System verhindert eine patientenorientierte Pflege

GESUNDHEIT ⋅ «Wohin mit dem Gesundheitswesen und den Arbeitsbedingungen?» Dieser Frage ging eine Informationsveranstaltung der Gewerkschaft Syna nach. Sie fordert flexible Altersrücktrittsmodelle.
10. November 2017, 09:25

Dass das Gesundheitswesen immer mehr kostet, ist allgemein bekannt. Dass die Kranken­kassenprämien ständig steigen ebenso. Und dass sich dadurch die Arbeitsbedingungen verschlechtern, ist längst kein Geheimnis mehr.

Unter dem Titel «Wohin mit dem Gesundheitswesen und den Arbeitsbedingungen?» luden die Gewerkschaft Syna Regionen Uri sowie Ob-/Nidwalden in Stans zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung ein. Der klinische Pflegewissenschafter Michael Kleinknecht stellte dabei seine Studie «Moralischer Stress in der Pflege – Einfluss der DRG-Finanzierung auf die Arbeitsbedingungen und die Qualität der Pflege» vor. Er erklärte die problematischen Auswirkungen seit der Einführung 2012 des Fallpauschalensystems an Schweizer Spitälern.

«Man kann nicht beliebig sparen»

Als Grundlage dienten Befragungen an fünf grossen Spitälern. Dabei zeigte sich, dass das Fallpauschalensystem Swiss DRG die Motivation der Pflegenden beeinträchtigt, weil eine den Patientenbedürfnissen entsprechende Pflege nicht mehr erbracht werden kann. Weitere Folgen sind laut Kleinknecht Restrukturierungen bei Leistungen im akut-stationären Bereich, die Verschlechterung der Patientensicherheit und der Behandlungsqualität infolge Patientenverdichtung. «Man kann nicht beliebig sparen», erklärte Kleinknecht.

Weil sich aber die Aufenthaltsdauer von Patienten in Spitälern immer mehr reduziert und gleichzeitig die Komplexität der Fälle steigt, muss in weniger Zeit die gleiche Pflege erbracht werden. Für viele Pflegende kann dies zu moralischem Stress führen. «Moralischer Stress ist ein Phänomen», betonte Kleinknecht. «Wenn ein Pflegender nicht mehr den professionell-ethisch angemessenen Ansprüchen gerecht werden kann, ­sprechen wir von moralischem Stress. Dieser kann emotionale und körperliche Auswirkungen auf die Pflegenden haben.» Die Leidtragenden sind aber nicht nur die Pflegenden, sondern auch die Patienten.

Wie weiter? Laut Kleinknecht sind Massnahmen gegen den Pflegenotstand notwendig. «Die Komplexität der Pflege, abnehmende finanzielle und personelle Ressourcen und die gleichzeitig wachsenden Ansprüche der Patienten erfordern eine erhöhte Aufmerksamkeit der Pflegenden, damit Qualität, Sicherheit und Gerechtigkeit die wichtigsten Gebote ihres beruflichen Auftrags bleiben.»

Irene Darwich, Syna-Branchenleiterin Gesundheitswesen, stellte anschliessend die Posi­tionen und das Engagement der Syna im Gesundheitswesen vor. «Gerechte Arbeitsverhältnisse sind ein Ziel unserer gewerkschaftlichen Arbeit.» 550000 Personen sind schweizweit im Gesundheitswesen tätig. Lediglich 80000 von ihnen sind einem Gesamtarbeitsvertrag unterstellt. «Spitäler, Alters- und Pflege­heime werden zunehmend privatisiert», erklärte Darwich. Zu einem immer grösseren Problem werde auch der Fachkräftemangel. Dies auch als Folge der immer unattraktiveren Arbeitsbedingungen. «Wir fordern einen starken Service public und flexible Altersrücktrittsmodelle», hielt Irene Darwich fest.

huwy


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