Hongkonger kauft Traditionshaus in Flüelen

ABSCHIED ⋅ Ende September schliesst die Hostellerie Sternen und damit ein traditionsreicher Familienbetrieb mit einer bewegten Geschichte. Wie es in der Gaststätte weitergeht, die einen guten Ruf genoss, ist noch unklar.
16. September 2017, 05:00
 

Hans Arnold-Bonetti

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Monatelang war das Hotel Sternen in Flüelen auf Internetportalen zum Verkauf ausgeschrieben. Mit diversen Interessenten fanden Gespräche statt. Einen verbindlichen Vertrag konnte die Besitzerin des «Sternen», An­drea Bonetti-Christen, nun mit einem in der Schweiz bekannten Investor aus Hongkong unterzeichnen. Dieser denkt an kleine bauliche Eingriffe. Dann soll der Gastbetrieb in neuer, noch nicht genau definierter Form weiter­geführt werden. Damit geht in Flüelen die Ära eines traditionellen Familienbetriebes zu Ende.

Das Hotel Sternen steht auf Grundmauern spätmittelalterlicher Gebäude, welche dem Personal einer Sust als Wohnraum dienten. Sieben Besitzer dieser Liegenschaft sind ab 1610 namentlich bekannt. Schon 1854 gab es hier das Gasthaus Sternen. Der heutige Bau entstand 1900. Als man die Sust 1907 abbrach, weil man sie seit der Eröffnung der Gotthardbahn nicht mehr brauchte, wurde dem Hotel ein zweigeschossiger Vorbau angegliedert, welcher damals als Veranda diente, heute aber ebenerdig das Restaurant und oben den Saal beherbergt.

Wirtepaar Bonetti macht den «Sternen» bekannt

1872 bis 1987 war die Familie Sigrist Besitzerin des Hotels und begründete den hervorragenden Ruf seiner Gastronomie. 1987 kauften Peter und Andrea Bo­netti-Christen die Hostellerie ­Sternen und führten das Haus zu neuer Blüte. Man kaufte weitere Betriebe dazu, so die «Krone» in Andermatt und das «Kristall» in Seewen SZ. Denn Peter Bonetti hatte sich in den Bereichen Gastronomie und Betriebsführung umfangreiches Wissen angeeignet und war von der Auf­stockung aufgrund betrieblicher und logistischer Einsichten überzeugt.

Die Hostellerie Sternen galt stets als Ort vorzüglichen Essens in sehr dezentem Ambiente und mit perfektem Service. Da gab es saisonale Spezialitätenwochen, eine breite Palette an fein zubereiteten Fischen und vielen weiteren marktfrischen Produkten. Berühmt wurden auch der reichhaltige Dessertwagen und der vorzügliche Weinkeller. 31 Hotelbetten in rustikalen Zimmern luden die Gäste zum Verweilen ein. Der zeitgemäss ausgerüstete und helle Saal ermöglichte Bankette, Festanlässe und Seminare.

Mehrmals durfte das Wirtepaar spezielle Auszeichnungen entgegennehmen, so 1989 den «Goldenen Fisch», 1990 die Aufnahme in die «Gilde etablierter Gastronomen» und während vieler Jahre die begehrte Auszeichnung mit 14 Gault-Millau-Punkten. Zudem erhielten einige ­hausgemachte Produkte fast legendäre Bekanntheit, beispielsweise der intern entwickelte Holunderblüten-Sekt «Sambucino» oder die «Bristner Birnen im Rotwein».

Bevorzugter Ausbildungsplatz

Im «Sternen» eine Lehre zu machen, bedeutete für viele Jugendliche Ansporn, Anspruch und vielversprechende Basis einer beruflichen Karriere. Gegen 60 Köchinnen und Köche, Restaura­tions- und Hotelfachleute wurden im Verlauf von 30 Jahren ausgebildet. Zudem durchliefen zahlreiche Absolventinnen und Absolventen von Hotelfachschulen hier ihr Praktikum. Peter und Andrea Bonetti erarbeiteten sich einen anerkannten Vorbildstatus in Küche, Hotel und Betriebsführung. Die Ausstrahlung des Hauses war überregional, und mancher bekannte Gastbetrieb wird heute von ehemals im «Sternen» Angestellten oder Ausgebildeten geführt. Der fachliche Austausch und gezielte Weiterbildungen gehörten stets zur Philosophie des Wirtepaares.

Ein ausgeprägter Sinn für Ästhetik und Dekor ermöglichte im «Sternen» immer wieder attraktive Ausstellungen von bildenden Künstlerinnen und Hobbymalern, aber auch einen Kontakt mit der Hochschule für Kunst, Luzern. Gästezimmer und Speiseräume trugen stets kreativen, passenden Schmuck. Gestecke frischer Blumen schmückten schön gedeckte Tische. Als weitere Spezialität des «Sternen» galt auch der üppig blühende Geranienschmuck an Fenstern und Balkonen. Bleibenden Eindruck vermittelte zudem der faszinierende Blick in mehrere geschickt beleuchtete Vitrinen, in denen Peter Bonetti, ein leidenschaftlicher Strahler, die schönsten Exemplare seiner Sammlung ausstellte.

Betriebsführung im Alleingang

Peter Bonetti erlag im Herbst 2003 im Alter von 43 Jahren einer zehnjährigen Krebserkrankung. Andrea Bonetti führte den Betrieb im Alleingang und mit Erfolg weiter. Ihr damals 13-jähriger Sohn Marco stand seiner Mutter nach Möglichkeit zur Seite, wählte aber nicht einen gastronomischen, sondern einen kaufmännischen Beruf. Andrea Bonetti entfaltete viel Mut, Führungskraft und Frauenpower, und es gelang ihr, den Stab der Mitarbeitenden stets auf Qualität zu fokussieren. Gleichzeitig engagierte sie sich in der Dorfpolitik, und sie amtete 2008/09 sogar als Gemeindepräsidentin von Flüelen. Die externen Hotelbetriebe wollte und konnte sie verkaufen, um sich voll und ganz auf den «Sternen» konzentrieren zu können.

Natürlich erlebte die engagierte Hotelfachfrau in den letzten Jahren auch einschneidende Entwicklungen, nicht immer zum Vorteil ihres Betriebes. Stichwortartig erwähnt seien die Anpassung der Mehrwertsteuer, neues Reise- und Buchungsverhalten, starker Franken, Umgang mit Rauchen und Alkohol, Ausbleiben traditioneller Gästesegmente. Kurz: Die Rendite liess in mancher Saison zu wünschen übrig. Der Verkauf drängte sich auf.

Wo so viel Leidenschaft für einen Beruf, so viel Identifikation mit dem Betrieb im Spiel ist, muss wohl mit dem Verkauf des Hotels der Satz vom weinenden und lachenden Auge der verantwortlichen Chefin zutreffen. Andrea Bonetti-Christen findet jedoch vor allem aufrichtige Worte des Dankes für viele Menschen: ihre während vieler Jahre treue, grosse Kundschaft, die Angestellten und beruflich Ausgebildeten, aber auch ihre Angehörigen sowie Freunde und Kunstschaffende.


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