Einmal Diakon, immer Diakon

ALTDORF ⋅ 40 Jahre im Dienst der Gläubigen: Bruno Tresch (64), Leiter der Pfarrei Bruder Klaus, wird pensioniert. Trotz immer leererer Kirchen hat er seinen Glauben nie verloren.
20. Mai 2017, 05:00

Franziska Herger

franziska.herger@urnerzeitung.ch

Wie sieht eigentlich Gott aus? Eine Frage für einen Experten. Bruno Tresch, Diakon und Leiter der Pfarrei Bruder Klaus in Altdorf, müsste es wissen. Seit vierzig Jahren ist er als Laientheologe tätig. Morgen Sonntag, 21. Mai, wird Tresch in die Pension verabschiedet. Sein Nachfolger als Pfarreileiter wird der Pfarrer von St. Martin, Daniel Krieg.

Aber eben, wie stellt er sich nun Gott vor? Als alten Mann mit Bart? «Um Himmels Willen, nein!», sagt Tresch lachend. «Gott ist für mich Quelle von Liebe, Frieden und Energie. Greifbar ist er vor allem in Jesus, aber auch in der Familie, im Mitmenschen und der Natur. Eigentlich ist man immer von Gott umgeben.» Gott war Bruno Tresch schon früh sehr nah. Er wuchs in Schattdorf in einer religiösen Familie auf. Pater Anselm Bütler, sein Religionslehrer am Kollegium, ermutigte ihn zu einem Theologiestudium. Auf dem Weg zum Priesteramt machte ihm dann die Liebe einen Strich durch die Rechnung. «Ich habe meine Frau Lisbeth Philipp kennen gelernt, und damit war klar, dass der Priesterberuf für mich nicht in Frage kommt», sagt Tresch mit einem Schmunzeln.

«Die Arbeit als Diakon hat mich immer erfüllt»

1997, nach 20 Jahren als Pastoralassistent, wurde Bruno Tresch zum Ständigen Diakon geweiht, 1998 wurde ihm die Leitung der Pfarrei Bruder Klaus übertragen. «Die Arbeit als Diakon hat mich immer erfüllt», erklärt er. Der Fokus auf den Dienst an den Armen, Kranken und Notleidenden sagt ihm zu – und macht nachdenklich. «Es gibt auch in Uri viel verborgene Not», sagt Tresch. «Man macht sich oft keine Vorstellung, dass unter uns Leute leben, die nicht wissen, wie sie ihre Einkäufe bezahlen sollen.»

Worauf ist Bruno Tresch nach 40 Jahren im Dienst der Kirche stolz? «Stolz sollte man nicht sein», wiegelt er ab. «Ich bin ja ein Werkzeug. Dass ich einiges bewegen konnte, ist eine Gnade.» Froh sei er aber über vieles, etwa die Entstehung des Hilfswerks der Kirche Uri, für das er sich stark eingesetzt habe. Besonders wichtig ist Tresch die Jugendarbeit. Während seiner Mitwirkung in der Landeskirche Uri wurde die Jugendseelsorge gegründet, und als Präsident der Arbeitsgemeinschaft Pro Jugend wirkte er an der Einrichtung des Jugendlokals Bunker mit. «Auch die kantonale Jugendberatungsstelle konnten wir lancieren», freut sich Tresch.

Doch alle Annäherung an die Jugend konnte nicht verhindern, dass die Kirche immer leerer wurde über die Jahre. «Dagegen habe ich auch kein Rezept gefunden», sagt Tresch. «In den letzten zehn Jahren hatten wir rund 500 Kirchenaustritte. Vor 40 Jahren gab es das noch kaum.» Den Grund sieht der Diakon im schlechten Ruf der Kirche. Die in den letzten Jahren aufgedeckten Missbrauchsfälle machen ihm zu schaffen. «Mir ist unerklärlich, wie so etwas passieren konnte. Und das in dieser Breite», so Tresch. «Solange solche Fälle innerhalb der Kirche nicht bereinigt sind, wird es bei den Gläubigen immer rumoren.» Auch mit dem Bistum Chur war der 64-Jährige oft nicht einverstanden. «Als Mitarbeiter erhielten wir nicht immer die nötige Unterstützung», so Tresch. Hoffnung setzt er dagegen in Papst Franziskus: «Er hat grosses Ansehen bei den Gläubigen. Man kann wieder sagen ‹Ich bin katholisch› und muss sich nicht gleich schämen.»

Nicht nur die Kirche, auch Bruno Tresch hat sich über die Jahre verändert. «Ich bin offener geworden und toleranter. Gerade auch die Sturheit gewisser Amtsträger hat das in mir hervorgerufen.» Doch bei aller Offenheit, radikale Veränderungen in der Kirche kann sich der Diakon schwer vorstellen. Angesprochen auf die Segnung eines lesbischen Pärchens durch den Bürgler Pfarrer, zögert er: «Jeder Mensch verdient die Liebe von Gott. Aber eine homosexuelle Partnerschaft mit der Ehe als Sakrament gleichzustellen, das geht theologisch gesehen schlecht.»

Kein Gott ohne den Teufel

In all den Jahren hat Bruno Tresch nie wirklich an Gott gezweifelt. Doch sein Glaube wurde stark geprüft, als 1981 in einem Blauringlager in Domat/Ems fünf Mädchen und ihre Leiterin von einer Schlammlawine erfasst wurden und starben. Tresch hatte die Kinder aus Uri als Präses begleitet. «Bei solchen Katastrophen frage ich mich schon manchmal, wo ist hier die Macht Gottes?» Tresch glaubt an den Teufel: «Anders kann ich mir die Welt nicht erklären. Da ist ein Schatten in jedem Menschen.» Es gelte, diesem Sog zu widerstehen. Ob ihm gelungen ist, dies «seinen» Pfarreimitgliedern zu vermitteln, kann Tresch nicht sagen. «Erfolg ist in meinem Beruf nicht messbar. Wir säen das Wort Gottes; ob die Saat aufgeht, liegt nicht in unserer Hand.»

Bruno Tresch lebt für die Gläubigen. Selbst auf Frage nach seinen Hobbys erzählt er zuerst von den Pfarreireisen, die er organisiert. «Und einen guten Wein trinke ich auch gerne.» Er bleibe dem Seelsorgeraum erhalten, mit einem 10-Prozent-Pensum in der Altersseelsorge und mit gelegentlichem Aushelfen, so Tresch: «Diakon bleibt man lebenslänglich, auch nach der Pension.»

Hinweis

Das Abschiedsfest für Bruno Tresch findet morgen bei der Kirche Bruder Klaus in Altdorf statt. Abschiedsgottesdienst um 10 Uhr, Verabschiedung um 11.45 Uhr, Mittagessen um 12.15 Uhr.


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