Für die Fasnacht zieht sie ins Hotel

ALTDORF ⋅ Während andere an der Fasnacht ins Ausland flüchten, zieht es Susanne Arnold in ihre Heimat. Dort verbringt sie Ferien der besonderen Art, um dem bunten Treiben noch näher zu sein: in einem Hotelzimmer mitten im Altdorfer Dorfkern.
08. Februar 2018, 07:11

Carmen Epp

carmen.epp@luzernerzeitung.ch

Mittwochnachmittag in Altdorf, der Startschuss der Fasnacht im Urner Hauptort steht kurz bevor. Susanne Arnold steht vor dem Telldenkmal, beladen mit Rucksack und grossen Ikea-Taschen. Anders als jene, die an der Fasnacht ihre Koffer packen, um dem bunten Treiben der nächsten Tage zu entfliehen, ist die 48-Jährige extra für die Fasnacht von Zürich in ihre Heimat gereist. Und da an der Fasnacht das Du herrscht, nennen wir sie ab hier nur noch mit Vornamen.

Dass man Susanne in Altdorf antrifft, ist keine Seltenheit. Seit 1990 lebt und arbeitet die Forstingenieurin zwar in Zürich, sie kommt aber regelmässig an den Wochenenden in ihre Heimat zurück. Dann übernachtet sie jeweils bei einer Freundin an der Gitschenstrasse. An der Fasnacht will Susanne aber noch näher ans Geschehen ran – und bezieht für eine Woche ein Hotelzimmer mitten im Altdorfer Dorfkern.

Zum 17. Mal an der Fasnacht im Hotel

Wieso extra ins Hotel, wenn doch ihre sonstige Wochenendbleibe in Altdorf keine 100 Meter Luftlinie entfernt liegt? «Natürlich könnte ich auch die nächsten Tage bei meiner Freundin übernachten», sagt Susanne. Ein Hotel sei aber gerade während der Fasnacht in vielerlei Hinsicht praktischer: Dort ist sie unabhängig, kann duschen, wann sie will, schlafen gehen, wann sie will. «Und nach dem Austrommeln kann ich ausziehen, ohne bei mir oder meiner Freundin ein Fasnachtspuff zu hinterlassen.»

Susanne weiss, wovon sie spricht: Bereits zum 17. Mal in Folge verbringt sie die Fasnacht in einem Altdorfer Hotel. Auf die Idee gebracht hatte sie ein befreundeter Hotelbesitzer in Altdorf. Dessen Zimmer blieben an der Fasnacht immer leer, weil die Hotelgäste dem Lärm im Dorfkern ausweichen wollten. Also bot er seinen fasnachtsbegeisterten Freunden Zimmer mit Bad vom Ein- bis zum Austrommeln an, ohne Zimmerservice und ohne Frühstück. Nachdem der besagte Freund den Hotelbetrieb aufgab, beherbergt nun ein anderes Altdorfer Hotel Fasnachtsgäste wie Susanne.

Denn die 48-Jährige ist nicht alleine im Hotel: Exil-Urner von auswärts, aus anderen Urner Gemeinden und selbst solche, die in Altdorf und damit nicht unweit von ihrer Fasnachtsresidenz wohnen, verbringen die Fasnachtswoche ebenfalls im Hotel. Wie teuer das die Fasnächtlerin zu stehen kommt, will Susanne nicht verraten. Sie spricht von einem Pauschalangebot von ein paar hundert Franken. «Das ist aber nicht der grösste Brocken meines Fasnachtsbudgets», fügt sie an und schmunzelt.

Volles Programm mit geheimem Frühstück

Wenn Susanne spricht, wird schnell klar: Diese Frau ist eine Fasnächtlerin durch und durch. Als Mitglied der ersten Stunde der 1984 gegründeten Vereins «Derffli-Frindä» zieht sie seit ihrem 15. Lebensjahr mit ihren Freunden an der Fasnacht durch die Altdorfer Gassen – mit jeweils vollem Programm vom Ein- bis zum Austrommeln. Neben den obligaten Umzügen stehen auch ein paar spezielle Einsätze auf dem Plan: Als Transgender verkleidet wird die zehnköpfige Truppe auf privaten Touren bei Freunden einkehren. «Und am Sonntag kriege ich an einem geheimen Ort vor der Nussbäumli-Katzenmusik jeweils Frühstücksspeck und Eier. Das wurde mir auf Lebzeiten versprochen.»

Wie oft die Fasnachtsverrückte in dieser Zeit ihr Hotelzimmer tatsächlich von innen sieht, ist unklar: «Am liebsten würde ich vom Eintrommeln bis zum Austrommeln durchmachen», sagt sie. Ob ihr das gelingt, wird sich zeigen. «Je nach Lust und Zustand» werde sie sich wohl ab und zu ein paar Stunden aufs Ohr hauen.

Spürt sie nach all den Jahren nicht langsam das Alter? «Körperlich ja, geistig überhaupt nicht.» Also keine Anzeichen dafür, dass die Lust an der Fasnacht mit zunehmendem Alter abnimmt? «Schön wärs!», sagt Susanne und winkt ab. Das Gegenteil sei der Fall, wie sie sagt: «Je älter, je Aff. Entweder man ist besessen von der Fasnacht oder eben nicht.» Susanne gehört zweifelsohne zur ersten Sorte.

Fasnacht als Heilmittel

Fasnacht sei für sie eine Lebenseinstellung, erzählt sie weiter. Mehr noch: Während dieser Woche könne sie ihre Festplatte löschen und frisch aufstarten. Und wenn sie auf die Trommel haue, sei das wie eine Meditation, dann könne sie den Alltag ganz zur Seite schieben. «Eigentlich müsste das die Krankenkasse bezahlen», findet Susanne. Nach der Fasnacht sei sie jeweils psychohygienisch gereinigt und wieder voll leistungsfähig. «Ein paar Tage danach auf jeden Fall», scherzt sie.

Insofern dient ihr Aufenthalt im Hotel durchaus auch der Erholung – auch wenn sich diese erst einstellt, nachdem sie ausgecheckt hat. Apropos: Das Hotel, in dem Susanne während der letzten Jahre die Fasnacht verbrachte, hat offiziell den Hotelbetrieb eingestellt und macht für diese Fasnacht nochmals eine Ausnahme. Fürs nächste Jahr muss Susanne also ein neues Hotel suchen. Eine Lösung sei schon vorgespurt, wie sie sagt. «Jetzt gilt es aber zuerst, diese Fasnacht zu überstehen.»


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