Der neue Gemeindepräsident: In knapp acht Monaten von 0 auf 100

BAUEN ⋅ Andreas Gisler ist seit dem 1. Januar neuer Gemeindepräsident von Bauen. Er möchte zusätzliche Einwohner in die Seegemeinde locken und das Projekt «Fusion mit Seedorf» zu einem möglichst deutlichen Ja des Stimmvolks führen.
09. Januar 2018, 05:00

Bruno Arnold

bruno.arnold@urnerzeitung.ch

«Wer nach Bauen zieht, muss damit rechnen, im Gemeinderat zu landen», sagt Andreas Gisler – und schmunzelt. Er spricht aus Erfahrung. Im Mai 2017, nur gerade knapp neun Monate nach der Wohnsitznahme, war er bereits gewähltes Mitglied des fünfköpfigen Gremiums.

Achtzehn Jahre lang hatte Gisler zuvor im Zürcher Unterland gelebt. «Eigentlich wollte ich schon vor Jahren wieder in meine Heimat zurück. Aber meiner Frau, die aus dem Thurgau stammt, waren die Berge etwas zu nahe, zu hoch und zu erdrückend. Als Kompromiss haben wir eine Ferienwohnung in Bauen gemietet.» Drei Jahre später erhielt er dann grünes Licht: «Ich komme mit in den Kanton Uri, aber nur nach Bauen», erklärte Gislers Frau, die im Sommer 2018 den Masterabschluss als Psychologin anstrebt. Das wird für beide heissen: weniger pendeln. «Ich selber will dies nur noch drei- bis viermal pro Woche tun», so der Leiter Global Travel Management bei der Swiss Re in Zürich. «Den Rest erledige ich im Homeoffice oder bin ohnehin geschäftlich im Ausland unterwegs.»

Startschuss für steile Karriere

Die Rückkehr zu den Wurzeln wurde zum Startschuss für eine «steile politische Karriere». So tönte es zumindest in Gislers privatem Umfeld – mit einem humoristisch gefärbten Unterton. Rasant ging es in der Tat: 1. September 2016: Wohnsitznahme in Bauen; 22. Mai 2017: Wahl in den Gemeinderat; 20. November 2017: Wahl zum Gemeindepräsidenten; 1. Januar 2018: Amtsantritt. Anders gesagt: In knapp acht Monaten beschleunigte der gelernte Kaufmann politisch von 0 auf 100.

Für Politik hatte sich Gisler zwar schon immer interessiert, ohne allerdings je einer politischen Behörde anzugehören. «Gerade in einer kleinen Gemeinde ist es wichtig, dass jeder seinen Teil zum Wohl der Allgemeinheit beiträgt», betont er. «Deshalb habe ich nicht grundsätzlich abgeblockt.» Als aber schon wenige Monate nach dem Amtsantritt die Anfrage zur Übernahme des Präsidiums kam, habe er dies ganz klar abgelehnt. «Mir ging das viel zu schnell», so Gisler. Er hätte lieber jemanden an der Spitze gesehen, «der länger in Bauen wohnt, der Land, Leute und Verhältnisse besser kennt als ich». Doch niemand war bereit – weder der neu gewählte Gemeinderat noch Gislers Amtskollege respektive -kolleginnen. «Wenn das Volk einverstanden ist und mich wählt, dann mache ich es», bekam die abtretende Präsidentin erfreut zu hören, als sie erneut «bohrte». Grosse und kostenintensive Wahlpropaganda brauchte Gisler in der Folge nicht zu betreiben ... Inzwischen hat er sein Amt mit Freude und Tatendrang angepackt.

Vermutlich unbefangener und auch unbelasteter

Dass er nicht in Bauen aufgewachsen ist und das Dorf noch nicht im Detail kennt, erachtet er nicht als grundsätzlichen Nachteil: «Ich gehe die Sache vermutlich unbefangener und unbelasteter an als ein Einheimischer. Die Sicht eines Zugezogenen ist oft eine andere, sie muss aber nicht zwingend falsch sein oder gar schaden», so der gebürtige Schattdorfer. «Wir sind ein gutes Team im Gemeinderat», ist der neue Präsident überzeugt. «Die Mischung stimmt, nicht nur geschlechterspezifisch, sondern auch bezüglich Verhältnis zwischen Einheimischen und Zugezogenen sowie Jüngeren und Älteren», glaubt Gisler. «Der Gemeinderat soll als Teil der Bevölkerung wahrgenommen werden.»

«Ich bin ein extrovertierter Typ, der keine Berührungsängste kennt», sagt Gisler von sich. Er möchte nun die Geschichte der Gemeinde und die Einwohner möglichst schnell kennen lernen und ein gutes Beziehungsnetz aufbauen. «Ich will nicht der Gemeindepräsident sein, sondern Andreas Gisler.» Dass er bereits in der Katzenmusik mitgemacht hat, könnte diesbezüglich sogar ein Plus sein. Und was die Amtsführung angeht, meint er: «Ich will und muss Erfahrungen sammeln und werde auf Learning by Doing setzen.» Gisler dürfte dabei auch von ­seiner Tätigkeit als Kadermann in der Privatwirtschaft profitieren. «Mir sind Transparenz und offene Kommunikation sehr wichtig, ob privat, geschäftlich oder als Gemeindepräsident», betont er. «Wichtig ist, dass wir lösungsorientiert und sachlich politisieren.» Er selber verfüge über einen «gesunden Pragmatismus» und werde versuchen, mit Diplomatie und Kompromissbereitschaft Lösungen zu finden, die dem Allgemeinwohl dienten, auch wenn er wisse, dass er es nicht allen recht machen könne.

Reservoir, «Alte Post» und Gemeindefusion

Drei Themen werden die Gemeinde Bauen in naher Zukunft prägen. 2018 wird das neue Wasserreservoir eingeweiht, in der gemeindeeigenen «Alten Post» sollen Mietwohnungen bezogen werden können, und schon demnächst beginnen die Verhandlungen für das Projekt «Fusion mit Seedorf». Am 21. November 2016 haben die Bauer dem Gemeinderat mit 52 zu 0 Stimmen ein Mandat respektive die Legi­timation für offizielle Fusionsverhandlungen mit Seedorf erteilt – nicht zuletzt aufgrund der Schwierigkeit, die Behörden zu besetzen. Gisler befürwortet den Zusammenschluss, «nicht zuletzt, weil der Anstoss von der Bevölkerung ausgegangen ist und weil bereits heute eine enge Zusammenarbeit in den Bereichen Verwaltung und Schule besteht». Mit ein Grund sei aber auch, dass das heutige Milizsystem aufgrund der wachsenden Komplexität der Geschäfte zunehmend an Grenzen stosse. «Die Erwartungen und Auflagen des Kantons werden immer umfassender», unabhängig von der Grösse der Gemeinde.

«Bauen ist für Seedorf eine attraktive Braut», ist Gisler überzeugt. «Die ­Gemeinde steht finanziell auf gesunden Füssen. Kostspielige Investitionen im ­Bereich der Infrastrukturen sind zu einem grossen Teil bereits getätigt worden.» Wichtig sei es, die Bevölkerung in den laufenden Prozess einzubeziehen. «Unser Ziel muss ein klares Ja zur Fusion sein, sonst müssen wir gar nicht erst beginnen, ernsthaft an einem solchen Konstrukt zu arbeiten», betont der Gemeindepräsident. Und was für ihn ganz wichtig ist: «Wir brauchen eine Lösung, hinter der die Leute mit Überzeugung stehen können.» Das heisst für ihn auch, dass Repräsentanten des Dorfteils ­Bauen in einer künftigen Exekutive der neuen Gemeinde vertreten sein müssen.

«Man muss sich zu organisieren wissen»

Attraktive Braut hin oder her: Bauen gilt da und dort als abgelegen, wegen fehlender Post, Schule, ÖV-Verbindungen und Einkaufsmöglichkeiten sogar als unattraktiv. «In Bauen macht man gerne Ferien. Und Ferien macht man dort, wo es schön ist», widerspricht Gisler. «Man muss sich nur zu organisieren wissen.» Um die Leute zum dauerhaften Bleiben zu bewegen, brauche es aber mehr Wohnraum. Auch müsse Bauen ins regionale Gesamtverkehrskonzept eingebunden werden – wenn nicht mit einem öV-Anschluss, dann mit anderen respektive innovativen sowie kreativen Ideen und Lösungen. «Wenn das gelingt, werden vermehrt Leute hierherziehen», glaubt Gisler. Und schmunzelnd fügt er an: «Vielleicht wird Bauen ja noch attraktiver, wenn man nicht befürchten muss, kurz nach dem Umzug im Gemeinderat zu sitzen.» Auch so kann man der Fusion positive Seiten abgewinnen.


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