Katzenmusik verspürt Aufwind

GÖSCHENEN ⋅ Erfreuliche Zahlen: 78 Fasnächtler waren beim Eintrommeln, 44 an der Tagwache am Schmutzigen Donnerstag. Der Faschingsclub Göschenen fördert den Zusammenhalt im Dorf mit Risottoessen und Unterhaltung im Schulhaus.
11. Februar 2018, 21:29

Christoph Hirtler

redaktion@urnerzeitung.ch

8. Februar 2018, Tagwache, 5 Uhr früh: Eine Rakete schiesst in die Luft und explodiert mit lautem Knall. Sofort setzt die Katzenmusik ein. Anderthalb Stunden scheppert Katzenmusik durchs Dorf, prallt von den nahen Felswänden mehrfach als Echo zurück – als wären mehrere Katzen-musiken gleichzeitig unterwegs. Der Katzenmusikmarsch klingt hier mächtig und magisch. «44 waren dieses Jahr an der Tagwache, 78 beim Eintrommeln», resümiert der Präsident des Faschingsclubs Göschenen, Hanspeter Furger.

Göschenen ist stolz auf diese Zahlen und weiss sich zu helfen: Weil im Winter sämtliche Restaurants schliessen und das Hallenbad zum Mehrzweckgebäude umgebaut wird, hat der Vorstand des Faschingsklubs mit ein paar Jungen die Fasnachtsbeiz im Schulhaussaal eingerichtet. Die Mehlsuppe kocht Beat Walker vom Gourmetrestaurant «im Feld», Gurtnellen, das Brot hat der 79-jährige Göschener Hans Ryser gebacken. Die Garage Zgraggen und das Kraftwerk Göschenen AG offerieren an der morgendlichen Tour einen Apéro und einen Raum zum Aufwärmen. Im Kraftwerk lässt es die Katzenmusik richtig krachen – der 67 Meter lange Zugangsstollen verstärkt ohrenbetäubend. Nach einer halbstündigen Pause geht’s zum Bahnhof, entlang der Perrons und den verschneiten Geleisen.

«Göschner Lälli» und Risottoessen

Viele helfen mit: Werner Imholz, leitender Angestellter beim Kraftwerk, layoutet den «Gösch-ner Lälli». Die Verse schreibt seit Jahren Peter Fedier, ehemaliger Posthalter von Göschenen. Er kennt das Oberland wie kein Zweiter: «Für den Zusammenhalt spielt die Kreisschule Urner Oberland in Gurtnellen eine wichtige Rolle. An der Oberstufe lernen sich die Jungen von Göschenen, Wassen und Gurtnellen kennen. Viele Pärchen haben später geheiratet. Ein Treffpunkt ist die Göschener Fasnacht.»

Seit 15 Jahren kochen Beat Furger, Hugo Gamma und Werner Jauch das sämige Safranrisotto mit Luganighe. Über 200 Portionen werden geschöpft. Das Risottoessen ist der Höhepunkt des Schmutzigen Donnerstags. Mütter mit kleinen Kindern, Arbeiter vom Werkhof, Pensionierte, Fasnächtler aus Gurtnellen und die Katzenmusik füllen den Saal. An einem der Tische sitzt Gemeindeschreiber Walter Baumann: «Die Katzenmusik verbindet. Ob du alt oder jung bist, links oder rechts stehst – jede und jeder ist zum Mitmachen eingeladen.»

Zahl der Einwohner ist wieder leicht steigend

Baumann erzählt von früher, von eleganten Fasnachtsbällen im Bahnhofbuffet in den 1970er-Jahren. Ballbesucher kamen sogar aus dem Tessin und im Dorf waren die Restaurants bis auf den letzten Platz besetzt. «Heute ist es nicht besser oder schlechter, es ist anders», stellt er fest. Die Einwohnerzahl sank in den letzten 30 Jahren von 900 auf 450. Zurzeit ist sie leicht steigend – 500 Personen leben heute in Göschenen. Weggezogene kamen zurück, Neue sind zugewandert, darunter auch Familien, die Ruhe in der Natur suchen. Auch Angestellte des Andermatt Swiss Alps Resorts wohnen hier. Neue Häuser wurden gebaut, ältere renoviert, einige Häuser stehen leer. 180 Personen nehmen am Kinderumzug teil, Mütter mit Kleinkindern, Schülerinnen, Jugendliche, an der Spitze des Zugs Hanspeter Furger, der Präsident des Faschingsclubs und Walter Baumann, der Gemeindeschreiber, verkleidet als Graf Dracula. Mittendrin auch Charlie und Rudi Reeck, Kinder deutscher Eltern, die im Juni 2017 nach Göschenen zogen.

Die Engadinerin Corina Gamma-Roner wohnt seit 2011 mit ihrer Familie in Göschenen. Als Präsidentin der Frauengemeinschaft moderiert sie nach dem Kinderumzug die Maskenprämierung im Mehrzweckraum und tanzt fröhlich mit den Kleinen eine Polonaise durch den Saal. Musik ab Band, Ententanz, Kulthit der 1970er-Jahre.

«Die Jungen wollen nicht monatelang proben»

Der 40-jährige Präsident Hanspeter Furger, seit 20 Jahren im Faschingsclub Göschenen, erin-nert sich: «In meiner Schulzeit ist die Katzenmusik beim Feuerwehrlokal abmarschiert, dann gings zur Gemeindekanzlei. Im ‹Gotthard› machten wir Halt. Danach ging‘s weiter zum ‹Rössli›, zur ‹Sagi›, zum ‹Löwen›, zur ‹Krone› und am Schluss landeten wir im ‹Buffet›.» Hanspeter Furger beobachtet eine Trendwende: «Die Guggenmusiken waren ab den 1990er-Jahren modern. Die Göschener ‹Spätzinder› waren nur noch am Eintrommeln und beim Böög-Verbrennen im Dorf. Meistens spielten sie auswärts an Umzügen. Heute ist die Katzenmusik wieder im Aufwind. Die Jungen wollen sich nicht mehr binden und monatelang in einer Guggenmusik proben. Du kannst beim Eintrommeln ein Trümmeli nehmen und am letzten Tag zurückgeben.» Der Faschingsclub Göschenen hat genügend Instrumente. Die Zeiten, als die Älteren den Kindern die Trommeln wegnahmen und sich diese mit Büchsen behelfen mussten, sind endgültig vorbei.


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