Kasi Geissers Erbe ist vielfältig

ALTDORF ⋅ Bei einem Wettbewerb im Theater Uri zeigte sich, wie unterschiedlich die Musik des Ländlerkönigs heute interpretiert werden kann. Im Laufe des Konzerts wurde die «Stubätä» zur veritablen Jam-Session.
05. Dezember 2017, 08:34

Markus Zwyssig

markus.zwyssig@urnerzeitung.ch

Kasi Geisser wurde zwar nur 44 Jahre alt und ist 1943 verstorben. Seine Musik wird aber immer noch häufig gespielt. Markus ­Brülisauer, Geschäftsführer des Hauses der Volksmusik, geht noch weiter und sagt: «Kasi Geisser war der einflussreichste Ländlermusiker des 20. Jahrhunderts.» Und das sei er bis heute ge­blieben.

Bei der Aufgabe, den Nachlass von Kasi Geisser zu digitalisieren, entstand im Haus der Volksmusik in Altdorf die Idee, einen Wettbewerb auszuschreiben. «Wir wollten Musiker dazu motivieren, ihre eigenen, neuen Versionen von Kasi-Geisser-Kompositionen zu schreiben», erklärt Brülisauer. Der Wettbewerb «Quasi Geisser» war geboren. Finanziell getragen wird das Projekt von den «überkantonalen kulturellen Kompetenzzentren», unterstützt von Pro Helvetia im Rahmen der Initiative kulturelle Vielfalt in den Regionen, sämtlichen Zentralschweizer Kantonen, der Fondation Suisa und weiteren Förderern.

Publikum erhält ein Suchbild vorgesetzt

Am Sonntagabend liessen die 10 Nominierten die Katze aus dem Sack und gaben im grossen Saal im Theater Uri ihre Uraufführungen zum Besten (siehe unsere Zeitung von gestern). Die Ländlerkapelle Echo vom Gätterli aus Gersau spielte jeweils die Original-Melodie von Kasi Geisser. Danach folgte die Bearbeitung. 250 Personen liessen sich auf das musikalische Abenteuer ein. Für das Publikum war es zum Teil ein akustisches Suchspiel, Geissers Vorlage heraus­zuhören. So unterschiedlich die Uraufführungen klangen, so ­verschieden waren auch die Zusammensetzungen der Formationen. Diese reichten vom Trio bis zur 50-köpfigen Blasmusik.

Auch musikalisch war das Spektrum sehr weit gefächert. Mit den Melodien von Kasi Geisser machte das Publikum eine musikalische Weltreise: Die Einflüsse reichten von Klezmermusik aus New York, Tango aus Uruguay, Wiener Walzer bis hin zur neuen Musik. Da wurde die «Stubätä» zur Jam-Session.

Kasi Geissers Melodien werden zur Zigeunermusik

«Es freut uns, dass durch den Wettbewerb Menschen aus ganz unterschiedlichen musikalischen Sparten angesprochen wurden», sagt Brülisauer. Offensichtlich sei es gelungen, das Interesse vieler zu wecken. Gefreut hat ihn auch der unverkrampfte Umgang mit Geissers Volksmusik. «Es war ein enormer gegenseitiger Respekt zu spüren», so Brülisauer. «Die traditionelle Volksmusik wurde von Musikern und Publikum ebenso geschätzt wie die neuen musikalischen Einflüsse.»

Alle Nominierten erhielten je 800 Franken. Der Siegertitel wurde mit 3000 Franken belohnt. Die Jury – bestehend aus den beiden Musikern Ueli Mooser und Markus Flückiger sowie SRF-2-Redaktorin Mariel Kreis – zeichnete Marc Hänsenberger mit dem Hauptpreis aus. Dieser spielte mit seiner Formation Musique Simili eine Melodie von Kasi Geisser im Stile der verschiedenen Zigeunermusiken Osteuropas. Hänsenberger zeigte sich gestern auf Anfrage erfreut über den Preis. Der Musiker aus dem Berner Seeland gab das Lob aber gleich weiter: «Auch andere hätten eine Auszeichnung verdient.» Der Preisträger durchforstete das digitale Archiv nach Moll-Melodien. Es gibt aber nicht so viele Stücke in Moll bei Kasi Geisser. So stiess er auf die Melodie «Halb schweizerisch, halb italienisch». Die «Quasi Geisser Zigane» trug er dann am Akkordeon zusammen mit drei Geigen vor.

Kasi Geisser kannte er vor dem Wettbewerb nur dem Namen nach. Erst mit der Ausschreibung begann sich Hänsenberger intensiver mit Geissers Musikerleben zu befassen. «Er war ein Vagabund, der hin und her gezogen ist», so der Preis­träger. «Von überall her hat er Einflüsse in seine Musik aufgenommen.» Ähnlich hätten das auch Zigeunermusiker gemacht. «Sie haben sich von der Musik des Landes, in dem sie gerade waren, inspirieren lassen. Die Musik haben sie dann durch ihre eigene Mühle gedreht, daraus etwas Eigenes geschaffen.»


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