Christoph Brenner bringt ein Orchester vom Tessin ins Theater Uri

ALTDORF ⋅ Im Theater Uri gastiert ein Sinfonieorchester aus dem Tessin. Christoph Brenner, Direktor der Musikhochschule in Lugano, spricht über das Konzert, die mitwirkenden Musiker und den Stellenwert der klassischen Musik.
14. September 2017, 05:00

Markus Zwyssig

markus.zwyssig@urnerzeitung.ch

Christoph Brenner, wie schwierig ist es, mit einem grossen Sinfonieorchester unterwegs zu sein?

Die Musikhochschule Lugano macht regelmässig Konzertproduktionen mit einem grossen Sinfonieorchester. Diesmal finden die Konzerte in Lugano, Pontresina und Altdorf statt. Solche Tourneen sind eine relativ grosse logistische Herausforderung. Für alle Mitwirkenden muss man Fahrgelegenheiten und die Übernachtungen organisieren. Wir haben aber schon einiges an Erfahrungen gesammelt. Zum Schluss ist es meist eine Geldfrage.

Aber es lässt sich finanzieren?

Ja, durchaus. Es werden zwei Busse sein, die mit den rund 80 beteiligten Personen ins Engadin und nachher nach Altdorf fahren. Mitwirkende sind Studenten an unserer Musikhochschule, die den Bachelor oder Master machen. Sie sind zwar noch in der Ausbildung, spielen aber auf einem hohen musikalischen Niveau. Zum Teil sind sie bereits mit international bedeutenden Orchestern im Mailänder Opernhaus Teatro alla Scala aufgetreten. Unsere Studierenden kommen aus 40 Ländern. Es hat viele Asiaten, Amerikaner, Osteuropäer und sogar Australier dabei.

Weshalb haben sich die Studenten für die Ausbildung Lugano ausgesucht?

Wir sind eine sehr internationale Schule. Viele Studenten wollen den Unterricht bei einem bestimmten Dozenten besuchen. Im Ausbildungsmarkt gibt es einen grossen Wettbewerb. Es ist uns ein Anliegen, die besten Studenten nach Lugano zu holen. In der Schweiz gibt es aber noch etliche andere Möglichkeiten zum Studieren: Basel, Genf, Lausanne, Bern, Zürich und Luzern.

Da braucht es wohl einiges an Anstrengung, um mithalten zu können?

Ja, und wir unternehmen auch einiges. Mein Vater hat die Schule gegründet und aufgebaut. Ich bin seit 1999 Direktor an der Schule in Lugano – also auch schon fast ein Dinosaurier. In den vergangenen 15 Jahren ging es vor allem um den Ausbau der Musikhochschule sowie die Akkreditierung der Studiengänge. Mit etwas mehr als 200 Studienplätzen sind wir eine kleine Hochschule. Trotzdem brauchen wir uns nicht zu verstecken. Wir haben eine sehr gute Entwicklung gemacht und können ein klares Profil vorweisen.

War in früheren Jahren auch schon einmal ein Sinfonieorchester der Musikhochschule Lugano in Altdorf zu hören?

Nein. Wir sind zum ersten Mal mit dem Sinfonieorchester in Altdorf. Wir sind selten in der Deutschschweiz unterwegs. Eher treten wir neben dem Tessin im Raum Mailand auf.

Was ist das verbindende Element zwischen dem Tessin und dem Kanton Uri?

Der Eishockeyklub Ambri Piotta (lacht). Tessin und Uri sind zwei Alpenkantone. Der Gotthard verbindet mehr, als dass er trennt. Studenten oder Diplomierte unserer Schule arbeiten immer wieder mal in Uri, oder sie kommen aus dem Gotthardkanton, um bei uns zu studieren. Seit der Eröffnung des Neat-Tunnels sind sich die Kantone weiter nähergekommen.

Trotzdem: Klassische Musik liegt heute nicht mehr so stark im Trend. Wie kann man vor allem junge Menschen für die klassische Musik begeistern?

Die Ansicht teile ich nicht, dass klassische Musik nicht mehr im Trend liegt. Im Tessin wurden in den vergangenen Jahren gleich mehrere Musikschulen gegründet. Es gibt immer mehr junge Menschen, die ein Instrument lernen wollen. Wichtig ist da vor allem der Musikunterricht an den Schulen. Der vom Schweizer Stimmvolk gutgeheissene neue Verfassungsartikel zur Jugendmusikförderung muss allerdings erst noch umgesetzt werden. Es gibt viel Handlungsbedarf, sowohl was die Schule als auch die Talentförderung betrifft.

Ist klassische Musik zu elitär?

Die Vermittlung der Musik kommt vielleicht manchmal etwas steif daher. Wir müssen bereit sein, alte Zöpfe abzuschneiden. Alle Orchester machen sich aber heute Gedanken, wie sie zu einem jüngeren Publikum kommen können. Es gibt auch interessante Initiativen und Projekte, um Schulen, Kinder und Jugendliche einzubeziehen. Aus Tessiner Sicht stelle ich eine Steigerung der Nachfrage nach klassischer Musik fest. In der Ausbildung der Lehrer für die Volksschule arbeiten Musikhochschule und Pädagogische Hochschule eng zusammen. Die Musiklehrer werden sehr gut ausgebildet und sind entsprechend qualifiziert. Musik darf nicht nur «nice to have» sein. Vielmehr ist es ein Fach wie Mathematik oder Sprachen und genauso anspruchsvoll. Bei den jungen Menschen stelle ich erfreulicherweise einen starken Wettbewerbsgedanken fest – auch im Amateurbereich. Vielleicht ist das in der lateinischen Schweiz ausgeprägter als in der Deutschschweiz.


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