Vor 150 Jahren sah die Unterhaltung im Hotel Sonnenberg noch anders aus

SEELISBERG ⋅ Vor 150 Jahren sah die Animation in Hotels noch anders aus. Wie Dokumente zeigen, machten sich 1865 viele Gäste in Seelisberg stark, einem Waisenkind zu helfen.
10. November 2017, 08:55

Christoph Näpflin

redaktion@urnerzeitung.ch

Es ist über 150 Jahre her, als beim heutigen Sonnenberg in Seelisberg ein Steinhaus gebaut wurde, das 200 Gästen Platz bot. «Dank einer 24 Seiten umfassenden Denkschrift von 1865 ist bekannt, wie die damaligen Gäste ihren Aufenthalt in Seelisberg gestaltet haben», sagt der ehemalige Lehrer Peter Hauser, der sich mit dem Alltag der Gäste zur Gründungszeit des Fremdenverkehrs in Seelisberg auseinandergesetzt hat. Anlass für diese Recherchen bot das 100-Jahr-Jubiläum von Seelisberg Tourismus, das nun gefeiert wird.

Bauherr des imposanten Steinhauses von 1864 war Hotelier Michael Truttmann. Die Gäste, vorwiegend aus einer bürgerlichen Oberschicht, stammten aus ganz Europa. Sie erkundeten Seelisberg und die Umgebung und genossen ihren Aufenthalt im Hotel beim Baden in kaltem und warmem Wasser. Sie liessen sich mit Molkekuren und auserlesenem Essen verwöhnen. Eine reichlich ausgestattete Hausapotheke mit Mitteln gegen fast alle möglichen Gebrechen sowie ein Arzt waren im Kurhotel Sonnenberg vorhanden.

Gäste formieren sich zu Schicksalsgemeinschaft

Früher wie heute spielte beim Aufenthalt das Wetter eine bedeutende Rolle. Da die Gäste damals mehrere Wochen in den Ferien weilten, waren längere Regenperioden für die Gäste ein Problem. «Da es im August 1865 fast täglich regnete, fanden sich 76 Gäste des Hotels Sonnenberg, vor allem Bankiers, Professoren und hohe Staatsbedienstete aus Deutschland, England, Flandern und der Schweiz, zu einer Art Schicksalsgemeinschaft zusammen», weiss Peter Hauser aus den Dokumenten.

Zufällig hatte einer der Gäste die Bekanntschaft mit einem mittellosen Waisenkind im Dorf gemacht. Um Geld für das arme Kind zu sammeln, wurde kurzerhand eine Versteigerung unter den Gästen organisiert, bei dem bald ein Grossteil der Gäste spontan mitmachte. Diese Versteigerung war über Tage die Haupt­attraktion im Hotel. Als Preise winkten selber geschriebene Gedichte, Blumensträusse von den Seelisberger Wiesen, Schnitzereien und weitere Überraschungen der Gäste selber.

Am 20. August 1865 wurden Preise mittels eines Kartenspiels versteigert. «Bereits der Beschrieb der Preise blieb den Gästen in heiterer Erinnerung», so Augenzeugen.

250 Franken für Mädchen gesammelt

Es kam ein für die damalige Zeit hoher Betrag von 250 Franken zusammen, der als Mitgift für ein verwaistes Mädchen eingesetzt wurde. Bereits im September 1865 brachte der ebenfalls beteiligte Würzburger Buchhändler V. J. Stahel einen 24-seitigen Bericht heraus unter dem Titel Erinnerungen aus Seelisberg im August 1865. Dieses erzählt nicht nur diese Geschichte der internationalen Hotelgäste, welche alle namentlich darin erwähnt sind, sondern enthält auch eine Vielzahl von Kurzgedichten, welche sich die Gäste in diesem regnerischen Sommer gegenseitig geschrieben haben.


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