Gott und Teufel ziehen die Fäden

ALTDORF ⋅ Das Urner Krippenspiel von 1944 wird wieder ins Leben gerufen. Die Neuinszenierung von Matteo Schenardi mit dessen Bruder Andri und sechs Puppenführern spielt mit verschiedenen Ebenen.
03. Dezember 2017, 05:00

Florian Arnold

florian.arnold@urnerzeitung.ch

Er hätte lieber «Peter und der Wolf» gehört, sagt Andri Schenardi. Doch sein älterer Bruder Matteo habe an Weihnachten immer eine andere Schallplatte aufgelegt: das «Urner Krippenspiel» von Heinrich Danioth. «Ich habe es nicht begriffen – aber die Musik hat mir gefallen.»

Rauch steigt aus einer Kiste, eine rote, grimmige Marionette erwacht zum Leben, und Andri Schenardi leiht ihr eine knorrige Stimme. «Damit die Stund nicht leer verrinne, befehl ich gleich, das Spiel beginne», wird die Schallplatte von damals zitiert – und schon steckt man mitten in der Neuinszenierung des Stücks von 1944. «Den Kleinen vorgeführt, den Grossen zugedacht», beschrieb Heinrich Danioth (der «Teufelsmaler», 1896–1953) damals den Sinn hinter dem Stück. Und was der Urner Künstler den Erwachsenen sagen wollte, hat nicht an Aktualität eingebüsst.

Puppen sind auch Sinnbild

Im Zentrum der Handlung steht Wegknecht Joder, dem der Teufel begegnet, der es auf seine Seele abgesehen hat. Gleichzeitig bitten Fremde, die vom Pass her kommen, um Obdach. Als Joder einschläft, erscheint ihm ein Stern über dem Stall. Die Emigranten werden zu Maria und Josef, drei Holzerknechte, die ihm am Nachmittag begegneten, zu den drei Königen.

Die Marionetten ersetzen im Krippenspiel nicht nur die Schauspieler, sondern sind auch Sinnbild: Joder ist hin- und hergerissen, der Teufel zieht am einen Faden, Gott am zweiten und seine Frau Zänzä am dritten. Obwohl es sich nicht um eine Nacherzählung der Weihnachtsgeschichte handelt, ist die Essenz eine christliche: Kümmere dich um die Armen, schenke Liebe ohne Gegenwert, und tue das, was von dir als Mensch im Moment gefordert ist. Subtil eingeflochten sind Themen wie Migration und die Konsumgesellschaft, wenn auch nicht mit dem Zaunpfahl darauf gezeigt wird.

«Unsere Inszenierung soll ein stimmungsvoller Beitrag an die Weihnachtszeit sein», sagt Matteo Schenardi, der Regie führt. Sechs Spieler der Marionettenbühne Gelb-Schwarz ziehen an den Fäden der Puppen. Der heutige Profi-Schauspieler Andri Schenardi gibt den über zehn Charakteren verschiedene Stimmfarben und -melodien. Eine Herausforderung? «Wir haben kein Konzept dafür entwickelt», erklärt Andri Schenardi. «Es passiert einfach, wie wenn man einem Kind eine Geschichte erzählt.»

Wirklichkeit und Gedanken vermischen sich

Er und die sechs Puppenspieler sind während der Aufführung vom Publikum immer zu sehen. «Wir reissen den Rahmen auf und zeigen die Machart», erklärt der Regisseur. Auf diese Weise verschwimmen die verschiedenen Ebenen von Spielern und Puppen. «An der Geschichte von Danioth ändert sich aber nichts.» Auch diese spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab: Die Wirklichkeit und die Gedankenwelt von Joder vermischen sich. Und damit nicht genug: Auf mehreren Ebenen spielt sich auch die Probenarbeit ab, schliesslich sind die Schenardis nicht nur Brüder, sondern auch Schauspieler und Regisseur. «Es ist toll, wenn man sich so gut kennt», sagt Andri Schenardi. «Aber vielleicht ist man sich deshalb auch weniger hörig.» Was er nicht als Nachteil empfinde. «Beide müssen ihre Meinungen einbringen können. Ich bin froh, wenn mein Bruder genau sagt, was er will, es aber auch in Ordnung ist, wenn ich das anders sehe.»

Regisseur Matteo Schenardi, der sonst hauptsächlich mit Schülern Theater inszeniert, freut sich über eine weitere Gelegenheit, mit dem Profi-Schauspieler zusammenzuarbeiten, aber auch mit den Puppenspielern – und das erst noch mit einem Stück, das er schon lange einmal aufführen wollte. Offenbar ist das Stück beim Urner Volk nach wie vor beliebt, sind doch die regulären zehn Vorstellungen bereits weitestgehend ausgebucht. Eine Zusatzvorstellung wurde diese Woche ausgeschrieben. Und seiner offensichtlichen Spielfreude zu folgend, hat sich auch der jüngere Bruder mittlerweile mit dem Stück angefreundet.

Hinweis

Tickets für das Urner Krippenspiel gibt es unter folgender Adresse: www.ticketcenter-uri.ch.


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