Kulturgeschichte einmal anders

ALTDORF ⋅ Die Buchbox «Imaginary Wanderings» zeigt die Gotthardregion von ihrer literarischen Seite – zum Anfassen, Ausschneiden, Falten und Kleben.
20. Mai 2017, 10:47

Franziska Herger

franziska.herger@urnerzeitung.ch

Ein Märchenschloss auf dem Rütli, genau wie Neuschwanstein. Davon träumte der bayrische König Ludwig II., als er 1881 mit dem Dampfschiff über den Urnersee fuhr. Die Zentralschweiz hat schon immer zu wilden Ideen inspiriert. Die neuste wurde von der «Süddeutschen Zeitung» immerhin als «Neuerfindung des Buches» bezeichnet und am Donnerstag in der Kantonsbibliothek Uri in Altdorf vorgestellt: die Buchbox «Imaginary Wanderings Press No. 1: Vierwaldstättersee und Gotthard».

In dieser Box, irgendwo zwischen klassischem Buch und Bastelbogen angesiedelt, findet sich nicht nur die Geschichte von Ludwig II., sondern etwa auch diejenige von dem walisischen Mönch Adam von Usk, der 1402 den Gotthard mit verbundenen Augen überquerte, «um die Schrecken des Passes nicht zu sehen». Erzählt wird das alles und viel mehr in zwölf interaktiven Tableaus und einem Essayband mit Texten und historischen Quellen zur Innerschweizer Kulturgeschichte.

Handlich ist sie nicht gerade, die Neuerfindung, und auf den ersten Blick ist nicht ganz klar, wo man mit den verschiedenen Tableaus beginnen soll. «Einfach das rausnehmen, was gut aussieht», rät Autorin und Germanistin Barbara Piatti. Gemeinsam mit Illustratorin Yvonne Rogenmoser, Kulturwissenschaftlerin Christina Ljungberg und Gestalterin Christiane Franke hat sie die Buchbox in zweijähriger Kleinstarbeit entwickelt. «Die Box ist für uns eine echte Herzensangelegenheit», so die Baslerin Piatti. «Wir wollten das Unsichtbare in der Landschaft sichtbar machen.»

Basteln als Zugang zum Text

Und tatsächlich, auf den zweiten Blick und mit etwas Zeit und Musse eröffnet sich zwischen den Seiten eine faszinierende Welt. Im Kapitel «Architektur» kann nicht nur das Märchenschloss von Ludwig II. ausgeschnitten, gefaltet und geklebt werden, sondern auch ein anderes, nie realisiertes Bauwerk der Gotthard­region: die Porta Alpina, komplett mit winzigen Steinböcken zum Aufkleben. Auch im Kapitel «Drachen» geht es ums Falten, diesmal den Drachen vom Pilatus, im Stil eines Kupferstichs aus dem 18. Jahrhundert.

Im 1,5 Meter langen Tableau «Gäste» finden sich all die berühmten Schweiz-Besucher von Lenin über Winston Churchill bis Audrey Hepburn in einem modernen Neat-Zug wieder. Nur Friedrich Schiller verpasst den Zug. «Schliesslich war er ja nie in der Innerschweiz», sagt Piatti lachend. Das Ganze sieht hochwertig aus und fühlt sich auch so an. Die Druckerei Odermatt aus Dallenwil, welche die Box produziert, hat dafür den Swiss Print Award in Silber gewonnen.

Doch an wen richtet sich die Buchbox, die komplett zweisprachig auf Deutsch und Englisch verfasst ist? «Wir hoffen natürlich auf die Touristen», so Piatti. Für Kinder sei die Box eher nicht gemacht. «Das Basteln ist hier nicht der Hauptzweck, sondern ein Zugang zum Text.» Die Box sei auch ein sehr gutes Geschenk. Martina Wüthrich, Co-Leiterin der Kantonsbibliothek Uri, stimmt zu: «Eigentlich ist es kein Buch, sondern ein eigener kleiner Planet.»

Hinweis

Die Buchbox «Imaginary Wanderings Press No. 1: Vierwaldstättersee und Gotthard» ist in lokalen Buchhandlungen und unter www.imaginary-wanderings.com erhältlich.


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