfalls sein, dass jemand anderes die Taten begangen habe.

Der Verteidiger schloss zudem die Gewerbsmässigkeit aus. So habe er bei den sieben anerkannten Taten 340 Franken erbeutet, also 48 Franken pro Tat. Zudem gelte es, die Umstände in Betracht zu ziehen: Der Angeklagte habe die Delikte wegen einer materiellen Notlage gemacht. Ausserdem sei er bereits 70-jährig, gesundheitlich angeschlagen und habe sich kooperativ gezeigt. Deswegen forderte der Verteidiger eine Freiheitsstrafe von fünf Monaten. Da er seit dem 6. März in Haft sitze, sei er jetzt zu entlassen. Zudem seien ihm die Verfahrenskosten zu erlassen.

Der Angeklagte hatte das letzte Wort – und zeigte Reue: «Ich will meine kurze Zeit, die mir noch bleibt, in Ruhe leben. Es tut mir leid, ich entschuldige mich bei den Opfern.» Für den Mann gilt die Unschuldsvermutung. Das Urteil wird den Parteien in den nächsten Tagen im Dispositiv zugestellt.


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